Sonntag 19. November 2017
Gesellschaft

Das Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich

1 BILDUNG: ORIENTIERUNG UND BETEILIGUNG


Bildung

Altes Testament
Weisheit übertrifft die Perlen an Wert,
keine kostbaren Steine kommen ihr gleich.
Ich, die Weisheit, verweile bei der Klugheit,
ich entdecke Erkenntnis und guten Rat. (Sprichwörter 8, 11-12)

Neues Testament
Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, ... gebe euch den Geist der Weisheit... . Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid (Epheser 1, 17-18)

BILDUNG IST MEHR ALS WISSEN

(17) Eine moderne, demokratische, komplexe und sich rasch wandelnde Gesellschaft braucht selbstbewusste, kritische und mündige Bürgerinnen und Bürger, die sich auch dort orientieren können, wo die sie umgebende Welt unübersichtlich ist. Sie müssen fähig sein, gesellschaftliche Umbrüche im Blick zu behalten, einen Standpunkt einzunehmen und in Freiheit Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Gerade Freiheit und Verantwortung füreinander sind ein wesentliches Erbe des Christentums.

Bildung - eine Schlüsselfrage
(18) Die Zukunft der Bildung ist eine der entscheidenden Herausforderungen einer modernen Gesellschaft. Bildung, die dem Menschen gerecht wird, wurzelt in einem lebendigen Interesse an der Welt, das zutiefst aus dem Staunen, der Achtung und der Dankbarkeit kommt. Neugier, Achtsamkeit, Verantwortungsbewusstsein, Beziehungsfähigkeit und Weltoffenheit sind grundlegende Ziele einer Persönlichkeitsbildung, die von Kindheit an grundgelegt wird und ein Leben lang weiterzuentwickeln ist. Darauf bauen jene Fähigkeiten auf, welche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, in Wirtschaft und Politik ermöglichen: Allgemeinbildung, Vertrautheit mit modernen Technologien und berufsspezifische Qualifikationen. Diese Bildungsziele sind aufeinander bezogen, bedingen und ergänzen sich.

MENSCHENGERECHTE BILDUNG

(19) In der Diskussion über die soziale Dimension des Bildungswesens werden vor allem die Bedeutung eines uneingeschränkten Zugangs zu Bildung als ein Grundrecht, und die besondere Förderung benachteiligter oder unterrepräsentierter Gruppen betont. Die Erziehung zu Toleranz, Achtung anderer und Solidarität sowohl im nationalen wie im globalen Zusammenhang werden dabei hervorgehoben. Ein ganzheitliches, nicht allein an intellektueller Leistung oder wirtschaftlicher Verwertbarkeit orientiertes Verständnis von Bildung ist gefordert.

Ganzheitliche Bildung
(20) Bildung und Ausbildung erweisen sich zunehmend als Schlüssel zu besseren Lebenschancen für den Einzelnen sowie als immer bedeutsamer werdende Quelle des Wohlstands. Der schnelle Wandel der beruflichen Anforderungen und der auf dem Arbeitsmarkt nachgefragten Qualifikationen verlangt nicht nur nach lebenslangem Lernen, sondern auch nach einem umfassenderen Verständnis von Bildung.
Je rascher die gesellschaftlichen Veränderungen, desto wichtiger wird Bildung als Hilfe zur Orientierung und Sinnfindung. Praktische, kurz- und mittelfristig anwendbare Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten sind wichtig, sie bedürfen aber der Einbettung in Grundhaltungen emotionaler, kognitiver und ethischer Art.

Bildung schafft Bindung
(21) Bildung kann Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenführen, durch gemeinsames Lernen den Horizont eines jeden und einer jeden Einzelnen weiten und helfen, Brücken zu bauen zwischen Generationen und zwischen den Geschlechtern, zwischen Kulturen und Religionen. Orte der Bildung können so Orte der Integration von Fremden und von Menschen mit Behinderungen sein. Das Einüben in den Umgang mit anderen und mit ihren Eigenheiten ist ein unerlässliches Lernziel. Bildung schafft Bindung und stärkt so den sozialen Zusammenhalt.

