Sonntag 19. November 2017
Gesellschaft

Grenzüberschreitender Mechaye Hametim Gedenkauftakt

Mit großem Interesse erkundeten  Kath. Akademiker jüdische Spuren im Weinviertel und Mähren

Mit einem 60-sitzigen Autobus – so groß war das Interesse – begab sich der Katholische AkademikerInnen Verband Wien auf eine grenzübergreifende jüdische Spurensuche ins Weinviertel und nach Mähren am österreichischen Nationalfeiertag, dem 26. Oktober 2016, die gleichzeitig zur Eröffnung der Mechaye Hametim/ Der die Toten auferweckt Gedenktage wurde.

 

Die Menschen haben sich respektiert

Die Stiegen zum jüdischen Friedhof in Mistelbach sind wackelig und der Handlungsbedarf spürbar.

Von weiten Teilen des Weinviertels, von Laa an der Thaya, Ernstbrunn, Wolkersdorf und darüber hinaus, wurden die jüdischen Bürger von 1900 bis 1938 hier begraben. Er zählt über 120 Gräber und wurde in den letzten Jahren sorgfältig renoviert, berichtet Christa Jakob. 1336 ist die erste jüdische Gemeinde in Mistelbach belegt, 1890 gab es eine Kultusgemeinde, 1895 wurde eine Synagoge gebaut. Zum Grabstein der Pfarrersköchin Lotti Toch, die vom Rabbi und dem katholischen Pfarrer gemeinsam begraben wurde, sagte Jakob, „die Menschen haben sich respektiert und die Juden waren integriert“. Mit 15 Überlebenden hat die engagierte Autodidaktin gesprochen.

 

1938 rühmte sich Mistelbach die erste judenfreie Stadt zu sein. Die Synagoge wurde von der Hitlerjugend, dann von Zwangsarbeitern, später als Nahrungsmitteldepot verwendet, nach dem Krieg zurückgegeben und 1976 an eine Privatperson verkauft; 1944-45 gab es ein Außenlager vom KZ- Mauthausen in Mistelbach, erzählte Jakob, die 2003 mit anderen das Buch „Verdrängt und Vergessen. Die jüdische Gemeinde in Mistelbach“, eine Dokumentation zur gleichnamigen Ausstellung herausgegeben hat. „Zwei gleichseitige Dreiecke bilden den Davidstern, Gott und Mensch sind untrennbar miteinander verbunden“, sagt sie und hofft auf ein Haus für die Juden des Weinviertels.

 

Über das nächste Ziel Lundenburg/Břeclav berichtete Walter Persché, der ehemalige Kulturattaché und Direktor des Österreichischen Kulturforums in Bratislava, ausführlich. Schon 1414 gab es Juden in der Stadt. In Mähren war ihr Leben ruhiger als anderswo. Sie waren durch die Geschlechter der Liechtensteiner und Dietrichsteiner geschützt. Die Unternehmerfamilie Kuffner hatte die größte Zuckerfabrick Europas erbaut, die Rothschilds die Eisenbahn hierher gebracht. Viele Juden wurden für ihre Wohltätigkeit in den Adelsstand erhoben. 1938 ging die jüdische Gemeinde zugrunde. Die neuromanische Synagoge wurde nach der Wende von der Stadt erworben und 1999 komplett restauriert. Heute dient sie als Ausstellungs- und Veranstaltungshalle. Im jüdischen Friedhof (17.Jh) sind heute nur etwa 400 Gräber erhalten. Besonders sehenswert sind die Grabstätte der Familie Kuffner sowie die neugotische Trauerhalle aus 1892und das Häuschen des Totengräbers.

 

Der jüdische Friedhof in Brünn überrascht

Zum Höhepunkt wurde der Besuch in Brünn/Brno, seit dem 17. Jhdt die Hauptstadt Mährens, wo seit dem 13. Jahrhundert eine jüdische Besiedlung nachweisbar ist, erzählte die Fremdenführerin Libuše (Liba) Skořepová. Von ursprünglich vier Synagogen ist heute nur mehr die funktionalistische, 1934-36 von Otto Eisler erbaute erhalten, die jüngste und einzige in Mähren und Schlesien, die noch ihrem ursprünglichen Zweck dient. Eisler floh nach Norwegen und überlebte das KZ und den Todesmarsch. An die Bedeutung jüdischen Lebens erinnern heute auch etliche Gebäude und Privathäuser der Stadt.

 

Der 1852 gegründete Friedhof mit der neuromanischen Zeremonienhalle von 1900 und der Leichenhalle von 1910 überrascht mit drei Hektar Fläche und fast 9.000 neuzeitlichen Grabsteinen. Dort befindet sich ein großes Mahnmal und über 200 kleine Mahnmale für die Opfer des Holocaust. Ebenso sind hier eine Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft begraben, Oberrabbiner Richard Feder, der das KZ überlebte und den Masaryk Orden erhielt, der Erfinder des Tastalphabets für Taubblinde Heinrich Landesmann, alias Hieronymus Lorm, der Schauspieler Hugo Haas und sein Bruder, der Komponist Pavel Haas, oder die Fabrikantenfamilie Löw-Beer, deren Tochter Grete mit ihrem Mann Fritz die Villa Tugendhat erbauen ließ. Den Ausklang bildete der von der EU finanzierte Film: Das jüdische Brünn.                                              

Franz Vock

 

Grenzüberschreitender Auftakt zu "Mechaye Hametim"-Gedenken/ Kathpress (pdf)

 

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