Franz von Assisi - Mit dem Herzen auf die Schöpfung schauen
Seine Kunst des achtsamen Lebens ist heute aktueller denn je
Im Religionsunterricht sahen wir einmal den Film „Brother Sun and Sister Moon“ von Zeffirelli. Einige Szenen darin haben mich sehr berührt und sind bis heute etwas wie Wegweiser in eine tiefe Verbundenheit, eine Verbundenheit mit allen Lebewesen.
In einem Moment dieses Films lässt Franziskus sich in einer Wiese nieder, bewegt von der Schönheit der Schöpfung - aber nicht nur das, er scheint das göttliche Licht wahrzunehmen, das in allem leuchtet, das ihn umgibt und das ihn dazu führt, jede Pflanze, jedes Tier, den Mond, die Sonne, das Wasser…als Bruder und Schwester zu benennen, deren Wesenhaftigkeit zu erfassen.
Thomas von Celano, sein erster Biograph und selbst Franziskanermönch (um 1190 - 1260) beschreibt es so:
„Und wenn er eine große Anzahl von Blumen fand, predigte er ihnen und lud sie zum Lob des Herrn ein, wie wenn sie vernunftbegabte Wesen wären. So erinnerte er auch Saatfelder und Weinberge, Steine und Wälder und die ganze liebliche Flur, die rieselnden Quellen und alles Grün der Gärten, Erde und Feuer, Luft und Wind in lauterster Reinheit an die Liebe Gottes und mahnte sie zu freudigem Gehorsam. Schließlich nannte er alle Geschöpfe „Bruder und Schwester“ und erfasste in einer einzigartigen und für andere ungewohnten Weise mit dem scharfen Blick seines Herzens die Geheimnisse der Geschöpfe; war er doch schon zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes gelangt. (1)
Was würde sich verändern, wenn nun auch wir „mit dem scharfen Blick des Herzens die Geheimnisse der Geschöpfe“, wie Celano es nannte, unsere Mitwelt, betrachten würden?
Wie also würden wir uns verhalten, wie uns in dieser Welt bewegen, wenn unser Handeln Ausdruck einer in unser Tun einfließenden Spiritualität wäre?
Oftmals wird als Begründung für die eigene Untätigkeit, für das Beibehalten von Gewohnheiten, von denen längst bekannt ist, dass sie aus ökologischen Gründen unterlassen werden sollten, die Untätigkeit und das Verhalten der anderen angeführt.
„Wenn die anderen nichts tun, dann bringt es auch nichts, dann hat es keinen Sinn, wenn ich etwas tue.“
Geht es denn wirklich um die Frage, was die anderen tun?
Geht es nicht vielmehr darum, dass ich gar nicht anders kann, als so zu handeln, dass das Wohl aller Lebewesen in meine Handlungen mit einbezogen wird, weil es durch meine Überzeugung, meine Haltung, meine Spiritualität selbstverständlich und natürlich ist?
Mein Verhalten wäre dann von niemandem abhängig.
Die Beziehung zur Natur neu denken - am Beispiel der „ehrenhaften“ Ernte
Die besondere - und eigentlich natürliche - Achtsamkeit des Franz von Assisi drückt sich auch darin aus, wie er sich verhält, wenn der Natur etwas entnommen wird:
„Wenn die Brüder Bäume fällten, verbot er ihnen, den Baum ganz unten abzuhauen, damit er noch Hoffnung habe, wieder zu sprossen. Den Gärtner wies er an, die Raine um den Garten nicht umzugraben, damit zu ihrer Zeit das Grün der Kräuter und die Schönheit der Blumen den herrlichen Vater aller Dinge verkündigten. Im Garten ließ er noch ein Beet mit duftenden und blühenden Kräutern anlegen, damit sie die Beschauer anregten, der ewigen Himmelslust zu gedenken.“ (2)
Diese Haltung des Franziskus lässt vermuten, dass er die göttliche Gegenwart in allem, das existiert, tatsächlich gesehen hat.
Als ich das Buch „Geflochtenes Süßgras“ von Robin Wall Kimmerer las, fand ich darin eine erstaunlich ähnliche Haltung beschrieben, wenn sie schildert, wie die Indigenen Nordamerikas sich mit ihrer Mitwelt verbunden fühlen und wie dies in ihr Handeln einfließt - als hätten sie Franz von Assisi gelauscht…
Es gibt in ihrer Kultur den Begriff der Ehrenhaften Ernte. Die Biologin Robin Wall Kimmerer beschreibt diese Prinzipien in ihrem Buch „Geflochtenes Süßgras“:
„Wisse um die Lebensweise derer, die für dich sorgen, damit auch du für sie sorgen kannst.
Nimm nie das Erste. Nimm nie das Letzte.
Nimm nur, was du brauchst.
Nimm nie mehr als die Hälfte. Lass etwas für die anderen übrig.
Ernte so, dass du möglichst wenig Schaden anrichtest.
Nutze respektvoll. Verschwende nie, was du genommen hast.
Teile.
Danke für das, was dir geschenkt wurde.
Hinterlasse ein Gegengeschenk für das, was du genommen hast.
