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Meine Frau arbeitet nicht!

„Meine Frau arbeitet nicht“, das war vor vielen Jahren der Ausspruch eines Mannes meiner Generation, also eines jetzt 85 – 90 -jährigen, der damit ausdrücken wollte, dass seine Frau keiner bezahlten Tätigkeit nachging. Bis vor Kurzem dachte ich, dass mittlerweile auch die Männer dieses Alters, aber vor allem die der nächsten Generation etwas gelernt haben, bis…. Ja bis der 66 -jährige österreichische Bundeskanzler einen vergleichbaren Ausspruch tätigte.

 

In welches Wespennest er mit dem Sager „Kindererziehung ist keine Arbeit“ gestochen hat, war ihm sicher nicht bewusst. Er startete einen langatmigen Erklärungsversuch, dass man nicht alles „materialisieren“ könne, weil es eben kein Job ist, der sich mit Geld messen lässt.  Dass er das seltsame Wort „materialisieren“ verwendete, kommt sicher nicht von Ungefähr, ist doch der Materialismus ein marxistisches Vokabel, das unter anderem aussagt, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Das sieht der Kanzler nicht so. Ob bewusst oder unbewusst, wollte der Bundeskanzler mit seiner Äußerung ausdrücken, dass der Bereich der Familie unabhängig von den äußeren Gegebenheiten ein idealistischer Ort des Füreinander da Seins ist. Für die Familie gelten seiner Meinung nach, die Gesetze des Marktes nicht. So als ob Jemand, der in der Berufsarbeitswelt dem beinharten Konkurrenzkampf und Leistungsdruck ausgesetzt ist und ihn auch ausübt, kaum hat er die Haustür hinter sich geschlossen, zum selbstlosen, aufopfernden, einfühlsamen und liebevollen Familienvater mutiert.

 

Dass dem nicht so ist, haben Generationen von Frauen und Kindern erfahren und der Kampf um gleiche Rechte für Frauen in allen Lebensbereichen ist nur deshalb ein so schwerer und mühsamer, weil eben die herrschenden Machtverhältnisse nur sehr schwer veränderbar sind. Konservative Menschen tun so, als gäbe es die derzeitige Lebens- und Arbeitswelt schon immer. Dabei ist die Trennung zwischen Hauswirtschaft und außerhäuslicher Erwerbsarbeit erst Frucht der Industrialisierung. Davor gab es meist Landwirtschaft und Gewerbe und die verschiedenen Lebensbereiche gingen ineinander über.

 

Die Industrialisierung hat nach einer fürchterlichen Ausbeutungsphase, dank des organisierten Kampfes der Erwerbstätigen, enorme Fortschritte in der Verbesserung der Lebensqualität der Menschen gebracht - aber unter anderem auch die Sichtweise, der Mann ist für das „Außen“ zuständig und die Frau für den „Innenbereich“. Der Mann ist der „Ernährer“ der Familie. Und obwohl derzeit mehr Frauen als Männer ein Studium abschließen und das „Ernährermodell“ Familien nicht mehr ernähren kann, ist diese Sichtweise noch bei vielen Menschen tief verankert. Nicht nur auf konservativer Seite, sondern auch bei vielen Männern z.B. in der Gewerkschaft.

 

In einer Zeit des Neoliberalismus, wo alles monetarisiert – und nicht wie vom Bundeskanzler fälschlich behauptet, materialisiert - wird, also alles seinen Geldwert haben muss, um anerkannt zu werden und der Slogan „Leistung muss sich lohnen“ allgegenwertig ist, wobei die Frage, was Leistung für die Gesellschaft ist, kaum gestellt wird, soll die Familie als Hort des ganz anderen funktionieren. Tut sie aber nicht.

 

Da die „nicht arbeitenden“ Ehefrauen verschwunden sind, ist sichtbar geworden, was vorher unsichtbar war. Nämlich die Zeit, die für Erziehungs- Pflege-, Reinigungs-, Gesundheits-, und Betreuungsarbeit aufgewendet werden muss. Wenn sowohl Frauen als auch Männer im Erwerbsleben stehen, braucht es eine Bewusstseinsänderung und gesetzliche Maßnahmen, damit klar wird, dass die Verpflichtung zur Sorgearbeit für Frauen und Männer gleichermaßen gilt.  Das erfordert Unterstützung durch Kinderbetreuungseinrichtungen, Pflegeeinrichtungen, ein funktionierendes Gesundheitssystem – und auch mehr Zeit, denn alles kann nicht ausgelagert werden.

 

Derzeit sind es vor allem die Frauen, die diese unbezahlte Care-Arbeit leisten, das „materialisiert“ sich ganz deutlich an der jeweils dafür aufgebrachten Zeit. Solange nicht gesehen und anerkannt wird, dass die Care-Arbeit ein Teil der Ökonomie ist, ja sogar die Voraussetzung dafür, dass alle anderen Wirtschaftszweige überhaupt erst funktionieren können, wird das derzeitige Wirtschaftssystem an die Wand fahren. Funktionierende Care-Arbeit braucht Zeit und Geld und keine KI wird diese ersetzen können. Kurze Bemerkung am Rande – dafür müsste auch unser dysfunktionales und ungerechtes Steuersystem massiv verändert werden.

 

Da aber Care-Arbeit so lange unsichtbar war und von den „nicht arbeitenden“ Frauen erledigt wurde, gehört sie auch im bezahlten Bereich nicht zu den Leistungen, die sich lohnen müssen und wird vorwiegend von Frauen ausgeübt. Sie unterliegt dem gleichen Einsparungs- und Effizienzzwang wie die Industriearbeit, nur gelten dafür andere Parameter – sie lässt sich nur sehr bedingt rationalisieren und meist ist sie besser, je mehr Zeit wir uns dafür nehmen können.

 

Die Katholische Frauenbewegung hat all diese Themen schon vor Jahrzehnten thematisiert. Das Bildungsthema „Frauen zwischen Hauswirtschaft und Weltwirtschaft“ hat es sich zum Ziel gesetzt, diese beiden ökonomischen Bereiche zusammen zu führen. Es ist ja erwiesen, dass Volkswirtschaften lebenswerter, friedlicher und erfolgreicher sind, in denen die Grundversorgung gut abgesichert und zwischen Frauen und Männern gerecht verteilt ist. Care-Arbeit entzieht sich zwar der herrschenden ökonomischen Logik des immer mehr und immer schneller, gerade deshalb muss sie ein wesentlicher Bestandteil der Wirtschaftswissenschaften sein, damit nicht nur der Aktienkurs, sondern auch das solidarische Miteinander wachsen kann.

 

Um sich weitere Blamagen, wie sie unser Bundeskanzler erleben muss, zu ersparen, sollte er und viele seiner Politikerkollegen und Kolleginnen bei namhaften Ökonominnen und Ökonomen einen Nachhilfekurs in Alltagsökonomie und da vor allem in der feministischen Wirtschaftswissenschaft machen. Denn viele Frauen und Männer haben Modelle erarbeitet, wie sich Wirtschaft abseits vom Neoliberalismus anders denken lässt, sodass Frauen, Männer und Kinder gut leben können und auch die Umwelt zu ihrem Recht kommt. Den ersten Schritt hat er ja schon getan, indem er eingestanden hat, dass Kindererziehung doch Arbeit ist.

 

Der Kommentar ist die persönliche Meinung der Autorin/des Autors und muss nicht mit der Meinung der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien übereinstimmen.

Traude Novy
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