Samstag 18. November 2017
Gesellschaft

Das Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich

9 VOM SOZIALWORT ZU SOZIALEN TATEN

Schlusskapitel

Altes Testament
Wie die Erde die Saat sprießen lässt
und der Garten die Pflanzen hervor bringt,
so bringt Gott, der Herr, Gerechtigkeit hervor. (Jesaja 61,11)

Neues Testament
Dann erwarten wir, Gottes Verheißung gemäß, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt. (2 Petrus 3,13)

(309) Mit diesem Sozialwort bringen die im Ökumenischen Rat vertretenen christlichen Kirchen in Österreich ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass alles daran gesetzt werden muss, dass die realen, materiellen und rechtlichen Voraussetzungen für die Teilhabe aller Menschen an einem Leben in Freiheit und Gemeinschaft, in Verantwortung und Würde geschaffen werden können.
Diese Überzeugung motiviert die Kirchen, nicht nur ein Sozialwort zu veröffentlichen, sondern erneut durch soziale Taten ihren Beitrag zur Umsetzung der darin formulierten Anliegen zu leisten.
Ermutigt werden sie dabei durch die Vielfalt engagierter Initiativen, die sich an der Standortbestimmung beteiligt haben, sowie durch die anregende Diskussion des Sozialberichts, der als Kontext für die Weiterarbeit mit dem Sozialwort seine Bedeutung behält.
In besonderer Weise bestärkt sehen sich die Kirchen durch das in diesem Prozess erneuerte Bewusstsein dessen, was Christinnen und Christen aus verschiedenen Kirchen in ihrem Engagement verbindet.

GESELLSCHAFTLICHE PROBLEME ALS GEMEINSAME AUFGABE

(310) Die Kirchen verstehen die im Sozialwort angesprochenen Probleme als eine Herausforderung für alle gesellschaftlichen Kräfte. Die Arbeit an der Lösung dieser Probleme erfordert ein Zusammenwirken aller. Sie anzusprechen bedeutet nicht, anderen Schuld zuzuweisen, noch den Anspruch zu erheben, selbst die endgültigen Lösungen zu haben. Wohl aber wollen die Kirchen damit ihre Bereitschaft zum Ausdruck bringen, sich mit ihren je eigenen Möglichkeiten an der Weiterentwicklung der Gesellschaft zu beteiligen.
Die Kirchen verbinden damit die Wertschätzung für alle, die sich in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft für ein gutes Zusammenleben engagieren, sich der Nöte anderer annehmen und an den Zukunftsfragen arbeiten, so wie es im Sozialwort-Prozess erlebbar geworden ist.

Kooperation und Konflikt
(311) Die Überzeugung, dass die anstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen nur gemeinsam zu bewältigen sind, bedeutet aber auch, Unterschiede in den Zugängen und Sichtweisen wahrzunehmen, wechselseitig zu respektieren und an einer fairen Austragung von Konflikten zu arbeiten.

Die Dynamik der Sprache
(312) Besonderer Aufmerksamkeit bedarf dabei der Umgang mit Sprache. Wo durch Worte Misstrauen gesät, Verdächtigungen angedeutet, Personen abgewertet, wo Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, wird das für eine konstruktive Zusammenarbeit notwendige Vertrauen untergraben und die Akzeptanz möglicher Lösungen erschwert.

DER BEITRAG DER KIRCHEN

(313) Die christlichen Kirchen sehen es als ihren Auftrag, im Blick auf die größere Wirklichkeit Gottes jeweils die Fragen nach Sinn und Zielen zu stellen.
In ihrer Option für die Armen wollen sie dort helfen, wo Menschen unterdrückt werden und Not, Armut und Ausgrenzung erleiden.
Im Bewusstsein, dass gerechte Strukturen und Rahmenbedingungen wesentliche Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben für alle sind, setzen sie sich für die notwendigen Veränderungen von Strukturen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein.

