Mittwoch 22. November 2017
Gesellschaft

Pogromgedenken der Kirchen: "Juden und Christen Lerngemeinschaft"

KA beim Gedenkgottesdienst in Wiener Ruprechtskirche und Schweigemarsch zum Mahnmal auf dem Judenplatz - Benediktiner-Erzabt Varszegi: Den von Johannes XXIII. eingeleiteten Dialog zwischen Christen und Juden "unbeirrt" fortsetzen

Zum 77. Jahrestag der Novemberpogrome gedachten die Kirchen am Abend des 9. November 2015 mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche der im Zuge des nationalsozialistischen Terrors im November 1938 verschleppten und ermordeten Juden. Der Erzabt der ungarischen Benediktinerabtei Pannonhalma, Asztrik Varszegi, betonte in seiner Predigt die Notwendigkeit, den von Papst Johannes XXIII. eingeleiteten Dialog zwischen Christen und Juden "unbeirrt" fortzusetzen und eine "Lerngemeinschaft" zu sein.

Im Anschluss an den Gottesdienst brachten die Teilnehmer in einem Schweigegang brennende Kerzen von der Ruprechtskirche zum Judenplatz, wo sie vor dem Mahnmal für die jüdischen Opfer der Schoah als Gedenklichter aufgestellt wurden.

 
Miteinander und voneinander lernen und so zueinander finden

Erzabt Varszegi verwies auf das "epochale Ereignis" des vor 50 Jahren zu Ende gegangenen Zweiten Vatikanischen Konzils mit den damaligen Dialog-Erklärungen "Nostra aetate" und "Dignitatis humanae". Darin habe die katholische Kirche im Geist Christi die Initiative zum Dialog ergriffen. Durch das Anerkennen des Heiligen bei allen Menschen, verbunden mit einem Schuldbekenntnis von Seiten der Kirche, sei dem furchtbaren "Bruderhass" zwischen Christen und Juden endlich ein Ende bereitet worden.

Das Leben der Juden habe auch schon vor der großen nationalsozialistischen Verfolgung, also unter einer christlichen Oberhoheit, "alle Varianten der Bosheit" enthalten, erinnerte der Benediktiner-Erzabt. Die Herrschenden seien dabei immer "erfinderischer" geworden. Deswegen sei es heute, in Zeiten steigender Verunsicherung, besonders wichtig, den Weg weiterzugehen, der mit dem Konzil begonnen habe.

Die historischen "Entsetzlichkeiten" könnten nur vor dem Hintergrund der ursprünglichen Gemeinsamkeiten gesehen und bewältigt werden, zeigte sich der ungarische Erzabt überzeugt. "Wenn es stimmt, dass wir Monotheisten Lerngemeinschaften sind, dann dürfen wir auch aus Fehlern und Verstößen lernen." Wichtig sei es, miteinander und voneinander zu lernen und so zueinander zu finden. Es werde auch in Zukunft darauf ankommen, in der Ökumene und im interreligiösen Dialog alle Möglichkeiten auszuschöpfen.

"Mechaye Hametim - Der die Toten auferweckt" Bedenkwoche - von KA mitgetragen
Der Rektor der Ruprechtskirche, P. Hans Brandl SJ, der den Gottesdienst mit der Evangelischen Hochschulpfarrerin Gerda Pfandl leitete, konnte dazu den Ungarischen Botschafter in Österreich, Janos Perenyi, ÖRKÖ-Vorsitzenden Lothar Pöll, oder auch KAÖ Vizepräsident Norbert Thanhoffer begrüßen. Eine Zeltinstallation der Künstlerin Julia Oppermann stand im Presbyterium der Kirche. Unter den weiteren Mitfeiernden waren u.a. der Kommunikationswissenschaftler Maximilian Gottschlich, der am 5.11. im Otto Mauer-Zentrum des KAV mit der Journalistin Susanne Scholl  über „Die Christen und der neue Antisemitismus“ im Gespräch war. Die Fürbitten wurden von der Evangelischen Hochschulgemeinde und der Katholischen Hochschuljugend Wien gestaltet und z.B. von KHJ-Diözesansekretärin Bettina Sohm gelesen. Jüdische Melodien, Texte aus „Nostra Aetate“, dem Alten Testament und der Chor der Gemeinde St. Ruprecht unter der Leitung von Otto Friedrich trugen zur feierlichen Gestaltung des Gottesdienstes bei.

 

Der Gedenkgottesdienst fand im Rahmen der alljährlich stattfindenden Bedenkwoche "Mechaye Hametim - Der die Toten auferweckt" statt. In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, die noch immer unter dem euphemistischen Nazi-Ausdruck "Reichskristallnacht" bekannt ist, wurden im gesamten deutschen Machtbereich Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte sowie Wohnungen zerstört und verwüstet. Zahlreiche Juden wurden bei den Pogromen getötet oder verletzt. Allein in Wien wurden im Zuge der Pogrome insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser zerstört. 6.547 Wiener Juden kamen in Haft, knapp 4.000 davon wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.

 

KAP, Franz Vock

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