Der Katholische Akademiker*innenverband veranstaltet gemeinsam mit der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien eine Reihe von Friedensgesprächen. Wie brisant dieses Thema ist, zeigte sich an den teilweise sehr aggressiv vorgetragenen unterschiedlichen Standpunkten. Die bisher letzte dieser Veranstaltungen lief unter dem Motto „Wer den Frieden will, bereite den Frieden vor“ womit das alte Sprichwort „wer den Frieden will, bereite den Krieg vor“ konterkariert werden sollte.
Zwei Frauen, die sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt haben, teilten ihr Wissen und ihre Erfahrungen. Die Journalistin Renata Schmidtkunz und Rosa Logar, die Vorsitzende von WILPF (Women International League for Peace and Freedom), dem internationalen Frauenfriedensverein, der bereits mitten im ersten Weltkrieg gegründet wurde, sprachen sich gegen die vorherrschende Kriegs- und Aufrüstungslogik aus. Es war klar, dass es zu diesem Thema im Publikum sehr unterschiedliche Haltungen geben würde, aber ehrliche Auseinandersetzung, bei der die Argumente der Beteiligten ernst genommen werden und respektvoll miteinander umgegangen wird, ist ein Grundpfeiler der Demokratie.
Umso größer war meine Irritation, als Teilnehmende an der Veranstaltung begannen, aggressiv und lautstark das Gespräch zu unterbrechen, damit die ganze Veranstaltung störten und an den Rand des Abbruchs brachten.
Woher kommt diese Aggression, wenn es um Frieden geht? Wieso sehen so viele Menschen nur mehr im mundtot machen des Gegners einen Ausweg? Ist die Gewaltspirale schon so weit hochgedreht, dass man nur mehr das Alles oder Nichts sehen kann?
Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der Putins Trauma des Verlustes der Sowjetunion und die daraus resultierenden pathologischen Großmachtträume negiert. Solche Menschen mag es geben, aber der Mehrzahl jener, die einen differenzierten Blick auf den Konflikt werfen, geht es vor allem um die Beendigung des Blutvergießens und der Zerstörung. Deshalb muss über Verhältnismäßigkeit gesprochen werden dürfen.
Da in Kriegen, tausende Menschen sterben, körperlich und seelisch verkrüppelte Männer, Frauen und Kinder zurückbleiben, enormer existentieller und wirtschaftlicher Schaden weit über die unmittelbar Betroffenen hinaus entsteht, muss es oberste Verantwortung sein, Kriege zu verhindern und wo das nicht geglückt ist, sie einzudämmen und zu beenden. Gerechtigkeit ist ein weiter Begriff.
Wie viele Tote ist es wert? Welche Mittel sind in einer zivilisierten Welt anwendbar, ohne selbst in die Barbarei zurückzufallen? Welche Rolle spielt die Diplomatie und internationale Vermittlung? Es gibt auch einen gewaltfreien Weg der Unterstützung von Freiheitsbewegungen. Es ist nie so, dass auf der einen Seite das absolut Böse herrscht und die andere Seite absolut gut ist, nur weil sie angegriffen wurde. Kennen wir wirklich die Absichten der handelnden Akteure so genau? Ich denke, dass es große Übereinstimmung unter den derzeit herrschenden Mächten gibt, Europa zu schwächen – und Europa trägt alles dazu bei, es selbst zu tun, indem es sich bedingungslos hinter die Eskalation des Krieges stellt. Das sind viele Fragen, über die man zivilisiert reden sollte.
Gerade die Solidarität mit den Menschen in der Ukraine verlangt danach, die Beendigung des Krieges als oberste Priorität zu sehen. Es ist die Solidarität mit den jungen Soldaten, die zu tausenden sterben, es ist die Solidarität mit den alten Menschen, die als kleine Kinder noch die Gräuel des Weltkriegs erlebt haben und jetzt im Alter wieder die gleiche Erfahrung machen müssen, es ist die Solidarität mit den Geflüchteten, die kaum Aussicht auf Rückkehr haben, es ist die Solidarität mit den Frauen und den Kindern, deren physische und psychische Verletzungen nur sehr schwer heilen werden, es ist alles in allem die Solidarität mit diesem zerstörten Land, das viele Menschen dazu bewegt, zu fordern, dass alle friedlichen Mittel ausgeschöpft werden müssen, um diesen Krieg zu einem Ende zu bringen.
Die Ukraine wird für das Schweigen der Waffen, einen Preis zahlen müssen, der dem Rechtsempfinden widerspricht. Aber einen Siegfrieden wird es für niemanden geben können.
Kann es nicht sein, dass bei jenen, die die so tief in diesen Konflikt verwickelt sind, sich der Horizont so verengt, dass die Fixiertheit auf Sieg oder Untergang der Ukraine pathologische Züge annimmt? Weshalb sonst mussten die beiden Friedensaktivistinnen so lautstark abgewertet werden?
Wenn wir es nicht schaffen, als nur am Rand an dieser mörderischen Auseinandersetzung Beteiligte, zivilisiert miteinander umzugehen, haben wir kein Recht, Urteile zu fällen. Mit dem Verlust der Dialogfähigkeit verlieren wir auch unsere Demokratiefähigkeit und wohin das führt, sehen wir derzeit nur allzu deutlich.
Wer den Frieden will, bereite den Frieden vor, das gilt auch für den persönlichen Umgang miteinander in Konfliktsituationen.
Der Kommentar ist die persönliche Meinung der Autorin/des Autors und muss nicht mit der Meinung der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien übereinstimmen.