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Kirche und Sport – Ein Widerspruch? Das moderne Pfingstwunder auf dem Rasen

Sportliche Großereignisse wie eine Fußballweltmeisterschaft führen uns die enorme Wirkmacht des Sports vor Augen. Ob man das nun goutiert oder nicht: Die Faszination ist unbestreitbar. Die Frage drängt sich auf: Wieso ist das so? Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass der Sport heute Funktionen übernimmt, die traditionell in der Kirche verortet waren – und dass sich die Grundmotive beider Welten verblüffend ähneln.


Das Sportstadion als moderner Kirchenraum


Legt man das biblische Pfingstereignis auf die konkrete Sportwirklichkeit um, fallen die Parallelen sofort ins Auge. Bei Sportgroßveranstaltungen kommen viele sehr unterschiedliche Menschen zusammen; es gibt ein großes, emotionales Spektakel, das an die Ekstase religiöser Feste erinnert. Doch während die Aposteln zu Pfingsten die Gabe erhielten, in verschiedenen Sprachen zu predigen, existiert im Sport bereits eine alle verbindende Weltsprache: die Spielregeln.


Hier zeigt sich der Sport als ökumenisches Vorbild: Es gibt weder einen katholischen Elfmeter noch einen islamischen Eckstoß, auch kein jüdischer Einwurf wurde je gesichtet. Die Regeln sind für alle Menschen absolut gleich. Genau das ist das Geheimnis, warum Sportvereine heute so divers sind wie die Bevölkerung selbst. Während die Kirchen mit Austritten kämpfen, gelingt auf dem Sportplatz eine tägliche, unaufgeregte Integration. Hier wird Gemeinschaft unabhängig von Herkunft und Konfession gelebt.


Der Sendungsauftrag: Frieden und Fairness


Auch der urtypische Sendungsauftrag des Evangeliums spiegelt sich im Sport. Schon im antiken Griechenland waren die Olympischen Spiele offen für die gesamte damals bekannte Welt. Die Bedingung dafür war radikal christlich im Geist: Jeder teilnehmende Staat musste jegliche Kriegshandlung einstellen. Der „Olympische Friede“ war die Voraussetzung für das Fest.


Die größten christlichen Botschaften sind Liebe und Frieden. Genau diese Brückenfunktion lebt der Sport an seiner Basis: Er will Menschen nicht trennen, sondern verbinden. Um dieses Ideal zu sichern, braucht es jedoch eine moralische Instanz. Im Christentum sind es die Gebote, im Sport ist es die Fairness – das bewusste, freiwillige Einhalten der Regeln. Wo die Kirche auf das Gewissen setzt, setzt der Sport auf Schiedsrichter, die schon in der Antike penibel über die Gerechtigkeit wachten.


Gelebte Ökumene in der Sportplatzkantine


Diese Integrationsarbeit mit dem Werkzeug Sport wird Woche für Woche an der Basis gelebt. Die Sportgemeinde scheut sich nicht davor, interreligiös zu handeln: Man begeht gemeinsame Feste, egal ob Weihnachten oder das islamische Fastenbrechen. Konflikte zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Religionen oder Atheisten werden durch den gemeinsamen Glauben an das Spiel minimiert.


Die Begegnung in Freundschaft steht im Vordergrund, ganz im Sinne der christlichen Nächstenliebe, und nicht das Siegen um jeden Preis. Das Miteinander nach dem Wettkampf in der Vereinskantine hat einen unschätzbaren sozialen Wert. Angesichts einer sich rasant verändernden Demografie – im Jahr 2026 sind beispielsweise nur noch 29 Prozent der Wiener Bevölkerung katholisch – zeigt der Sport, wie die Sehnsucht nach Gemeinschaft im 21. Jahrhundert Erfüllung findet. Kirche und Sport sind kein Widerspruch. Der Sport lebt heute oft das vor, was sich die Kirche für die Gesellschaft wünscht: Frieden, Vielfalt und echte Begegnung.


Auch Papst Leo XIV hat sich dieser Tage anlässlich der Fußballweltmeisterschaft zu Wort gemeldet und attestiert dem Sport „eine universelle Sprache für Sportler, Trainer und Fans zu sein, die stets eine Schule der Geschwisterlichkeit statt leerer Rivalität ist und einen Weg des Friedens aufzeigt.“ Weiters ist er überzeugt, dass „in Zeiten von Krieg und extremer Polarisierung der Sport eines der wenigen Dinge ist, die uns einander näherbringen.“ (Aus kathpress vom 9. Juni 2026)

 

Manfred Steiner ist Obmann der Diözesansportgemeinschaft der Erzdiözese Wien 

 

Vizepräsident Mag.Dr. Manfred Steiner (Wiener Fußball-Verband); © WFV/FOTObyHOFER/Christian Hofer, 12.3.2023
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