Das Dom Museum Wien nimmt Wandel und Bedeutung von Arbeit in den Blick.
Wer dieser Tage das Dom Museum Wien betritt und sich über die Wendeltreppe in den Ausstellungsbereich begibt, wird mit einem großformatigen Gemälde von Lowell Nesbitt konfrontiert: in fotorealistischer Manier zeigt es den ikonischen 1962 eingeführten IBM 6400 Rechner – und markiert damit die damalige radikale Veränderung moderner Arbeit.
Nesbitts Gemälde des brandneuen Rechners aus dem Jahr 1965 spiegelt den Zeitgeist, denn „in dieser Frühzeit der Computerisierung dominierte die Vorstellung perfekter, störungsfreier Produktionsvorgänge durch die Minimierung der „Fehlerquelle Mensch“, wie Vanessa J. Müller, Co-Kuratorin der Schau „Alles in Arbeit“, im Katalog zur Ausstellung erklärt.
Arbeitsprozesse wurden neu organisiert, doch die Hoffnung nach Entlastung des Menschen durch die Maschine trat nicht in vollem Umfang ein: „Die zeitsparenden Effekte“, so Müller, „wurden durch ein ansteigendes Volumen der Arbeitsaufgaben kompensiert, oft aufgrund der Komplexität einzelner Vorgänge.“
Für heutige Betrachter*innen knüpft die Darstellung des IBM 6400 indirekt an die von K.I.-getriebenen Umbrüche geprägte Arbeitswelt an. Sie verweist auf die Hoffnungen und Sorgen, die der Gedanke, Maschinen würden den Menschen immer Arbeit „abnehmen“, mit sich bringt.
In einer Gegenwart, die von diesem tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt und zugleich von wirtschaftlichen Krisen und globaler Ungleichheit geprägt ist, gewinnt die Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit neue Dringlichkeit. Neben künstlicher Intelligenz und Automatisierung stellen Plattformarbeit, Migration, Care-Krise und soziale Prekarität alte Sicherheiten in Frage.
Die Rolle der Arbeit wird neu verhandelt – global wie individuell. Die Ausstellung „Alles in Arbeit“ – noch bis 30. August 2026 im Dom Museum Wien zu sehen – versammelt daher verschiedenste Perspektiven und künstlerische Zugänge, die zu einer persönlichen Reflexion der gesellschaftlichen Situation aber auch des eigenen Arbeitslebens einladen.
Im Zentrum der Ausstellung steht das menschliche Ringen mit der Frage nach Erwerbsarbeit. Doch der Begriff von Arbeit wird in den Kunstwerken selbst immer wieder in Frage gestellt und erweitert. So werden auch Werke gezeigt, die sich mit unsichtbarer, unbezahlter oder zu gering bezahlten Tätigkeiten auseinandersetzen: Care-Arbeit, Hausarbeit, künstlerischer Arbeit, Protestformen oder Prokrastination – Bereiche, die in traditionellen Arbeitsdefinitionen oft marginalisiert werden.
Gerade in einer Zeit, in der K.I.-gestützte Technologien selbst für große Teile kreativer und geistiger Arbeit zum Einsatz kommen, haben jene Bereiche der Arbeitswelt, in denen Menschlichkeit, Gerechtigkeit und die Sorge füreinander gefragt sind, mehr denn je Aufmerksamkeit verdient.
In der Ausstellung eröffnet das besondere Werkepaar einer mittelalterlichen Skulptur und einer zeitgenössischen Textilarbeit den assoziativen Raum zu Care-Arbeit und weiblicher Fürsorge, die über Jahrhunderte hinweg mit struktureller Geringschätzung verbunden war – und es vielerorts bis heute ist.
Neben der „Thernberger Madonna“ (um 1320), einem kunsthistorisch bedeutenden Beispiel gotischer Skulptur, wird die Arbeit „all-in (check, pink)“ (2023) gezeigt, ein skulpturales Schürzenobjekt von Birke Gorm aus Materialien, die an Tischdecken, Küchentücher, an Kochen, Waschen, Pflegen erinnern – an jene alltäglichen Arbeiten, die meist nicht als „Arbeit“ wahrgenommen werden, obwohl sie zentrale Lebensbereiche zusammenhalten.
Die Ausstellung verdeutlicht, dass Arbeit nicht nur ein politisch aktuelles, sondern auch ein existentiell aufgeladenes Thema ist, das sich tief in kulturelle, religiöse und soziale Deutungssysteme einschreibt. Arbeit bestimmt den Großteil des menschlichen Lebens, indem sie festlegt, wie und mit wem der Alltag verbracht wird, wieviel Geld einem zur Verfügung steht, welchen gesellschaftlichen Wert oder Nutzen man hat. Menschen arbeiten, um zu überleben – durch Nahrungssicherung, Schutz, Pflege, Herstellung –, aber auch, um sich auszudrücken, zu gestalten, zu verbinden. Arbeit strukturiert Zeit, Raum und soziale Beziehungen.
„Alles in Arbeit“ erzählt, wie sämtliche Ausstellungen des Dom Museum Wien seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2017, keine chronologische Geschichte, sondern nähert sich dem Thema Arbeit über diverse Zugänge – politisch, sozial, religiös, ästhetisch. Die Ausstellung spannt anhand von Grafik, Malerei, Skulptur, Fotografie, Video- und Installationskunst einen großen Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart.
Dabei werden verschiedene Facetten der vielgestaltigen Thematik beleuchtet: Die Ausstellung lädt zur Reflexion über die Beziehung zwischen Individuum und Arbeit ein, spürt der Darstellung verschiedener Arbeitsrealitäten in der Kunst nach und setzt sich mit der oft übersehenen Care-Arbeit sowie prekärer Arbeit, die sich unterhalb der Sichtbarkeitsgrenze abspielt, auseinander. Dabei rückt sie Überlegungen über gerechte als auch ungerechte Entlohnung sowie die Themen Anerkennung und Nichtanerkennung von Arbeit in den Fokus. Schließlich werden auch Muße und Nichtstun, zusammen mit der Bedeutung des arbeitsfreien Sonntags, angesprochen.
Beim Verlassen des Museums trifft man ein zweites Mal auf eine Arbeit, die Besucher*innen bereits im Stiegenhaus auf die Thematik einstimmt: Die sechsteilige Videoinstallation „One Euro“ (2015) von Oliver Walker zeigt auf je einem Monitor Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt bei der Arbeit – genau so lange, bis sie einen Euro verdient haben.
Während der Baumwollpflücker über eine Stunde im Einsatz ist, sieht man den Unternehmenschef eines globalen Konsumgüterkonzerns nur eine Sekunde. Ohne erklärenden Kommentar, allein durch den Faktor Zeit, macht das Werk drastisch erlebbar, wie ungleich Einkommen, Arbeitswert und Lebensrealitäten verteilt sind und wie tief diese Ungleichheit in globalisierten Produktions- und Konsumstrukturen verankert ist. Walkers Arbeit wirkt nach – wer arbeitet wie, zu welchen Bedingungen und mit welcher Anerkennung?
Das sind hochaktuelle Fragen, die weit über Ökonomie und Technologie hinausreichen. Arbeit bleibt auch in Zukunft nicht nur notwendig, sondern ist Gradmesser sozialer Teilhabe, politischer Gerechtigkeit und kultureller Zugehörigkeit – lokal wie global.
Johanna Schwanberg
Direktorin des Wiener Dommuseums
Der Kommentar ist die persönliche Meinung der Autorin/des Autors und muss nicht mit der Meinung der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien übereinstimmen.