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Magnifica humanitas – Aufstehen gegen neue Ungerechtigkeiten!

Die erste Enzyklika von Papst Leo XIV., „Magnifica humanitas“, kommt zur richtigen Zeit. Sie macht deutlich, dass Künstliche Intelligenz keine technische Randfrage ist, sondern eine soziale, ökonomische, ethische und geistliche Schlüsselfrage unserer Epoche. Damit knüpft Leo XIV. bewusst an „Rerum novarum“ an, mit der Papst Leo XIII. im 19. Jahrhundert auf die Folgen der Industrialisierung reagierte. Damals ging es um Arbeitsbedingungen und soziale Gerechtigkeit – heute stehen wir vor einer digitalen Revolution, deren Auswirkungen ähnlich tiefgreifend sind.

 

Dabei ist auch ein Muster der Geschichte erkennbar: Jede große technische Veränderung erzeugt zunächst Angst. Als im 19. Jahrhundert die Eisenbahn aufkam, wurde ernsthaft befürchtet, dass Menschen bei Geschwindigkeiten von 30 km/h den Verstand verlieren würden. Heute wirkt das befremdlich – und doch investieren wir gegenwärtig oft mehr Energie in Warnungen vor Digitalisierung und KI als in deren verantwortungsvolle Gestaltung. Genau hier setzt der Zugang der Enzyklika an: Nicht die Angst vor Veränderung darf uns leiten, sondern die Verantwortung für den Menschen.

 

Dass die Auseinandersetzung mit der Enzyklika dringend notwendig ist, haben bereits die 29. Kramsacher Gespräche der Hans Klingler Stiftung* deutlich gemacht. Unter dem Titel „Grenzen – Verantwortung – KI und Ethik im Diskurs“ haben Expert:innen aus Wirtschaft, Interessenvertretung und Theologie konkrete Perspektiven aufgezeigt. Dabei wurde sichtbar, dass KI nicht nur eine technologische Innovation ist, sondern eine tiefgreifende gesellschaftliche Transformation.

 

Die Unternehmerin Lisa Höllbacher machte deutlich, dass KI kein Elitenthema ist. Sie betrifft alle Ebenen eines Unternehmens und verändert Arbeitsprozesse grundlegend. Problematisch ist für sie, dass alle mit der KI arbeiten wollen, aber die wenigsten wissen, wofür. KI verändert auch die Hierarchie und einen sinnvollen Umgang sieht sie nur, wenn alle im Betrieb und in Gesellschaft den gleichen Zugang zur Bildung und Anwendung erhalten.  Besonders wichtig sei dabei die Rolle des Betriebsrats als menschenzentrierter Faktor im Unternehmen. Gleichzeitig müsse eine zentrale Frage neu gestellt werden: Was geschieht mit der Zeit, die durch KI gewonnen wird? KI eröffnet Effizienzgewinne – aber erst im Umgang mit dieser Zeit entscheidet sich ihr gesellschaftlicher Wert. Wertschöpfung müsse daher neu gedacht werden, verbunden mit einem besseren Verständnis von Daten und einer Kommunikation auf Augenhöhe.

 

Die Philosophin und Theologin Prof. Dr.in Claudia Paganini lenkte den Blick auf eine noch tiefere Dimension: die Sinnfrage. In nahezu allen Untersuchungen steht die Suche nach Sinn im Leben und in der Arbeit an erster Stelle. Gerade die Möglichkeiten der KI können jedoch dazu verleiten, sich eine eigene Wirklichkeit zu konstruieren – bis hin zu künstlichen Beziehungen, die reale Begegnungen ersetzen. In einer Zeit wachsender Vereinsamung entsteht damit eine neue Herausforderung. Paganini sieht darin auch eine Aufgabe für Religionen und Kirchen: Sie müssen Räume echter Begegnung schaffen. Zugleich plädiert sie dafür, stärker auf Erkenntnisse aus Stress- und Akzeptanzforschung zu setzen, um mit den psychischen Folgen dieser Entwicklungen besser umgehen zu können.

