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GROSSARTIGE MENSCHHEIT – Die Sozialenzyklika Leos XIV.

„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.“  (Psalm 8, 5+6)

 

Diese Verse könnten das Leitmotiv der Enzylika Magnifica Humanitas sein. „Großartige Menschheit“ – so nennt Papst Leo XIV.  sein Rundschreiben. Ganz bewusst knüpft er mit dem Erscheinungsdatum 15. Mai an seinen Namensvorgänger Leo XIII. und dessen Enzyklika „Rerum Novarum“ (Neue Dinge) an, die 1891 erschien und die Katholische Soziallehre begründete. Angesichts der Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter durch Kapitalismus und industrielle Revolution betonte Leo XIII. Menschenwürde und soziale Verantwortung des Eigentums und forderte gerechte Löhne und humane Arbeitsbedingungen.


Leo XIV. widmet 2 Kapitel der Entwicklung und den Prinzipien der Katholischen Soziallehre. Das Vatikanum II und vor allem die Päpste Johannes XXIII, Johannes Paul II und Franziskus haben in ihren Sozialdokumenten „...verschiedene Aspekte eines einzigen Erbes hervortreten lassen: die Würde der Person, den Wert der Arbeit, die allgemeine Bestimmung der Güter, Solidarität und Subsidiarität, die Bewahrung der Schöpfung, die zentrale Bedeutung von Frieden und Geschwisterlichkeit.“ (45)

 

Auch heute sind es „neue Dinge“, die Wirtschaft, Gesellschaft, Arbeitswelt und die internationale Gemeinschaft vor neue Herausforderungen stellen. Das Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) zieht sich durch die Enzyklika. Doch Leo geht es um weit mehr: um die Richtung, in die sich die Menschheit entwickelt. Leo verwendet hier 2 biblische Bilder: den Turmbau zu Babel und den Wiederaufbau Jerusalems (Nehemia 1+2).  


„Das moderne Babel ist nicht bloß das globalisierte technokratische Paradigma, sondern auch das Aufeinanderprallen voneinander entgegengesetzten Imperialismen, zwischen Mächten, die ihre Vorrangstellung bewahren wollen, und Mächten, die eine solche erringen wollen, sowie eine Vielzahl lokaler Konflikte. Es ist auch das Wettrennen um die Entwicklung immer mächtigerer Technologien oder um die Sicherung der Kontrolle über diese…“ (185)


Dagegen wird im Buch Nehemia des Alten Testaments berichtet, wie Jerusalem (das durch die Babylonier 587 v.Chr. zerstört wurde)  „...nicht durch die Initiative eines Einzelnen wiedergeboren wird, sondern durch die gemeinsame Verantwortung des ganzen Volkes: Priester, Handwerker, Familienoberhäupter, Frauen und junge Menschen. Es ist ein Werk, bei dem Gott im Mittelpunkt steht und das Beziehungen wiederherstellt, noch bevor die Steine wiederaufgeschichtet werden.“ (8) 

 

Menschenwürde, Arbeit, soziale Gerechtigkeit und Gemeinwohl sind die Leitbegriffe der Katholischen Soziallehre. Papst Franziskus hat hervorgehoben, dass diese Begriffe das gesamte „gemeinsame Haus Erde“ umfassen. Wenn Leo XIV. das Thema KI aufgreift, tut er es vor diesem Hintergrund. Er ist kein Gegner von Technologie und KI.  Er anerkennt deren Nutzen. Doch er zeigt auch die damit verbundenen Gefahren auf und fordert anhand dreier Bereiche konkrete Maßnahmen:

 

Ökologie der Kommunikation, die die Logik hinter der Auswahl und Weitergabe von Inhalten transparent macht und den Schutz persönlicher Daten garantiert. Denn Kommunikation ist nicht bloß Information. Sie vermittelt Kultur, Identität und soziales Bewusstsein. Soziale und kulturelle Einrichtungen müssen gestärkt und seriöser Journalismus gefördert werden. Familie und Bildungseinrichtungen müssen dazu beitragen, KI und digitale Plattformen kritisch zu nutzen.  Es braucht eigenverantwortliches Denken, die Fähigkeit, Inhalte zu verknüpfen und Informationen zu überprüfen.

