Diese Frage geht mir schon seit einiger Zeit durch den Kopf. Im kommenden Jahr werden die Pfarrgemeinderäte neu gewählt. Und ich stehe vor der Entscheidung, ob ich noch einmal kandidieren möchte.
Ich war in den vergangenen Jahren im Pfarrgemeinderat. Habe mitgedacht, mitdiskutiert, mitentschieden, manchmal auch gestritten. Aber habe ich wirklich etwas bewirkt?
In der großen Kirche wohl kaum. Noch immer gibt es für Frauen keinen Zugang zu den Weiheämtern – und dabei wäre ich fürs Erste schon mit dem Diakonat zufrieden. Noch immer sind die Möglichkeiten echter Mitbestimmung begrenzt. Vieles hängt davon ab, wie offen ein Pfarrer ist und wie viel Verantwortung er „zulässt“. Aber Mitbestimmung sollte doch kein Zugeständnis sein, sondern selbstverständlich! Will ich also weiterhin Strukturen mittragen, die Mitbestimmung versprechen, aber wesentliche Entscheidungen anderen vorbehalten? Immer wieder aufzeigen, was fehlt, an denselben Mauern kratzen und mich schließlich mit freundlichen Worten und einem „Leider geht das gesamtkirchlich noch nicht“ (ver)trösten lassen? Manchmal denke ich, ich sollte es wie Martin Luther machen und ein paar Thesen an eine Kirchentür schlagen.
Aber dann gibt es auch die andere Seite meiner gedanklichen Liste.
Ist es nicht gerade deshalb wichtig, dabei zu sein? Unbequeme Fragen zu stellen, Missstände anzusprechen und nicht alles hinzunehmen, nur weil es schon immer so war?
Im Pfarrgemeinderat kann ich mitentscheiden, welche Schwerpunkte wir setzen und wie wir als Gemeinde miteinander leben wollen. Ich kann mich für Menschen starkmachen, die allzu leicht übersehen werden. Und dabei denke ich nicht nur an jene, die materielle Unterstützung brauchen. Ich denke auch an Menschen, die anders denken, fühlen oder lieben, als es vermeintlich der Norm entspricht. An Menschen, die in unserer Kirche keinen Platz für sich finden, obwohl sie doch genauso dazugehören.
Fehlt da nicht meine Stimme, wenn es darum geht, wie wir Trauernde begleiten? Wenn unsere Sprache im Gottesdienst viele Menschen nicht mehr erreicht? Wenn Familien heute andere Wege zu Gott und zum Glauben suchen und wir ihnen nicht mit fertigen Antworten, sondern mit offenen Türen begegnen sollten?
Und dann ist da noch etwas, das ich bei all meinen Überlegungen fast vergessen hätte: die Freude: Die Freude daran, mit anderen Menschen Kirche zu gestalten. Andere Sichtweisen kennenzulernen, gemeinsam nachzudenken, auch einmal die eigene Meinung zu hinterfragen. Zu erleben, wie aus unterschiedlichen Ideen etwas Neues entsteht. Wie Menschen ihre Fähigkeiten einbringen und miteinander mehr möglich machen, als jede und jeder allein könnte. Nicht unbedingt in jeder Sitzung – aber immer wieder im gemeinsamen Tun.
Natürlich könnte ich mich auch ohne Mandat engagieren. Vieles von dem, was unsere Gemeinden lebendig macht, geschieht ohnehin außerhalb von Sitzungen und Gremien. Brauche ich also wirklich einen Pfarrgemeinderat, der mich bindet, Zeit kostet und mich manchmal an die Grenzen meiner Geduld bringt, weil wieder einmal nichts weitergeht?
Oder brauche ich gerade diesen Ort, an dem unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen, an dem wir um Entscheidungen ringen und lernen müssen, miteinander weiterzugehen?
Denn eines ist mir bei all meinen Zweifeln klar: Es ist meine Kirche. Ich hänge an ihr. Und gerade deshalb möchte ich mich nicht einfach zurückziehen und anderen die Verantwortung überlassen. Ich möchte nicht nur sagen, was sich ändern müsste, sondern selbst dazu beitragen, dass Veränderung möglich wird. Mitgestalten, mitverantworten und auch dort dranbleiben, wo es mühsam wird. Nicht, weil ich glaube, dass sich damit alle Probleme lösen lassen. Sondern weil ich daran glaube, dass Kirche sich verändern kann. Und weil ich möchte, dass sie ein Ort ist, an dem Menschen in ihrer ganzen Verschiedenheit willkommen sind.
Eine Woche habe ich noch, mich zu entscheiden.
Und ich fürchte fast, es wird wieder ein Ja werden.
Weil ich mich an meiner Kirche reiben will. Und weil ich mit ihr wachsen möchte.