Erhalte die, die dich erhalten, und die Erde wird für immer bleiben.“ (3)
Geschwisterlichkeit
„Brother sun and sister moon“, Bruder Sonne und Schwester Mond…
Franz von Assisi sah in allem, das ihn umgab, Bruder und Schwester.
Es scheint so zu sein, als konnte er alles im Kontext des Großen Ganzen sehen, in dem es keine Trennung gibt, in dem alles durchflutet ist von der Liebe Gottes, alles, alles, alles miteinander verbunden ist.
Die anderen Geschöpfe als Geschwister zu erleben - auch da findet sich im indigenen Denken, der indigenen Spiritualität, etwas Ähnliches.
Robin Wall Kimmerer befasste sich auch mit der indigenen Sprache und versuchte sie zu erlernen. Dabei stellte sie fest, dass für die belebte und die unbelebte Natur Verben anstatt Nomen verwendet werden.
„Eine Bucht ist nur dann ein Nomen, wenn Wasser tot ist. Wenn Bucht ein Nomen ist, dann ist sie von Menschen definiert, eingesperrt zwischen den Ufern und begrenzt von einem Wort. Das Wort wiikwegamaa dagegen - eine Bucht sein - befreit das Wasser aus den Fesseln und lässt es leben.“ (4)
Und sie erzählt von einer Biologin, die diese Haltung verinnerlicht hatte:
„Sie geht am Wegrand in die Hocke und mustert eine Mäusespur und kommentiert: ´Da ist heute Morgen schon jemand hier gewesen.`
`Da ist jemand in meinem Hut`, sagt sie und schüttelt eine Bremse heraus. Jemand, nicht etwas.“ (5)
Die uns umgebende Mitwelt nicht als Ansammlung von Objekten und potentiellen Produkten zu betrachten, hätte weitreichende Konsequenzen. Das oft angestrengte und öfter noch halbherzige Bemühen um nachhaltiges Handeln wäre obsolet, denn es gäbe eine Selbstverständlichkeit, respektvoll und achtsam zu sein.
Die Vertreter unseres Wirtschaftssystems müssen sich meistens zu Nachhaltigkeit zwingen - denn sie widerspricht dessen Logik vom endlosen Wachstum - selbst dann noch, wenn gleichzeitig immer deutlicher wird, dass es sich durch den maßlosen Abbau von Ressourcen und die radikale Zerstörung von Lebensräumen selbst die Grundlage entzieht.
Wer einen wachsamen Blick hat, wird bemerken, dass es dringend notwendig ist, Gewohnheiten zu hinterfragen und das Konsumverhalten zu ändern.
Hoffnung kann geben, dass es über die Erde verstreut bereits Völker gibt, die uns vorgelebt haben, wie es möglich ist, im Einklang mit unserer Mitwelt zu leben und Hoffnung kann geben, dass es mittlerweile auch in unserer Kultur viele kleinere und größere Initiativen gibt, die im Sinne des Franz von Assisi achtsam mit den Gaben der Schöpfung umgehen und die Tiere, die Pflanzen, den Erdboden nicht unter dem Aspekt der Gewinnmaximierung betrachten.
Diese zu unterstützen oder sich ihnen tatkräftig anzuschließen, auch das kann ein Beitrag sein, den jeder einbringen kann.
Alle Geschöpfe der Erde fühlen wie wir, alle Geschöpfe streben nach Glück wie wir. Alle Geschöpfe der Erde lieben, leiden und sterben wie wir, also sind sie uns gleich gestellte Werke des allmächtigen Schöpfers - unsere Brüder. (6)
Wenn mehr und mehr Menschen mit dem liebevollen Blick des Herzens auf die Schöpfung schauen, wie Franz von Assisi uns das vorgelebt hat, das würde ermöglichen, dass notwendige Heilungsprozesse sich entfalten können.
Und ich möchte mit einem Satz von Rilke enden, der mich immer wieder bestärkt:
„Ich kann mir kein seligeres Wissen denken, als dieses Eine: dass man ein Beginner werden muss. Einer, der das erste Wort schreibt hinter einen
jahrhundertelangen Gedankenstrich.“ (7)
Renate Delpin leitet den Fachausschuss für Schöpfungsverantwortung in der Pfarre Aspern in Wien.
(1) Thomas von Celano, 1. Lebensbeschreibung, Kapitel XXIX, 81 (FQ 247f.)
(2) Thomas von Celano, 2. Lebensbeschreibung, Kapitel CXXIV, 165, 11-13 (FQ 390)
(3) R.W.Kimmerer, Geflochtenes Süßgras, S.214, Berlin 2013
(4) R.W.Kimmerer, Geflochtenes Süßgras, S.71, Berlin 2013
(5) R.W.Kimmerer, Geflochtenes Süßgras, S.72, Berlin 2013
(6) Franz von Assisi, https://www.franziskus-hospiz.de/alle-geschoepfe-streben-nach-glueck/
(7) Quelle: Rilke, Theoretische Schriften. Aufsätze und Rezensionen, entstanden 1897-1922. Notizen zur Melodie der Dinge. Entst. um 1898, Erstdruck in: Sämtliche Werke, Frankfurt/M. 1965. Originaltext
Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, herausgegeben von Dieter Berg und Leonhard Lehmann, Kevelaer 2009. https://bokmeier.eu/franziskanerquellen.html