Samstag 18. November 2017
Gesellschaft

Expertinnen zu Gewalt und Kultur

Kfb, KA, Stabstelle für Gewaltprävention u.a.: „Wachsam sein“ und „transparent arbeiten“ 

Den Zusammenhängen zwischen Gewalt und Kultur gingen drei Expertinnen, die praktische Theologin, Univ.-Prof.in Andrea Lehner-Hartmann, die Kultur- und Sozialanthropologin Mag. a Marie Steindl und die Projektleiterin beim Verein Samara zur Prävention sexualisierter Gewalt, Mag. a Raina Ruschmann, bei einem Podiumsgespräch zum Thema „Schuld sind immer die Anderen, oder wie ich lernte Gewalt & Diskriminierungen wahrzunehmen“ am 18. Mai 2016 im Afro-Asiatischen Institut Wien (AAI) nach.

 

Gewalt ist eingebunden in ein Milieu

„Beim Begriff Gewalt schwingt viel Politik mit. Der Begriff ist kontextabhängig und mehrdeutig“, sagte die Wiener Universitätsprofessorin und Theologin Andrea Lehner-Hartmann und wies auf die verschiedenen Formen von Gewalt hin. So gebe es „einen engen Gewaltbegriff mit physischen Folgen und einen weiteren mit psychischen“. Sie selbst unterscheide zwischen „Gewalt, Aggression und Selbstbehauptung“, doch gebe es auch „physische, psychische, finanzielle, rassistische, sexuelle Gewalt oder ritualisierte Morde an Tieren“. Waren 2015 61,5 % der Gewalttaten „Beziehungstaten, d. h. aus dem sozialen Nahbereich“, so kamen gleichzeitig auf 1000 Asylwerber 16,1 % Gewaltdelikte“, was „um die Hälfte weniger als 2014“ sei. Medial werde oft auf die Straftaten der Asylbewerber fokussiert, so Lehner-Hartmann.

 

Bullying, Gewalt unter Jugendlichen, sei „eine negative Handlung mit Schädigungsabsicht“, am Arbeitsfeld wird das auch Mobbing genannt. Bei Peergewalt, einem „Gruppenphänomen mit Mitläufern“, gebe es „ein Ungleichgewicht der Kräfte“, so Lehner-Hartmann. Auch „rassistische Gewalt mit Sachbeschädigung, offene direkte Aggression und indirekte – auch im Netz – und einen Missbrauch von Macht und Autorität“ gebe es. Schreie ein Lehrer n in eine Klasse, werde das als Kontrollherstellung verstanden. Bei einer Lehrerin heiße schreien Kontrollverlust. Gewalt diene „oft dazu Ordnung wieder herzustellen, im Sinne der Geschlechterordnung. Viele denken mit Gewalt bekomme ich einen Zugewinn an Männlichkeit“. Doch „wo Machtverhältnisse als Ausdruck von Männlichkeit gesehen werden“, gelte es „die traditionellen Männlichkeitsmuster zu bearbeiten“, sagte die Theologin.

 

Gewalt werde „nicht individualisiert, nicht der Kultur allein zugeschrieben. Auch Bystanders haben eine wichtige Rolle, wenn sie anfeuern oder still daneben stehen“, betonte Lehner-Hartmann. Daher sei es „nicht genug wenn ich einen Täter identifiziere, weil er eingebunden ist in ein Milieu. Das Umfeld ist mit betroffen“. Dieses brauche „große Unterstützung. Das ist auch wichtig, damit es nicht zu Täter-Opfer Umkehr kommt“.

 

Kulturalisierung ist problematisch

„Wahrnehmung ist immer subjektiv, hat etwas Sinnliches“, sagte Marie Steindl, Expertin in kommunaler Integrationsarbeit, und zeigte das an drei Punkten, „einer sinnliche Wahrnehmung die auf interpretativer Ebene und der Ebene der Bewertung erfolgt“. Der Begriff „Die Anderen“, z.B. „die Männer“ habe „immer etwas mit mir zu tun“, so Steindl. Da heute die Anderen so gesehen werden, dass sie „aus anderen Ländern kommen“, sei die Frage, „was macht die anderen aus“. Auch Kultur werde heute „oft als nationale Kultur oder Landeskultur wahrgenommen und verstanden“. Sie sei „ein Wert der uns von anderen unterscheidet“, doch müssten 70 % der Österreicher und Österreicherinnen müssten zustimmen“.

