Zukunft braucht Vergangenheit – meine Erinnerungen an 75 Jahre Diözesansportgemeinschaft
Die Diözesansportgemeinschaft war eine der prägendsten Organisationen für mein Leben und da ich wahrscheinlich zu den wenigen „Überlebenden“ der Anfangsjahre gehöre, will ich meine Erinnerungen hier festhalten.
Ich besitze noch den DSG-Mitgliedsausweis meines Mannes, auf den er so stolz war, denn bei der Gründung der DSG im Jahr 1951 wurde als Mitglied Nr. 1 der Gumpendorfer Jugendkaplan Pater Schneider registriert und danach unter den Anwesenden die weiteren Mitglieder per Los ermittelt. Der 12jährige Tischtennisspieler und Basketballer Gerhard Novy zog das große Los und wurde als Mitglied Nr. 2 in die DSG aufgenommen und blieb ihr als Sportler und Funktionär bis ins Alter eng verbunden.
Anlässlich der 50 Jahr Feier der UKJ-Gumpendorf im Jahr 2001 schrieb der langjährige Obmann der Diözesansportgemeinschaft (DSG) Franz Ivan: „Ohne Übertreibung muss gesagt werden, dass die Gründergeneration des diözesanen Sports aus Gumpendorfer Holz geschnitzt war“. Er rühmte die sportlichen Höchstleistungen der Gumpendorfer. Sie waren in den ersten Jahren der DSG vielfach auf den Siegespodesten. Tischtennis, Basketball, Leichtathletik, Radfahren.
Vor allem aber war es die Funktionärsarbeit, die viele aus der Pfarre Gumpendorf für die DSG leisteten. Allen voran Fritz Koch, der ein unermüdlicher Motor für die Weiterentwicklung war und für die Verbindung mit den Landgemeinden stand. Er vernetzte die DSG mit den verschiedensten Gremien, von der Union bis zum internationalen Katholischen Sportverband (FICEP).
Aber auch der erste langjährige DSG-Sekretär Hermann Krainhöfner war Gumpendorfer. Er organisierte und professionalisierte die vielfältigen Aktivitäten von Tischtennis bis zu den Schimeisterschaften. Als Kuriosität darf vermerkt werden, dass es auch bei den ersten Schimeisterschaften aller Diözesansportgemeinschaften zwei Gumpendorfer waren, die die Diözese Wien vertraten, nämlich Hermann Krainhöfner und Robert Wychera. Sie hatten allerdings gegen Kaliber wie den für die Tiroler antretenden Karl Schranz keine Chance.
Hermann Krainhöfner schrieb auch die Zeitung der DSG „Sport“, von der es bei mir zu Hause noch immer Restbestände gibt, weil mein Mann natürlich die schriftlichen Beweise seiner sportlichen Leistungen gesammelt hat. Hermann Krainhöfner organisierte mit Fritz Koch auch die Sportwochen in Obertraun, die für viele von uns zu den prägenden Jugenderinnerungen gehören. Aber auch ohne Leopold Hlustik und Othmar Kreutzer wäre aus der DSG nie das geworden, was sie war. Auch der spätere Obmann Heinz Petje stammt aus Gumpendorf.
Frauenbasketball hatte den gleichen Stellenwert wie die Männermannschaft.
Was an der UKJ-Gumpendorf ebenfalls bemerkenswert war, ist die Tatsache, dass es nie eine „Männerpartie“ war. Der Frauenbasketball hatte den gleichen Stellenwert, wie die Männermannschaft.
Eine herausragende organisatorische Leistung war es auch, dass Fritz Koch noch während der Besatzungszeit, als die Überquerung der Zonengrenze an der Enns schon abenteuerlich war, internationale Basketballturnier-Reisen organisierte. Nach Deutschland, wo auch gegen amerikanische Soldatenklubs gespielt wurde, in die Schweiz und nach Monaco.
Für mich, die ich über das Interesse am Basketball zur Pfarre Gumpendorf gekommen bin, war die enge Beziehung der damaligen Pfarrjugendlichen untereinander das Wichtigste. Diese Freundschaften haben ein Leben lang gehalten. Aus unserer „großen Zeit“ leben nur mehr wenige, aber die Erinnerung bereichert noch heute unser Leben. Die vielen Stunden im heruntergekommenen Palais Ferstl, das damals die Heimstätte der Basketballer war und in der DSG-eigenen Lindauergasse haben uns zusammengeschmiedet. Die vom Christentum geprägte Haltung ließ uns auch viele Gegensätze überwinden. Denn die Jugendlichen waren sowohl Kinder von Hilfsarbeitern als auch von Generaldirektoren.
