Zu Beginn dieses Jahres ist der letzte Vertrag für die atomare Rüstungskontrolle, der New Start Vertrag, ausgelaufen. Es scheint, als würden wir in eine Phase unbegrenzter Aufrüstung eintreten. Zugleich werden die roten Linien für einen möglichen Einsatz von Nuklearwaffen immer unschärfer. Wiederholt drohte Putin mit dem Einsatz von Nuklearwaffen. Erstmals hat Russland die atomwaffenfähige Oreshnik-Rakete auf die Ukraine abgefeuert – eine Warnung, die ernst genommen wurde.
Sind wir zurück im Zeitalter des Kalten Krieges? Oder ist es vielleicht noch schlimmer? In den 60er und 70er Jahren schien die gegenseitige Abschreckung noch als Garant für den Nicht-Einsatz der Atomwaffen. Mit der Oreshnik, die sowohl mit konventionellen als auch mit nuklearen Sprengköpfen ausgestattet werden kann, scheinen die Grenzen zwischen konventionell und atomar zu verschwimmen, erhöht sich die Unsicherheit und die Gefahr von Fehlentscheidungen.
Die USA sind ein zunehmend irrationaler und unverlässlicher Bündnispartner. Emmanuel Macron hat angeboten, den französischen Abschreckungsschirm auf andere europäische NATO-Staaten auszuweiten. Europa rüstet auf.
Überdies zerfallen die bisherigen Ordnungssysteme und internationalen Vereinbarungen. Sowohl die USA als auch Russland verletzen massiv und kontinuierlich das Völkerrecht, die Vereinten Nationen werden an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt.
2026: 85 Sekunden
Die Weltuntergangsuhr (https://weltuntergangsuhr.com) steht auf 85 Sekunden vor Mitternacht, so nah an der Katastrophe wie nie zuvor. Grund dafür sind eskalierende geopolitische Konflikte zwischen Atommächten, ein neuer nuklearer Rüstungswettlauf, der Zusammenbruch internationaler Kooperation sowie zunehmende Risiken durch Klimakrise, Biotechnologie und Desinformation. Autoritäre und nationalistische Politik verschärft diese Entwicklungen zusätzlich. Die Wissenschaftler sehen vor allem ein massives Führungsversagen der großen Mächte und warnen: Ohne entschlossenes Gegensteuern steuert die Menschheit auf eine globale Katastrophe zu.
Künstliche Intelligenz – neue Herausforderung
Dazu kommt ein neuer Faktor, den sogar die Wissenschaft weder genau einschätzen noch wirklich kontrollieren kann: die sog. Künstliche Intelligenz. Jüngste Entwicklungen haben nachdrücklich gezeigt, dass KI-Systeme sich verselbständigen können. Das bringt schon im zivilen Sektor Risiken mit sich. Militärisch ist die Frage, ob autonome Waffensysteme künftig über Krieg und Frieden, Tod und Leben entscheiden, längst nicht mehr im Bereich der Science Fiction anzusiedeln. Papst Leo XIV. – als Mathematiker absolut kein Gegner von Naturwissenschaft und technologischem Fortschritt – weist in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ auf diese Gefahren hin:
„Auch der Cyberraum ist zu einem Schlachtfeld geworden. Cyberangriffe, Datenmanipulation und mit Hilfe von KI orchestrierte Einflusskampagnen können ganze Länder destabilisieren, noch bevor es zu einem offenen bewaffneten Konflikt kommt. In diesem Bereich ist zudem die Zuordnung der Verantwortung oft ungewiss: Wenn unklar ist, wer angegriffen hat, steigt das Risiko von unverhältnismäßigen Reaktionen, Fehleinschätzungen und Eskalationsspiralen.“ (Magnifica Humanitas, 225)
Aufruf zum Dialog
Angesichts einer immer weiter verbreiteten Sprache der Gewalt, zunehmender Manipulation durch Fake News sowie der Erosion des Völkerrechts und internationaler Regelwerke wiederholt der Papst eindringlich den Friedensappell, mit dem er 2025 sein Pontifikat begann:
»Die Völker sehnen sich nach Frieden, und an die Verantwortlichen der Völker richte ich meinen inständigen Appell: Lasst uns zusammenkommen, lasst uns miteinander sprechen, lasst uns verhandeln! Krieg ist niemals unvermeidlich. Die Waffen können und müssen zum Schweigen gebracht werden, denn sie lösen keine Probleme, sondern verschärfen sie nur. Geschichte schreiben die Friedensstifter, nicht die, die Leid säen. Die Anderen sind nicht zuerst unsere Feinde, sondern unsere Mitmenschen; sie sind keine Verbrecher, die man hassen muss, sondern Männer und Frauen, mit denen wir sprechen können.“ (Magnifica Humanitas, 222)
Der Kommentar ist die persönliche Meinung der Autorin/des Autors und muss nicht mit der Meinung der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien übereinstimmen.