 

Bräuche hingegen seien „sehr regional“. In der Türkei gebe es „über 70 verschiedene Sprachen, die im Alltag gesprochen werden“. Daher sei es mit der Kultur „nicht so einfach wie es erscheint“, was über 500 Definitionen von Kultur zeigen. „Wir müssen sehr vorsichtig sein, wenn der Begriff der Kultur mit nationaler Kultur vorkommt“, denn es sei “ein Problem, das unsere Gesellschaft sehr stark kulturalisiert ist, durch die Schicht, das Bundesland, die Ausbildung aus der man kommt“. Kulturalisierung nimmt „einen Begriff heraus und setzt ihn über alle anderen. Das ist problematisch. So entsteht Diskriminierung“, sagte Steindl und schloss: „In jeder Gesellschaft gibt es leider Gewalt“. Die Polizei gebe selektiv Informationen an die Medien weiter, ergänzte sie.

 

Wir brauchen Rollenvorbilder, die die Norm zurückschieben

„Wenn Kinder ohne Gewalt aufwachsen, werden sie zu einer Kultur ohne Gewalt beitragen“, sagte Raina Ruschmann vom Verein Samara, der seit 24 Jahren Projekte zur Gewaltprävention durchführt, klassische Präventionsworkshops und Workshops in transkulturellen Klassenzimmern. „Kinder beginnen schon im Kindergarten, jedenfalls ab 5 – 7 Jahren ethische Urteile zu entwickeln, bevor sich so Vorurteile verfestigen können“, berichtete sie. Bei ihrer Arbeit mit dem Gewaltthermometer sagte ein Bursche zur Frage „Wie wollt ihr in 5-10 Jahren leben: Wir werden nicht durchkommen ohne Gewalt“. Ein anderer Bub berichtete: „Ich versteh nicht warum beschimpfen mich meine Eltern und sie (die Lehrerinnen) sagen ich darf niemand beschimpfen“.

 

Ruschmann bilanzierte: „Wir brauchen Männer als Rollenvorbilder, die entschlossen dagegen auftreten. Wichtig ist die Norm zurückzuschieben, sonst verschiebt sich die Norm“. Als weiteres „wichtiges Ziel“ nannte sie die „Schutzfaktoren von Kindern gegenüber Gewalt zu erhöhen“. So stellte sich bei einem vierjährigen transkulturellen Gewaltpräventionsprojekt heraus, „dass die Kinder viel mehr Toleranz und Vielfalt hatten. Die Kinder konnten das auch gegenüber den Lehrern und Lehrerinnen einfordern. Und die Kinder haben sich viel weniger in Konflikte hineinziehen lassen, sondern die Lehrerinnen um Hilfe gebeten.“, so Ruschmann.

 

Nicht Sand in die Augen streuen lassen

Im anschließenden Podiumsgespräch wurde der Frage nachgegangen: „Wie gewaltvoll ist eine Religion“, wozu Steindl sagte: „Ich kann nicht sagen, eine Religion ist gewaltvoller als die andere. Das ist eine Frage der Interpretation; wie wird sie gelebt“. Es gebe „keine Menschen die keine Vorurteile haben. Die Frage ist, wie gehe ich damit um?“ Lehner-Hartmann betont: „Es gibt das Gewalt-fördernde und das Gewalt-verhindernde Potential von Religion. Hier müssen wir uns immer wieder hinterfragen lassen.“

 

Für die Leiterin der Stabstelle für Missbrauchs- und Gewaltprävention, Martina Greiner-Lebenbauer, die gleichzeitig im kfb-Vorsitzenden-Team ist und das Podiumsgespräch moderierte, ist „ein transparentes Arbeiten das um und auf“. Wichtig sei, „dafür einzutreten, wo wir die Norm haben wollen“. Auch sei darauf zu schauen: „Was ermöglicht Gewalt und was legitimiert Gewalt“. Es gehe darum „wachsam zu sein“ und zu „sehen, wo Strömungen versuchen Normen zu verschieben“.

 

Auch das Geschlechterbewusstsein sei viel schwieriger zu vermitteln, weil sie nicht der Lebensrealität der Eltern entspreche, merkte Ruschmann an. Schulen stünden zunehmend unter ökonomischen Zwängen. Es gebe auch „Lehrerinnen die Gewalt-übergriffig sind, die demütigen und beschimpfen“, so Lehner-Hartmann. Wir dürfen uns „nicht Sand in die Augen streuen lassen, dass die Schuld bei den Asylwerbern, bei der und dem liegt“, schloss Greiner-Lebenbauer. „Oft können Kindergärtnerinnen schon sagen was aus den Kindern wird. Wir leben in einer Gesellschaft der sozialen Ungleichheit“, resümierte Steindl.

 

Rund 50 Personen, darunter KA-Präsident Walter Rijs, waren auf Einladung der Katholischen Frauenbewegung, Stabsstelle für Missbrauchs- und Gewaltprävention Kinder- und Jugendschutz, Katholischen Aktion, Katholischen Jugend, Katholischen Jungschar und des AAI gekommen.

 

Franz Vock

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