In den Sommermonaten wird man als Öffi-Benutzerin in Wien auf eine harte Probe gestellt. Reparaturarbeiten an Gleisen und Tunnels erfordern viel Geduld und Kreativität, um ans Ziel zu kommen. Dennoch, wann, wenn nicht im Sommer, sollen die erforderlichen Arbeiten gemacht werden, die sicherstellen, dass Wien eine Stadt mit einer weltweit beispielhaften Infrastruktur bleibt? Wir wünschen uns sicher nicht deutsche Zustände, wo die Sparneurose von Finanzminister Wolfgang Schäuble die öffentlichen Dienste in Richtung Entwicklungsland gesteuert hat.
Also stand ich dieser Tage wieder an einer Straßenbahnhaltestelle, wo der Zug lange auf sich warten ließ. Neben mir unterhielten sich in aufgeregtem Tonfall zwei ältere Personen und steigerten sich angesichts der langen Wartezeit immer weiter in eine Verurteilung all derer, die in Wien und Österreich politische Verantwortung tragen. „Das sind ja alles Trotteln“, war noch eine der netteren Äußerungen. Sie verstiegen sich auch zu der Meinung, dass sie selbst das alles viel besser machen würden.
Davon war es nicht weit zu der Feststellung, dass es ja kein Wunder sei, dass nichts mehr funktioniert, wo doch das ganze Geld die Ausländer bekämen, um in einem Rundumschlag dabei zu landen, dass auch die heutige Jugend an diesem Desaster schuld sei, weil sie nicht mehr arbeiten wolle. Im beinahe gleichen Atemzug stellten sie aber fest, wie wunderbar ihre Enkelkinder seien und wie fleißig diese studierten.
Mich lassen solche Meinungsäußerungen, die ja einen großen Teil des Diskurses im öffentlichen Raum ausmachen, ratlos zurück. Ginge es nur darum, dass da Menschen ihren von verantwortungslosen Medien befeuerten Ressentiments freien Lauf lassen, so könnte man ja sagen: Selber schuld, wenn ihr euch das Leben vermiest. Aber so ist es ja nicht.
Diese Fixierung aufs Negative zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Statt gemeinsam froh darüber zu sein, eine der lebenswertesten Städte der Welt als Heimat zu haben, sehen die meisten nur das, was zugegebenermaßen nicht funktioniert. Den unterschiedlichen Bedürfnissen und Ansprüchen einer immer differenzierteren Gesellschaft gerecht zu werden, ist aber nicht nur die Aufgabe der Politik und Verwaltung.
In einem demokratischen Gemeinwesen sind zur achtsamen Mitgestaltung unserer Lebensräume alle Bürgerinnen und Bürger aufgerufen. Sich hinzustellen und nur die Unfähigkeit der Verantwortung tragenden zu beklagen, zeigt von einer sehr kindlichen Charakterstruktur. „Der Papa wird’s schon richten, das g’hört zu seinen Pflichten, dazu ist er ja da“. Dieser Kabarett-Song der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts zeugt von dieser Haltung.
Es herrscht anscheinend eine Ahnungslosigkeit darüber, was es heißt, die soziale, verkehrstechnische, gesundheitspolitische, bildungspolitische, kulturpolitische, infrastrukturelle Verwaltung eines Gemeinwesens mit begrenzten Mitteln zu gestalten. Noch dazu, wo sich die Wohlhabendsten am erfolgreichsten davor drücken können, ihren steuerlichen Beitrag dazu zu leisten.
Eine gewisse Tragik bekommt das Ganze noch dadurch, dass diejenigen, die den bürgerlichen Frust am meisten abbekommen, die Politiker nämlich, noch alles dazu tun, um diese Stimmung zu befeuern. Ein aktuelles Beispiel dafür, ist der von Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer losgetretene Rundumschlag gegen die Teilzeitarbeit.
Wenn Bürgerinnen beim Warten auf öffentliche Verkehrsmittel ihre völlig uninformierte Sicht der Welt austauschen, kann man ihnen noch mangelnde wirtschaftliche und politische Bildung zugutehalten. Aber ein Minister mit ähnlichen vereinfachenden Attitüden? Großzügig nimmt er zwar von dem Ansinnen, Teilzeitarbeitende kämen ihren staatsbürgerlichen Pflichten nicht nach, Personen mit Betreuungspflichten aus, aber ist es nicht so, dass die meisten Menschen und vor allem Frauen Betreuungspflichten haben, auch wenn sie keine kleinen Kinder und alte Eltern versorgen müssen?
