Mittwoch 22. November 2017
Gesellschaft

Blümel und KABÖ für Solidarität im Nahrungssystem

Österreichisch-slowakischer Regionalkongress präferiert „solidarische Landwirtschaft“

„Wir brauchen eine Solidarität in unserem Nahrungssystem.  Nahrung ist mehr als eine Ware, sie ist für alle lebensnotwendig - niemand kann sich ausklinken. Man darf das nicht Konzernen überlassen“, sagte Markus Blümel von der Katholischen Sozialakademie Österreichs beim 14. Regionalkongress, zu dem die Katholische ArbeitnehmerInnen Bewegung Österreichs (KABÖ) mit der slowakischen Partnerorganisation KAP am 1.10. 2016 in das Refektorium des Fakultätskrankenhauses der Barmherzigen Brüder in Bratislava zum Thema „Agrobusiness und Konzernmacht. ´Solidarische Landwirtschaft´ – eine nachhaltige Alternative?“ eingeladen hatte, vor den Delegierten aus Tschechien, der Slowakei und den Diözesen Wien, Eisenstadt und St. Pölten.

 

Den Bedarf decken, im Vordergrund

Konzerne üben heute die Kontrolle über die gesamten Wertschöpfungsketten aus. Dabei stehe das Streben nach Profit und nicht, den Bedarf zu decken, im Vordergrund, legte Blümel vor den Delegierten dar. Kontrollierten 2003 bereits vier Agrarhandelskonzerne, die Firmen Archer Daniels Midland (ADM), Bunge, Cargill und Louis Dreyfus, 73 Prozent des grenzüberschreitenden Getreidehandels, so schätze Oxfam diesen Wert aktuell schon auf 90 Prozent ein, so Blümel, der am Beispiel des US-Konzerns Cargill (über 107 Mrd. USD Umsatz) deren Macht auf allen Ebenen vom Saatgut über die Verarbeitung bis zum Verbraucher zeigte.

 

Blümel verwies in seinem Vortrag auf die Parallelen und Anknüpfungspunkte zu „Laudato si'“ und der Katholischen Soziallehre und nannte die Arbeitsbedingungen, Land Grabbing, Gentechnik, TTIP, den Klimawandel und schwindende Vielfalt als die aktuellen Problemfelder in der Landwirtschaft. Land grabbing geschehe z.B. mit dem Anbau von „flex crops“, wo zuerst angebaut werde und der Marktpreis entscheide, was mit den geernteten Produkten passiere - ob für Ernährung oder Biotreibstoff. Beim „Green grabbing“ werden Flächen zur Wiederaufforstung angekauft und seien damit für den Anbau nicht mehr verfügbar.

 

„Solidarischen Landwirtschaft“ am Beispiel Gela Ochsenherz

Den Problemen der Gentechnik, wo das Saatgut nicht mehr vermehrt und getauscht werden kann, und der Macht der Konzerne, die den Markt kontrollieren und mit der Fusion von „Bayer“ und „Monsanto“ noch mehr Macht konzentriert haben und durch Abkommen wie TTIP/CETA noch weiter gestärkt werden, stellte Blümel das Prinzip der „solidarischen Landwirtschaft“ oder CSA („community supported agriculture“) gegenüber. Hier werde die Bindung von Preis und Produkt aufgehoben. Die sogenannten „ErnteteilerInnen“ als Mitglieder einer Organisation zahlen im Voraus einen Anteil an den Kosten des Jahres. Damit hätten die ErzeugerInnen kein Ernterisiko und könnten mit einem fixen Einkommen rechnen. Der Beitrag der „ProsumentInnen“ könne je nach Selbsteinschätzung (z.B. als Richtwert einer Initiative ca. 1.000 EUR) in Geld oder Arbeitsleitung eingebracht werden. Die Ernte werde geteilt. Niemand kaufe einzelne Produkte. Im Vordergrund stehe die Bedürfnisbefriedigung („jedeR muss essen können“) anstelle der Kaufkraft.

 

Am Beispiel des ersten CSA-Betriebs in Österreich „Gela Ochsenherz“ - „Gela“ steht für „gemeinsam landwirtschaften“, www.ochsenherz.at - bei Gänserndorf, veranschaulichte Blümel das Konzept: 2002 ursprünglich als normaler „Demeter“-Betrieb gegründet, stieg dieser 2011 auf das Konzept CSA um, weil die hochwertigen und vielfältigen Produkte aufwendiger und somit zu teuer für den Markt waren. Da bei CSA der Markt keine Rolle mehr spielt und die ca. 290 ErnteteilerInnen keinem Wachstumsdruck unterliegen, falle ein Vergleich mit dem Markt oder anderen üblichen Konzepten schwer, was sich in der folgenden Diskussion auch zeigte. Hier werde nichts mehr verkauft sondern die ErnteteilerInnen nehmen, was sie brauchen bei der Abgabestelle am Naschmarkt. Gibt es fehlende oder wenige Produkte, stimmen sich die Menschen untereinander ab. Ein Vergleich über den Preis sei damit nicht mehr möglich.

 

Bei CSA übernehmen Menschen Verantwortung für sich, die Nächsten und die Schöpfung, sagte Blümel, womit es sich um ein dynamisches Konzept handle. Wie wirkt sich eine Veränderung bei den Einkommen der Mitglieder aus? Wird es zur Verschiebung von finanzieller Beteiligung zur Beteiligung an der Arbeit kommen? Oder wie könne man genügend Grund für den Anbau zur Verfügung zu haben gewährleisten? Am Beispiel „Gela Ochsenherz“ war genau zu beobachten, wenn Pachtgrund nicht verlängert wird, weil  Land bzw. Baugrund immer teurer wird, war ein langer Prozess um 10 ha zu finden. Gemeinschaft und Kooperation hätten Erfolg gebracht und man sehe, „Land grabbing“ sei auch in Österreich ein Thema, so Blümel.

 

In der lebendigen Diskussion über Themen wie Entscheidungsfindung in der Organisation, müssen alle „Kunden“ Mitglieder werden, ist das ein Konzept für die breite Masse und wie viel des Nahrungsbedarfs könnten einzelne so decken, wurde erneut die Vielfalt und Dynamik dieses Konzepts erkennbar. So beteiligen sich 25 Prozent der Bevölkerung Japans an CSA („Teikei“), erläuterte Blümel.  Auch hänge die Frage der Bedarfsdeckung  von den jeweiligen Konsumgewohnheiten ab.

 

Der Vorsitzende der slowakischen KAP, Julius Porubsky, freute sich über zahlreichen TeilnehmerInnen der Tagung aus den verschiedenen Ländern und eröffnete diese mit den ersten Zeilen der Enzyklika „Laudato si'“. Länderberichte mit dem Schwerpunkt Landwirtschaft in Tschechien, der Slowakei und Österreich und eine Diskussion zu aktuellen Fragen wie TTIP/CETA und die vielen flüchtenden Menschen, schlossen die Tagung ab.

 

Philipp Kuhlmann, Franz Vock

 

Kathpress Artikel "KAB für Solidarität beim Thema Ernährung" (pdf)

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