Mittwoch 22. November 2017
Gesellschaft

Das Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich

0 DIE CHRISTLICHEN KIRCHEN IN GEMEINSAMER VERANTWORTUNG


Grundlagenkapitel:
Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. (Amos 5,24)    

Was Ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (Matthäus 25,40b)

UNSERE ZEIT IST GOTTES ZEIT

(1) Wir leben in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Wie jede Zeit ist auch unsere Zeit Gottes Zeit.
Aufgabe der Kirchen ist es, in diese Zeit hinein ein ermutigendes, in die Zukunft weisendes Wort an die Menschen zu richten. Sie können dieser Aufgabe nur in einer gemeinsamen Anstrengung gerecht werden.

(2) Die Kirchen Europas haben sich verpflichtet, Inhalte und Ziele ihrer sozialen Verantwortung miteinander abzustimmen und sie gegenüber den säkularen Institutionen möglichst gemeinsam zu vertreten (Charta Oecumenica Nr. 7).

Das Projekt Sozialwort
(3) Diese Selbstverpflichtung nahmen die 14 Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ)*) im „Projekt Sozialwort“ auf. Nach den Phasen von Standortbestimmung und eingehender Diskussion legen die Kirchen nun als Ergebnis und Zeugnis das „Sozialwort“ vor.

IM NAMEN GOTTES FÜR DIE MENSCHEN

(4) Die Kirche Jesu Christi als göttlich-menschliche Institution soll auch heute ihren diakonischen Dienst vor Gott und den Menschen erfüllen. Sie tritt im Namen Christi für die Versöhnung des Menschen mit Gott, mit den Mitmenschen und mit sich selbst ein.

(5) Dieses Sozialwort spricht in die Gesellschaft. Es spricht zugleich die Kirchen selbst an, die Teil der Gesellschaft sind und an deren Entwicklungen teilhaben, als auch bemüht sind, diese Entwicklungen aus christlicher Überzeugung mitzugestalten.

Der gesellschaftliche Auftrag der Kirchen
(6) Die soziale Verantwortung der Kirchen entspringt dem Grund des Glaubens selbst. Weil Gott sich in Jesus Christus durch den Heiligen Geist liebevoll der Welt zuwendet, gehört es zum Wesen christlichen Glaubens, der Welt und den Menschen in ihren konkreten Nöten zugewandt zu sein. „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Galater 6,2). Diese Weisung des Apostels Paulus legt den Grund für diesen Auftrag der Kirchen, den sie im Laufe ihrer Geschichte und in der Gegenwart in vielfältiger Form verwirklicht haben und verwirklichen. Bis heute sind die Kirchen durch das Engagement vieler christlicher Frauen und Männer hervorragende Trägerinnen sozialer Initiativen und sozialer Arbeit. Dieser reiche Schatz der Kirchen an Erfahrung und Kompetenz zeigte sich auch in den 522 Stellungnahmen, die in den „Sozialbericht“ eingeflossen sind und die gegenwärtige Wahrnehmung der sozialen Verantwortung durch die Kirchen dokumentieren.

Menschenwürdiges Leben für alle
(7) Im Zentrum dieses kirchlichen Engagements steht der Einsatz für ein menschenwürdiges Leben für alle.
Die Würde des Menschen gründet nach christlichem Glauben in der Gottebenbildlichkeit: Wie in der christlichen Tradition der trinitarische Gott selbst als Beziehungsgeschehen von Vater, Sohn und Heiligem Geist gedeutet wird, so wird auch Menschsein grundlegend als Bezogensein verstanden. Somit gründet das Engagement der Kirchen für die soziale Wirklichkeit im Glauben an diesen Gott. Der Maßstab für die Bewertung der sozialen Realität ist daher die Würde des Menschen in der Vielfalt seiner Beziehungen, wodurch ein individualistisch, dualistisch oder autonomistisch enggeführtes Menschenbild überwunden wird.

Erfahrung des befreienden Gottes
(8) So drückt sich die soziale Verantwortung der Kirchen nicht nur in ethischen Überlegungen aus und erschöpft sich auch nicht in der notwendigen Sorge um die Opfer von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen und sozialer Ungerechtigkeit. Durch ihre Verwurzelung im Glauben an den Dreieinigen Gott betrifft sie zentrale Glaubenswahrheiten.
Der Gott der Bibel hat sich selbst auf die Seite der Unterdrückten gestellt. Die Befreiung Israels aus der Sklaverei Ägyptens stellt eine zentrale Glaubenserfahrung dar, die uns Christen durch die jüdische Tradition vermittelt wurde. In Jesu Tod und Auferstehung erfahren wir die Befreiung von Schuld und Sünde. Als neue Menschen sind wir berufen zu einem Leben im Dienst für die andern.