Viele Flüchtlinge fanden ihren ersten Anknüpfungspunkt an die neue Heimat.
Das Besondere daran, als Christinnen und Christen miteinander Sport zu betreiben, zeigte sich für mich ganz deutlich während des Jugoslawien-Kriegs. Viele Flüchtlinge fanden bei der UKJ-Gumpendorf ihren ersten Anknüpfungspunkt an die neue Heimat. Es kann gar nicht ermessen werden, welche Integrationsleistung Hermann Krainhöfner als Trainer vollbrachte, indem er aus diesem bunt zusammen gewürfelten traumatisierten Haufen eine Mannschaft formte. Damals waren es schon unsere Kinder, die das Erbe ihrer Eltern im Verein als Spieler weiterführten, nun in einer Mannschaft mit den zugewanderten jungen Männern. Dieser Leistung ist es zu danken, dass viele von ihnen dem Verein treu blieben und nunmehr Gumpendorf als der älteste Basketballverein Wiens gelten darf.
Warum ich diese alten Geschichten aufwärme?
Weil ich denke, dass meine Erfahrung des Miteinander und Füreinander in einem christlich geprägten Sportverein zukunftsfähig sind.
Als im Jahr 1951 die Pfarrjugend von Gumpendorf begann, eigenhändig neben der Kirche einen Basketballplatz zu errichten, hatten sie das Einverständnis ihrer Kirchenleitung. Sie trug die verrückten Ideen dieser Jugendlichen mit und nahm sie in Schutz, wenn der Lärm den Anrainern dann oft doch zu viel wurde. Diese Jugend damals war arm, entwurzelt und orientierungslos, denn Krieg und Nachkriegszeit haben in vielerlei Hinsicht ein Vakuum hinterlassen. Die Kirche wurde für viele zum Ort, wo sie leben und jung sein durften, weil die Verantwortlichen die Not sahen und Freiräume boten. Und die Jungen entfalteten eine enorme Kreativität und Tatkraft.
Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Kirche am glaubwürdigsten dort manifestiert, wo sie bei den Menschen ist. Jedes Jungscharlager ist für mich allumfassende Seelsorge. Das gleiche gilt für Frauengruppen, Seniorentreffen und was es im kirchlichen Umfeld noch so alles gibt, das zur Gemeinschaftsbildung beiträgt. Wichtig dabei ist aber, dass es keine auf Frömmigkeitsrituale begrenzte geschlossenen Zirkeln werden, sondern alle immer um Öffnung gemüht sind, so wie ich es bei der UKJ Gumpendorf erfahren durfte.
Es stellt sich natürlich die Frage: braucht es heute noch eine kirchliche Sportorganisation? Ich denke, mehr denn je.
Denn in einer Zeit, wo Sport immer mehr kommerzialisiert wird, Kapitalinteressen dient und die Selbstoptimierung auch des Körpers oft oberstes Ziel zu sein scheint, ist eine sich auf religiös motivierte ethische Prinzipien stützende Sportorganisation für die Gesellschaft wichtig und für die Kirche unverzichtbar.
Bestätigt wurde ich - und das hat mich besonders gefreut - als ich die Visionen und Ziele der DSG für die Zukunft las:
Inklusion statt Selektion – unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und Glauben sportliche Betätigung ermöglichen.
Gelebte Interkulturalität – die universelle und interkulturelle Sprache des Sports zu nutzen, um Brücken zu bauen
Werte vor Siegeszug – das gemeinsame Erlebnis ist das Wesentliche.
Eines möchte ich dazu allerdings anmerken: besonders würde es mich freuen, wenn ein ganz besonderes Augenmerk auf die Förderung von Mädchen und Frauen gelegt würde – gerade im Integrationsbereich.
Gut ist es auch, dass es nicht bei den Visionen und Zielen bleibt, sondern dass auch strategische Schwerpunkte vorgesehen sind. Die erfordern viel Einsatz und Engagement. Rückblickend kann ich nur sagen: dieses Engagement lohnt sich und bereichert das ganze Leben - bis zum Schluss.