 

Arbeit als grundlegende menschliche Dimension steht vor besonderen Herausforderungen. KI macht Arbeitsabläufe vielfach schneller und effizienter, scheint in vielen Bereichen den Takt vorzugeben oder die menschliche Arbeit überflüssig zu machen. Und hier ist es geboten, Systeme zu entwickeln, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht nur auf Leistung oder Produktivität ausgerichtet sind.“ (63) Wirtschaft muss sich an der Menschenwürde orientieren. Das bedeutet ...“die Übernahme bestimmter Handlungskriterien, die auch im Zeitalter von KI beständig sind. An erster Stelle stehen Transparenz und Zurechenbarkeit: Wenn Daten und Algorithmen die Kreditvergabe, die Personalauswahl, den Zugang zu Dienstleistungen oder Chancen beeinflussen, ist es notwendig, dass Entscheidungen nachvollziehbar und anfechtbar sind und einer Kontrolle unterzogen werden, damit der Mensch nicht auf ein Profil reduziert wird. Zweitens: Inklusion und Zugang: Die Vorteile der Innovation müssen mit Investitionen in Qualifikationen, Infrastruktur und grundlegende Dienstleistungen einhergehen, damit die Technologie die Kluft zwischen den Habenden und den Nicht-Habenden nicht vergrößert. Schließlich Maßnahmen zur Gewährleistung von Gerechtigkeit: Steuer-, Sozial- und Industriepolitik müssen die durch die Konzentration von Reichtum und Macht entstandenen Ungleichgewichte korrigieren.“ (64)

 

Freiheit ist gefährdet, wenn wenige große Techno-Unternehmen – entzogen jeder politischen Kontrolle - die globalen Datenströme und Dienste beherrschen.  Algorithmische Systeme ermöglichen soziale Kontrolle. „Wenn jede Handlung – Bewegungen, Käufe, Beziehungen, Vorlieben – Spuren hinterlässt, dann entsteht eine neue Macht: jene, Profile zu erstellen, Vorhersagen zu treffen und Verhalten zu beeinflussen, oft ohne dass sich die Menschen dessen voll bewusst sind.“ (171). 


Die immer leichter gemachte Nutzung i – von privaten Alltagstipps bis zur Erstellung persönlicher KI-Assistenten nimmt uns immer mehr Entscheidungen ab. Wir machen uns im Gegenzug abhängig von den Vorgaben der Künstlichen Intelligenz ohne zu wissen, in welchem Interesse sie programmiert wurde. Wir lassen uns die Freiheit unserer persönlichen Entscheidung, unsere Kreativität und damit unser Menschsein und Menschlich-Sein nehmen.


Papst Leo weist sehr eindringlich darauf hin, dass KI nicht mit menschlicher Intelligenz zu vergleichen ist. Sie hat keine Lebenserfahrung, keine Gefühle, keine Moral. Sie vermag Freundschaft, Empathie, Beziehung vortäuschen, aber diese Eigenschaften sind ihr fremd.


Der Eindruck von Objektivität, den die Antworten und Vorschläge dieser Systeme vermitteln, kann uns vergessen lassen, dass sie das kulturelle Wertesystem derjenigen widerspiegeln, die sie entworfen und trainiert haben, mit all ihren Stärken und Schwächen (100). KI kann ein wertvolles Instrument zu unserem Nutzen sein. Sie kann uns aber auch instrumentalisieren im Interesse der Techno-Konzerne.


Daher fordert der Papst die „Entwaffnung“ der KI. (110)  Technische Macht darf nicht gleichbedeutend sein mit dem Recht zu herrschen.

 

Globale Gefährdungen
Leo sieht die Gefahr eines neuen Kolonialismus, der auf globalen Datenströmen beruht. Wer über Informationen verfügt und sie miteinander verknüpft „kann die Bedürfnisse und die Märkte gestalten. Und er kann vor anderen entscheiden, wem Medikamente, Investitionen und Schutzmaßnahmen zugeteilt werden. Hierin liegt eine der dringlichsten moralischen Herausforderungen unserer Zeit: gemeinsames Wissen in ein Gemeingut zu verwandeln, statt es als Beherrschungsinstrument zu nutzen. Das bedeutet, den Menschen nicht nur die Daten zurückzugeben, die sie beschreiben, sondern auch die Möglichkeit, zu entscheiden, wie diese genutzt werden, von wem und für wen. (178)


KI erfordert Ressourcen wie seltene Erden, die unter menschenunwürdigen und Natur zerstörenden Bedingungen in den Ländern des Südens gewonnen werden. KI-Training und -Entwicklung geschieht ebenfalls weitgehend in diesen Regionen, unter ausbeuterischen Arbeits- und Entlohnungsbedingungen.