 

Aus arbeitsrechtlicher Perspektive betonte Mag. Christoph Hofmann, Betriebsratsvorsitzender, Jurist und Digitalisierungsexperte, dass KI eine entscheidende Frage der Mitbestimmung ist. Die Anforderungen an Betriebsräte steigen massiv: Sie müssen technisches Know-how aufbauen, um komplexe Systeme zu verstehen und KI überhaupt erkennen und bewerten zu können. Klassische Schulungsformate reichen dafür nicht mehr aus – es braucht praxisnahe „Hands-on Labore“-Zugänge, etwa durch das Testen realer Systeme. Gleichzeitig fordert Hofmann klare politische Konsequenzen: ein Recht auf Sachverständige, wirksame Sanktionen bei Regelverstößen und einen Ausbau der Mitbestimmungsrechte im Arbeitsverfassungsrecht, in der DSGVO und in der KI-Verordnung.

 

Denn ohne Mitbestimmung droht ein Verlust demokratischer Kontrolle. Im Licht von „Magnifica humanitas“ und „Laudato si’“ wird deutlich, dass diese Diskussion noch eine weitere Dimension hat, die oft übersehen wird: die ökologische Verantwortung. Rechenzentren benötigen enorme Mengen an Energie, Wasser und Rohstoffen. Der Stromverbrauch großer Datenzentren erreicht Dimensionen, die mit ganzen Regionen vergleichbar sind. Am Beispiel Kronsdorf in Oberösterreich wird sichtbar, was das bedeutet: Für das Google-Rechenzentrum in Kronstorf rechnet die Austrian Power Grid laut ORF Oberösterreich mit einem Jahresstrombedarf von rund 3,5 TWh – das entspricht ungefähr dem Verbrauch von 900.000 Haushalten.

 

Es gibt keine getrennten ökonomischen, ökologischen und sozialen Krisen, sondern eine einzige komplexe Krise. Genau dieser Gedanke muss auch auf die Entwicklung von KI angewendet werden. Es genügt nicht, über Effizienz, Innovation und Produktivität zu sprechen. Entscheidend ist die Frage: Wem dient diese Technologie – und auf wessen Kosten?

 

Aus Sicht der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien ergibt sich daraus eine klare Haltung: KI braucht Ethik – aber Ethik ohne Ökologie ist zu kurz gedacht. KI braucht Regeln – aber Regeln ohne Mitbestimmung bleiben wirkungslos. Und KI braucht Innovation – aber Innovation ohne Orientierung am Menschen wird gefährlich.

 

Die zentrale Leitfrage bleibt daher: Dient die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz dem Menschen, insbesondere den Schwächeren? Oder laufen wir Gefahr, eine Entwicklung voranzutreiben, die technisch faszinierend, aber sozial ungerecht und verantwortungslos ist?

 

Im Bild gesprochen: Es besteht die Gefahr, einen neuen Turm zu Babel zu errichten – beeindruckend in seiner technischen Leistungsfähigkeit, aber blind für seine gesellschaftlichen Folgen.

 

Dem setzt die Katholische Aktion eine klare Orientierung entgegen: Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch menschlich sinnvoll. Nicht alles, was effizient ist, ist gerecht. Und nicht alles, was intelligent wirkt, ist auch weise. Die Zukunft der KI entscheidet sich daher nicht an der Technologie selbst, sondern daran, wie wir sie als Gesellschaft gestalten.

 

Für mich ist KI Realität. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir sie aufhalten – sondern ob wir sie so gestalten, dass sie dem Menschen dient.

 

Daraus ergeben sich zwei zentrale Anliegen: Erstens braucht es Verständlichkeit: Eine Enzyklika muss auch in einfacher Sprache zugänglich sein, sonst erreicht sie gerade jene Menschen nicht, für die sie gedacht ist und es muss viele „Übersetzer:innen“ geben, die diese Enzyklika und Werte der Katholischen Soziallehre weitertragen. Wir brauchen „regionale Netzwerker:innen“ der Katholischen Soziallehre und nutzen dafür die große Anzahl an Pfarrräumlichkeiten.

 

Zweitens braucht es eine breite gesellschaftliche Debatte. KI darf kein Thema für Expert:innen und Führungskräfte bleiben, sondern muss mit allen Betroffenen verhandelt werden.

 

Diese weitsichtige Enzyklika „für die großartige Menschheit“ von Papst Leo XIV. mit vielen Handlungsanweisungen muss in unsere tägliche Arbeit einfließen. 

 

Reinhard Bödenauer, Präsident der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien

Reinhard Bödenauer
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