Bildung als Menschenrecht
(22) Ein breiter Zugang zu Bildung als einem grundlegenden Recht aller Menschen ist in vielen armen Ländern noch keineswegs verwirklicht. Menschen, die schon als Kinder keine Chance erhalten, sich grundlegendes Wissen anzueignen und ihre eigenen Fähigkeiten zu entfalten, können an vielen Errungenschaften in unseren modernen und komplexen Gesellschaften nicht teilhaben.
Bildung kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Menschen einen Ausweg aus der Armut zu ermöglichen, der sie zugleich zu Subjekten ihrer Lernprozesse macht und ihr Selbstwertgefühl erhöht.
Je höher der allgemeine Bildungs- und Ausbildungsstandard einer Gesellschaft ist, desto schwerer haben es jene, die aus Gründen von körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung oder sozialer Benachteiligung geringere Bildungschancen haben als andere. Eine reiche Gesellschaft hat solche Benachteiligungen durch besondere Bemühungen nach Kräften auszugleichen, um dieser Personen und um der ganzen Gesellschaft willen.

Bildung ist keine Ware
(23) Bildung bedeutet, dass Menschen sich bilden. Es geht um die Aneignung eines Wissens, das es ihnen ermöglicht, ihr Leben sinnvoll zu gestalten. Die Tendenz einer fortschreitenden Ökonomisierung von Bildung und ihre vorrangige Beurteilung nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen wird der Bedeutung von Bildung nicht gerecht. Gewiss stehen bei Lernprozessen konkrete Ausbildungsziele im Vordergrund. Dabei ist aber auch ihre Wirkung auf die einzelnen Personen und ihre gesellschaftliche Bedeutung im Auge zu behalten.

(24) Bildung hat wesentlich mit Menschenwürde, Gerechtigkeit und Freiheit zu tun und muss darum Allgemeingut bleiben. Wird Menschen der Zugang zur Bildung erschwert oder aus finanziellen Gründen unmöglich gemacht, so gereicht dies zum Nachteil der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes.

Teilnahme am Leben der Gesellschaft
(25) Bildung muss zur Gestaltung des Lebens und zu gesellschaftlicher Teilnahme befähigen. Einer Fülle an Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten stehen Vereinsamung, Entsolidarisierung und die Marginalisierung von Bevölkerungsgruppen gegenüber, die diese Möglichkeiten nicht nutzen können.
Gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzungen werfen immer neue politische Fragestellungen auf, deren Unüberschaubarkeit oft zu resigniertem Desinteresse führt.
Dem Bildungswesen erwachsen daraus Aufgaben, die über Erziehung und Unterricht im herkömmlichen Sinn hinausgehen. Es geht darum, mitmenschliche Sensibilität und Dialogfähigkeit zu fördern. Bildung soll zu verantwortungsvoller Teilnahme an der Gesellschaft motivieren und befähigen.

Lebensbegleitende Bildung
(26) Das rasch sich ändernde Wissen erfordert über die Erstausbildung hinaus lebensbegleitende Weiterbildung. Dabei kommt der außerschulischen Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung besondere Bedeutung zu. Deshalb hat die EU im Jahr des lebenslangen Lernens (1996) die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der verschiedenen Formen nicht berufsbezogener Bildungsarbeit gelenkt und die Bereitstellung entsprechender Ressourcen gefordert. Lernfähig zu bleiben, wird die Hauptanforderung der kommenden Jahre.

Institutionen der Bildung
(27) Dem Bildungswesen kommt in seinen verschiedenen Institutionen und Trägerschaften große Bedeutung für die individuelle Entfaltung wie auch für das Gemeinwohl zu. Die verschiedenen Orte der Bildung, Schulen, Universitäten und Fachhochschulen und auch die Einrichtungen der Erwachsenenbildung werden in ihrer Bedeutung weiter zunehmen. Ebenso wichtig ist eine gute Lehrlingsausbildung und Weiterbildungsprozesse in Betrieben und Gemeinden, die ihren je eigenen Beitrag zu einer ganzheitlichen Bildung leisten.

Beitrag der Kirchen
(28) In diesem Zusammenhang sind die Kirchen als wichtige Träger von Schulen, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung gefordert. Sie leisten mit ihren Einrichtungen einen unverzichtbaren Beitrag zu einem differenzierten Bildungssystem.
Christliche Bildungseinrichtungen nehmen eine wesentliche Brückenfunktion zwischen den Kirchen und der Gesellschaft wahr: im Bereich des Identitätslernens, der Lebensgestaltung, der Wertebildung, der Sprachkompetenz, der gesellschaftspolitischen Bewusstseinsbildung, der Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur.