Und war es nicht die Partei des Herrn Wirtschaftsministers, die ein Frauenbild forcierte, das die Wahlmöglichkeit zwischen Berufstätigkeit und Hausfrau haben sollte? Und was ist gegen Menschen einzuwenden, die in Teilzeitarbeit ihren Lebensunterhalt verdienen, entweder weil sie dank ihrer Qualifikation ein hohes Gehalt beziehen oder weil sie eben geringere Konsumwünsche haben? Und ist es nicht auch deshalb so schwierig, den Sozialstaat zu finanzieren, weil so viele Menschen ein so geringes Einkommen beziehen, dass deshalb auch bei Vollzeitarbeit ihre davon berechneten Steuern und Sozialabgaben niedrig sind?
Man traut es sich ja kaum mehr zu sagen, obwohl es von vielen Wirtschaftswissenschaftlern vertreten wird. Eine generelle Arbeitszeitverkürzung könnte auch ein Hebel dazu sein, dass mehr Menschen einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, insgesamt würden dadurch sicher mehr Arbeitsstunden geleistet und es würden sich dadurch auch die Sozialabgaben und Steuerleistung erhöhen.
Es würde auch vollbeschäftigten Männern leichter machen, sich an der gerechten Verteilung der Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern zu beteiligen.
Darüber wollen viele nicht sprechen, weil dadurch das Nachkriegsmodell des Arbeitsmarkts – der nebenbei bemerkt, keinerlei Voraussetzungen eines echten Markts erfüllt - in Frage getellt würde. Dieses Modell fußt auf dem Ernährerprinzip, das den Mann als Ernährer der Familie sieht, die Frau verdient, wenn es gut geht, dazu und erledigt die gesamte unbezahlte Haushalts- und Sorgearbeit der Familie.
Dieses Modell passt nicht mehr in die heutige Zeit, wie selbst konservative Politiker bemerken. Frauen haben zumindest eine gleich hohe Ausbildung wie Männer und auch wenn digitale Tradwifes es noch so schmackhaft machen, das Hausfrauendasein war nur eine kurze Episode in der Geschichte der Frauenarbeit. Was aber bleibt, ist die Tatsache, dass wir Menschen Zeit unseres Lebens voneinander abhängige Wesen sind, die Grundversorgung, Fürsorge, Bildung, Gesundheitsversorgung und auch Pflege brauchen. Manche können sich diese Dienste zukaufen, aber die Mehrzahl der Menschen verrichtet oder nutzt sie unentgeltlich.
Dennoch sträuben sich politisch Verantwortliche dagegen, die Bedeutung der unbezahlten Care-Arbeit für das Funktionieren unseres Wirtschaftssystems zu sehen. Sorgearbeit ist aber die Voraussetzung dafür, dass alle anderen ökonomischen Tätigkeiten erfüllt werden können.
Als einzige Lösungsmöglichkeit dafür, eine flächendeckende Kinderbetreuung einzurichten, greift meiner Meinung nach zu kurz. Erst wenn die Care-Arbeit im ökonomischen Denken den ihr zustehenden Raum bekommt, wird die Teilhabe aller Menschen – Frauen und Männer – an der nachhaltigen wirtschaftlichen und sozialen Gestaltung unserer Lebenswelt möglich sein.
Der Hang zur Teilzeit-Arbeit ist ein Symptom dafür, dass viele Menschen begriffen haben, dass zu einem erfüllten Leben mehr gehört als Konsum und finanzieller Wohlstand. Das muss bei der zukünftigen Gestaltung der Arbeitswelt bedacht werden. Sinnvoll genützter Zeitwohlstand ist derzeit noch ein Modell, das sich nur wenige leisten können – aber es ist möglicherweise das, was Gutes Leben in Zukunft ausmachen wird.
Der Kommentar ist die persönliche Meinung der Autorin/des Autors und muss nicht mit der Meinung der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien übereinstimmen.