Jenseits von Angebot und Nachfrage
(314) Die Kirchen stellen Grundfragen des Lebens. Was dient dem Menschen, dem Leben, der Schöpfung? Was ist das Ziel von Arbeit und Wirtschaft?
Orientierung aus der Sicht des Glaubens verlangt Auseinandersetzung mit herrschenden Bewusstseinslagen, eindimensionalen Denkweisen und unterschiedlichen Mentalitäten - und den Dialog mit anders Denkenden. Wesentliche Kriterien sind dabei Achtsamkeit für die Würde der Person und Verantwortung für die Schöpfung. Dabei ist sowohl auf die Geschlechtergerechtigkeit, wie auch auf die unterschiedlichen Lebenslagen zu achten.
Dies bedeutet, langfristige Entwicklungen und ganzheitliche Ziele im Auge zu behalten. Dies halten wir fest, obwohl sich die Kirchen in unserer schnelllebigen Zeit da und dort dem Verdacht ausgesetzt sehen, unrealistisch zu sein oder Illusionen nachzuhängen.

Option für die Schwachen und Benachteiligten
(315) Heute wollen die christlichen Kirchen Stimme der Stimmlosen sein, sich für die Integration von Menschen am Rande einsetzen, und Orte der Begegnung und Kommunikation bieten.
Die Kirchen werden sich zu Wort melden, wo immer auch durch gesellschaftliche Entwicklungen Gefahren drohen.

Verantwortung in der Demokratie
(316) Christinnen und Christen leben in Österreich in einem demokratischen Staat, der die Würde jedes Menschen anerkennt und den Menschenrechten verpflichtet ist. Zu seinen wesentlichen Zielen gehört das Wohl jeder einzelnen Person, das in das Gemeinwohl der Gesellschaft mündet. Dabei geht es um einen ständig neu zu ermittelnden Interessenausgleich zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.
Die Kirchen wissen sich aus ihrem Sendungsauftrag verpflichtet, in diesen gesellschaftlichen Dialog ihre Stimme einzubringen. In ihrer Öffnung zur Welt stärken sie eine offene, demokratische Gesellschaft und die Selbstbestimmungskräfte der Zivilgesellschaft. Diese Anliegen suchen sie auch im Prozess der Erarbeitung einer neuen Österreichischen Verfassung zu vertreten.

Offen für gesellschaftliche Entwicklungen
(317) Die Öffnung der Europäischen Union für neue Mitgliedsländer und die wachsende weltweite Vernetzung stellen die demokratischen Gesellschaften vor neue Herausforderungen. Dafür bedarf die Europäische Union neuer Regeln, wie sie mit einer europäischen Verfassung formuliert werden.
Um gerechtere Strukturen als Voraussetzung für ein nachhaltiges, ökologisches Wirtschaften und einen dauerhaften Frieden zu schaffen, bedarf es einer Stärkung der Vereinten Nationen und entsprechender, die Menschenwürde beachtender Regelungsmechanismen.
Die Kirchen treten dafür ein, die Vereinten Nationen in jeder Weise zu stärken, so dass sie sich zielführend für gerechte Strukturen einsetzen können.

EINLADUNG AUF DEN GEMEINSAMEN WEG

(318) In jedem der vorangehenden Kapitel werden komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge angesprochen.
Damit verbindet sich die ausdrückliche Einladung an alle, sich an einer weiterführenden, kritischen Auseinandersetzung zu beteiligen.
Die in den jeweiligen Kapiteln formulierten Aufgaben für Kirchen und Gesellschaft bieten Anregungen, das Sozialwort in die Tat umzusetzen.
Sie sind als Einladung an einzelne, an kirchliche und gesellschaftliche Initiativen und Einrichtungen zu verstehen, sich die Anliegen des Sozialworts zu eigen zu machen und gemeinsam weiterzuführen.

(319) So ist dieses Sozialwort offen für zukünftige Herausforderungen. Die weiteren Entwicklungen der im Sozialwort angesprochenen und auch neuer Problemkreise können zu gegebener Zeit zu einer Fortschreibung des Sozialwortes führen.

(320) Die im Ökumenischen Rat vertretenen christlichen Kirchen in Österreich sind bereit, sich gemeinsam mit allen Kräften einzusetzen, um diese Welt in Hoffnung offen zu halten für die Zukunft Gottes.

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