(29) Das spezifisch Christliche des kirchlichen Engagements ist es, Menschen zu helfen, die Wirklichkeit Gottes im eigenen Leben und in den Vorgängen der Gesellschaft zu entdecken.
Die Kirchen wollen Menschen dazu hinführen, sich in ihrem Tun von Gottes Geist leiten zu lassen und ihm im Glauben zu antworten. Fragen des Lebens und der Gesellschaft entscheiden sich im Blick auf Jesus Christus, dem Menschen für andere.

FÜR UMFASSENDE BILDUNG
Aufgaben für die Kirchen

- Die Kirchen achten auf hohe Qualität ihrer Bildungsangebote. Sie wollen die Menschen in ihrer Würde ernst nehmen und zu Teilhabe und    Mitgestaltung befähigen. Sie tragen dabei besondere Verantwortung    für Kinder und junge Menschen, die ihnen anvertraut sind. (30)

- Die Kirchen fördern in ihren eigenen Schulen, mit ihrer reichen Tradition und ihrer Offenheit, Kinder und Jugendliche aller Schichten und Herkunftsländer. Dabei kommt einem entsprechend gestalteten Religionsunterricht besondere Bedeutung zu. (31)

- Die Kirchen stellen in ihrer Erwachsenenbildung offene Bildungsangebote bereit, die auch für Einzelne und Gruppen zugänglich sind, die sonst nur schwer Zugang zur Bildung finden. (32)

- Die Kirchen wollen ihre Vielfalt positiv nützen und gruppenübergreifende Lernprozesse zwischen jungen und alten Menschen, zwischen Frauen und Männern fördern und einen Raum zur Integration von Menschen mit Behinderungen oder von Fremden bieten. (33)

- Die Kirchen sind aufgefordert, verstärktes Augenmerk auf Frauen als Vermittlerinnen von Wissen und Weisheit zu richten. Dazu dienen auch spezifische Bildungsprogramme der Frauenförderung. (34)

- Die Kirchen pflegen in ihren Bildungseinrichtungen eine Kultur des Dialogs und der Solidarität, die zu gesellschaftlich verantwortlichem Handeln befähigt. (35)

- Die Kirchen verbinden in ihrer ganzheitlichen Bildungsarbeit die Erschließung des Glaubens mit dem Eingehen auf die persönlichen und gesellschaftlichen Fragen der Menschen. (36)

FÜR EINE AKTIVE BILDUNGSPOLITIK
Aufgaben für die Gesellschaft

- Die Kirchen treten für eine offene Diskussion über eine Neuformulierung der Ziele der Bildungspolitik ein, die die verschiedenen Ebenen der Bildung und die unterschiedlichen Träger einbezieht. (37)

- Bildungspolitische Maßnahmen müssen sich an einem umfassenden Bildungsbegriff orientieren und nicht nur an der ökonomischen Verwertbarkeit. Soziales Lernen muss als gleichberechtigtes Ziel anerkannt werden. (38)

- Im Sinne des Rechts auf Bildung muss sichergestellt werden, dass der Zugang zu Schulen, Universitäten und sonstigen öffentlichen Bildungseinrichtungen für Angehörige aller Schichten offen bleibt. (39)

- Die Schaffung von Lehrstellen in den Betrieben und Einrichtungen der Lehrlingsausbildung bedürfen besonderer Förderung. (40)

- Es müssen ausreichend Mittel für Jugendarbeit und ganzheitliche Erwachsenenbildung zur Verfügung gestellt werden. Im Interesse der Vielfalt des Bildungsangebotes sind dabei auch konfessionelle Bildungsträger zu unterstützen. (41)

- Bildung muss sich den Herausforderungen einer Weltgesellschaft stellen. Um weltweite Zusammenhänge zu erkennen, zu verstehen und zu gestalten, ist die Entwicklung eines globalen Ethos zu fördern. Dafür sind interkulturelles Lernen, Friedenserziehung, Fragen der sozialen und der Geschlechtergerechtigkeit sowie politische und wirtschaftliche Alphabetisierung wichtig. (42)

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