Die soziale Tradition Israels
(9) Authentischer Gottesglaube wurde schon in den Schriften des Alten Testaments stets an der Solidarität mit Fremden und Armen, speziell mit Witwen und Waisen gemessen (Exodus 22, 21; Deuteronomium 10, 18f.; Jesaja 1, 17). Die Solidarität mit den Schwachen sollte dabei nicht nur theoretische Geltung haben, sie drückt sich auch in der konkreten Gesetzgebung aus (Sabbatjahr Deuteronomium 15, 1f; Jobeljahr Leviticus 25, 8-31; Begrenzung der Schuldsklaverei Exodus 21, 2-11). Schon die Propheten und Prophetinnen Israels stellten das Volk Gottes vor die Alternative zwischen Gott und den Götzen und kritisierten aus Glaubensgründen Ungerechtigkeit und Habsucht.

Die Botschaft Jesu
(10) In dieser prophetischen Tradition stehend verkündet Jesus am Beispiel des barmherzigen Samariters (Lukas. 10,25-37) und in der Rede vom Weltgericht (Matthäus 25, 31-46) die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe. In der Hilfe für den Notleidenden geschieht Begegnung mit Gott. Kritisch verweist Jesus darauf, dass es nicht möglich ist, zugleich Gott und dem Mammon zu dienen (Matthäus 6,24).

(11) Im Licht der Tradition Israels und der Botschaft Jesu sind wir daher gerufen zu Solidarität mit den Schwachen und Hilfe für Notleidende, aber auch dazu, auf Unrecht hinzuweisen und falschen Göttern abzusagen.

Dem Wort Gottes verpflichtet
(12) Die jedem Kapitel des Sozialworts vorangestellten Schriftworte verweisen auf die Bibel in ihrer kritischen und inspirierenden Funktion. So soll deutlich werden, dass sich die Kirchen in ihrer sozialen Verantwortung dem Auftrag Gottes, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt ist, verpflichtet wissen.

Glaubwürdig durch Engagement
(13) Die Botschaft der Kirchen ist dann glaubwürdig, wenn sie durch das eigene Engagement gedeckt ist. Die breite Basis der Stellungnahmen im Sozialbericht und die große Kompetenz, die sich in ihnen ausdrückt, ist Grund, das vielfältige Engagement kirchlicher Einrichtungen, Initiativen und einzelner Christinnen und Christen sowie ihre breite Beteiligung am Projekt Sozialwort dankbar anzuerkennen. Auch die Aussagen dieses Sozialwortes werden nur in Verbindung mit der Praxis der Kirchen glaubwürdig sein. Deshalb verpflichten sich die Kirchen in jedem Kapitel zu einem entsprechenden Engagement und zu Initiativen, an denen ihre Anliegen erkennbar werden.
Auf dieser Basis ist es möglich, mit Gruppen der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten, sowie Forderungen an die Gesellschaft und die politisch Verantwortlichen zu richten.

Solidarisch mit den Armen
(14) Ausgehend von der Weltzuwendung Gottes wissen sich die Kirchen in besonderer Weise an die Seite der Armen und Ausgestoßenen gestellt. Sie betrachten die Wirklichkeit von Welt und Gesellschaft aus der Perspektive des Evangeliums. Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt Armen und Menschen am Rande der Gesellschaft.
Hilfe für Hungernde, Fremde und Obdachlose, für Kranke und Gefangene ist für Jesus unerlässliche Voraussetzung für eine geglückte Gottesbeziehung.

In Sorge um Schöpfung und Zukunft
(15) Weiters richtet sich die Aufmerksamkeit der Kirchen auf die bedrohte Schöpfung, auf die Forderungen einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Entwicklung und einer gerechten Verteilung der Güter dieser Erde. In dieser Blickrichtung sehen die Kirchen heute eine weltweite Verschärfung der sozialen Konflikte, eine Zunahme von Armut und eine sich ausbreitende Tendenz der Entwürdigung von Menschen. Dazu dürfen und können die Kirchen um Jesu Christi willen nicht schweigen.

Mit Zuversicht unterwegs
(16) Die Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich engagieren sich im Vertrauen, dass sich auch in unserer Zeit die Gesellschaft durch den konstruktiven wie kritischen Beitrag vieler weiterentwickeln kann - zum Wohl aller. Die Kirchen werden alles daran setzen, dass die realen, materiellen und rechtlichen Voraussetzungen für die Teilhabe aller Menschen an einem Leben in Freiheit und Gemeinschaft, in Verantwortung und Würde geschaffen werden können.

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