Sonntag 19. November 2017
Gesellschaft

Hauptsache – keine Angst haben

KAV begab sich auf jüdische Spurensuche in Perchtoldsdorf

„Die ganze Welt ist eine sehr schmale Brücke und Hauptsache ist, keine Angst zu haben“, steht am Sockelfundament der von der österreichisch-israelischen Künstlerin Dvora Barzilai geschaffenen Bronzeskulptur im Zellpark der jüdischen Gedenkstätte von Perchtoldsdorf zu lesen. Auf diese Einsicht und Lebenserfahrung verwies das Historikerehepaar Brigitte und Rudolf Biwald bei einem geführten Rundgang durch die Marktgemeinde, der auf Initiative des Katholischen AkademikerInnen-Verbands Wien am 2. Juli 2016 erfolgte und erahnen ließ, welchen wirtschaftlichen und sozialen Anteil die hier ansässigen Juden an der Ortsentwicklung vom Mittelalter bis 1938 genommen haben.

 

Von der Entwicklung zur Schoah

Bereits um 1320 tauchten die ersten jüdischen Namen in Perchtoldsdorf auf, in deren Folge sich eine jüdische Gemeinde entwickelte, die mit der „Wiener Gesera“, der planmäßigen Vernichtung der jüdischen Gemeinden im Herzogtum Österreich auf Befehl von Herzog Albrecht V. im Jahr 1421 ein abruptes Ende fand, berichtete Rudolf Biwald an dem Ort des Innehaltens, Gedenkens und Nachdenkens im Zellpark, wo im Mittelalter einst die jüdische Synagoge stand. Von dieser Zäsur erholte sich das jüdische Leben in Perchtoldsdorf nicht mehr. Nach dem von Josef II. erlassenen Toleranzpatent für die Juden 1782 wurden sie wieder toleriert, um 1900 gab es zwar eine jüdische Gemeinde in Atzgersdorf und um 1914 eine in Mödling, doch keine mehr in Perchtoldsdorf.

 

Erst ab 1867 konnten Juden wieder Grund und Boden erwerben, was in dem Wiener Vorort auch genützt wurde. Ein jüdischer Siedlungsschwerpunkt wuchs  z.B. in der Wiener Gasse. 1902 gründete Jakob Doller die bekannte Wein- und Tafelessigerzeugung. Die Kuranstalt und das Sanatorium Gorlitzer wurden erbaut. „Rund 40 Prozent der in der Sonnberggasse entstandenen Villen hatten jüdische Bauherren“, schätzt Rudolf Biwald. Aus dem mittelalterlichen Mikwe wurde das im Zellpark gelegenen Zellbad („Judenbad“), ein Ort der Sommerfrische für wohlhabende Juden.

 

Waren in den 1930 er Jahren jüdische Ärzte und Geschäftsleute beispielsweise hoch angesehene und gut integrierte Bürger in Perchtoldsdorf, so änderte sich das mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten schlagartig. Die neben der Bronzeskulptur im Zellpark angebrachte Gedenktafel erinnert an die doppelte Vertreibung und Ermordung jüdischer Familien - sowohl an 1420/21 als auch von 1938- 1945.  31 Namen sind auf ihr zu finden. 4 Menschen haben während dem Zweiten Weltkrieg in Perchtoldsdorf als U-Boote überlebt, berichtet  Rudolf Biwald.

 

Ehrung Helga Kauer

Vom Zellpark führte der Rundgang über den Knappenhof zur Wiener Strasse, wo u.a. Mozarts Sohn ein Privaterziehungsinstitut besuchte, zur gotischen Spitalskirche und zur Villa „Mon Repos“ (Mein Ruheplatz), die der Wohnsitz der Wohltäter und des Bankdirektors Ludwig und Juliette Lohnstein war. Mit der Besichtigung des spätmittelalterlichen Wehrturms, dem Wahrzeichen der Marktgemeinde, und der nach 148 Stufen erreichten Aussichtsplattform, die einen herrlichen Ausblick auf das Wiener Becken bot – von der Otto Wagner Kirche in Steinhof bis zum Leithagebirge – ging die Spurensuche zu Ende.

 

Beim Heurigenbesuch im Weingut Breitenecker in der Elisabethstraße 20 klang das Arbeitsjahr des KAV aus. KAV-Diözesansekretär Gottfried Riegler-Cech ehrte In diesem Rahmen noch Helga Kauer, die durch 10 Jahre hindurch die monatlichen Mittwochsgespräche veranstaltet und moderiert hatte.

 

Mehr über die jüdische Spurensuche in Perchtoldsdorf ist in dem Buch von Gregor Gatscher-Riedl, Jüdisches Leben in Perchtoldsdorf, Von den Anfängen im Mittelalter bis zur Auslöschung in der Schoah, Perchtoldsdorf 2008, zu finden.                                                                              

Franz Vock

 

"Mehr zur jüdischen Spurensuche" http://www.kav-wien.at/archiv/item/559-j%C3%BCdische-leben-im-vorort-von-wien

 

 

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