Samstag 18. November 2017
Berichte

working poor – „die größten Philantropen unserer Gesellschaft“

Betriebsseelsorger Immervoll über Arbeit als „Angelpunkt für die ganze soziale Frage“

„Die working poor sind die größten Philantropen unserer Gesellschaft. Sie sind anonyme Spender, namenlose Wohltäter zum Wohl der anderen“, sagte Karl Immervoll, der Betriebsseelsorger für das Obere Waldviertel, bei seinem Vortrag vor dem Diözesanausschuss der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien am 22. Oktober 2014 im Curhaus Wien, der unter dem Thema stand: „Wie können wir als Kirche heute/morgen Menschen in der sich ständig verändernden Arbeitswelt begleiten?“

 

„Die Soziallehre ist so ein wertvolles Gut, das tief in uns der Kirche vergraben ist“

 „Die Arbeit ist heute der Angelpunkt für die ganze soziale Frage. Der Begriff der Arbeit hat sich so entwickelt, dass heute darunter vorrangig Erwerbsarbeit verstanden wird. Unsere Gesellschaft ist aufgebaut auf Erwerbsarbeit“, betonte Immervoll und bekräftigte: „Die Arbeit ist der Angelpunkt in unserer Gesellschaft, die auf Arbeit konzentriert ist. Wenn wir von der Arbeit reden, müssen wir – glaube ich – gleichzeitig von der Wirtschaft reden. Wir haben eine Wirtschaft die aus ist auf Wachstum. Papst Franziskus spricht von der ´strukturellen Sünde, von Strukturen die töten´, weil diese Wirtschaft das Leben der Menschen, die Arbeitsbedingungen, total bestimmt. Es gibt Auswirkungen dieser Entwicklung auf das Leben der Menschen. Die Frage, was macht dieses System mit den einzelnen Menschen, kommt in der Literatur nicht vor“, erläuterte der Betriebsseelsorger.

 

„Die Betriebsseelsorge steht immer auf der Seite der Schwächsten. Unsere Arbeit ist es, dem Einzelnen ins Angesicht zu schauen. Es kam immer wieder zu Projektgründungen; Menschen in ihrer ganz konkreten Situation zu helfen, das ist die rote Linie, die sich durchzieht“, so Immervoll über den Beweggrund für die von ihm  initiierten Projekte. Dazu gehöre das Sozialprojekt „Die Arche“ in Heidenreichstein, die Gründung einer Schuhwerkstatt, die Einführung der „Alternativwährung“ Waldviertler oder auch zwei Solartaxis in Heidenreichstein als alternatives öffentliches Nahverkehrsmittel. „Es ist das Bemühen, die Katholische Soziallehre in die Tat umzusetzen. Die Soziallehre ist so ein wertvolles Gut, das tief in uns der Kirche vergraben ist“, sagte Immervoll.

 

Das Wasser auswechseln …

„Was wir erleben ist ein unglaublicher Abbau von längst erworbenen Rechten. Es wird immer wieder die Frage gestellt, ist die Sozialpartnerschaft noch zeitgemäß? Die Gewerkschaft wird zurückgedrängt, auch bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit. Der Druck in der Arbeitswelt wird generell größer. Die Zunahme von Burnout als Krisenplan der heutigen Zeit spricht für sich. Heute ist oft schon die Frage, wie wenig muss ich verdienen, dass ich noch immer dankbar bin für den Arbeitsplatz. Die neuen Leitbetriebe die wir im Oberen Waldviertel haben, haben alle keinen Betriebsrat. Wenn das Geschäft schlecht gegangen ist, ist früher jemand hinaus gefahren und hat geschaut, dass Arbeitsaufträge hereinkommen.  Heute passiert das nicht mehr. Heute wird einfach angepasst“, führte Immervoll aus.

 

„Wir haben Arbeiter, neue Selbstständige, Leiharbeitsfirmen; wachsen tun die Großen. Die Schere geht immer mehr auseinander. 2/3 der Leute, die zu ihm kommen, “haben in dem Arbeitssystem keine Chance. Es braucht einen 2. und 3. Arbeitsmarkt, wenn das System so bleibt“, legte Immervoll dar.

 

„Dass Arbeit auch Selbsterfüllung sein kann wird immer seltener. Das gibt es aber auch. Bei den über 30-Jährigen haben mehr als die Hälfte Zukunftsängste“, verwies Immervoll auf den Zufriedenheits-Index, der unter Arbeitnehmern erhoben wird. „In den 80er Jahren gab es eine Diskussionskultur mit Sozialminister Dallinger, Herwig Büchele und Lieselotte Wohlgenannt von der KSÖ. Die haben wir nicht mehr. Wenn in einem Aquarium die Fische krank werden, kann ich mich nicht nur bemühen den einzelnen Fisch zu heilen, sondern ich muss das Wasser auswechseln“, bekräftigte Immervoll in Anlehnung an ein Zitat von Cardijn und fügte kritisch dazu: „Das haben wir an die Caritas abgegeben“.

 

Franz Vock

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