Die gigantischen KI-Rechenzentren haben darüber hinaus einen gewaltigen Verbrauch an Bodenfläche, Energie und Wasser, und es ist nicht unbedeutend, wer den Zugriff auf diese Ressourcen besitzt.


Viele Anzeichen weisen auf eine immer stärkere „Kultur der Macht“ hin: die Erosion des Völkerrechts, die wachsende Legitimierung von Gewalt zur Durchsetzung von Interessen, die Aufrüstung, die Digitalisierung des Krieges, die die Hemmschwellen zum Einsatz militärischer Mittel herabsetzt und Menschen zu bloßen Kollateralschäden degradiert. Der Cyber-Raum wird zum Kriegsschauplatz durch Desinformationskampagnen, Fake News und Propaganda. Und angesichts all dieser Entwicklungen ruft der Papst auf, Frieden zu schaffen.

 

Die weltweite Gemeinschaft: Zivilisation der Liebe

 

Persönliche Verantwortung
Die globalen Bedingungen mögen ein Gefühl der Ohnmacht aufkommen lassen. Gerade deshalb ruft der Papst uns auf, persönlich Verantwortung zu übernehmen. Mögen wir auch wenig Einfluss haben, so ist doch niemand „ohne Verantwortung. Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen, zu entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren (und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass) oder die Logik des Friedens hochhalten (mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe und Fürsorge) (212)

 

Der Papst schlägt fünf Ansätze auf dem Weg zum Frieden vor:

  • Entwaffnung der Worte: Nein sagen zu Gewalt und Krieg, im Alltag, in den sozialen Medien
  • Frieden in Gerechtigkeit, der menschenwürdige Lebensbedingungen für alle gewährleistet
  • Die Perspektive der Opfer einnehmen. Nur dort, wo die Opfer gehört werden, das Unrecht benannt   wird, kann Versöhnung, kann Friede geschaffen werden.
  • Es braucht einen gesunden Realismus, der ...“nach gangbaren Wegen, (sucht), damit Frieden mehr als nur ein Wort ist, nämlich glaubwürdige Institutionen, überprüfbare Garantien, geduldige Verhandlungen, Konfliktprävention und der Schutz der Zivilbevölkerung.“ (218)
  • Rückkehr zum Dialog.

Leo erinnert an Themen, die in jüngster Vergangenheit in Vergessenheit geraten sind: Entwicklungszusammenarbeit, Abrüstung, Konfliktprävention und der Aufbau gegenseitigen Vertrauens“. (203) Besonders der interreligiöse Dialog ist von großer Bedeutung. Denn im Grunde aller großen Religionen steht – ungeachtet gewaltorientierter Splittergruppen – die Botschaft des Friedens.

 

Die Enzyklika ist ein Appell gegen Resignation und Gleichgültigkeit, ein Aufruf zum gemeinsamen Engagement für eine freie und gerechte Weltgemeinschaft.


„Die Würde, die der Heilige Geist jedem von uns verleiht, zeigt sich auch in der Fähigkeit, kritisch zu reflektieren, frei zu wählen, selbstlos zu lieben und echte Beziehungen einzugehen. Kein noch so ausgeklügeltes Computersystem erschafft ein Herz, das sich hingibt, oder ein Gewissen, das das Gute erkennt. Auch wenn die Maschinen in ihrer Effizienz überragend sind, bleibt das Zentrum der Geschichte ein menschliches Antlitz, das danach verlangt, angesehen zu werden.“ (233)

 

Dr. Evelyn Hödl aus Baden war Vizepräsidentin der Katholischen Aktion

 

Der Kommentar ist die persönliche Meinung der Autorin/des Autors und muss nicht mit der Meinung der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien übereinstimmen.

 

Evelyn Hödl
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