Sonntag 19. November 2017
Berichte

„Christentum braucht intellektuelle und spirituelle Aufrüstung“

Prof. Beck auf österr.-slowakischen Kulturwoche: „Der christliche Gott ist Liebe, Dialog, Gespräch“

„Wir brauchen ein neues Christentum, um in Dialog zu treten mit den Muslimen. Das Christentum braucht eine intellektuelle und spirituelle Aufrüstung“, sagte Univ.-Prof. Matthias Beck bei seinem Vortrag am 28. Juli 2014 in Lipovska Osada, Slowakei, bei der 24. Österreichisch-Slowakischen  Bildungs- und Urlaubswoche des Katholischen Bildungswerks Wien, der Katholischen Frauenbewegung und des Slowakischen Instituts des Hl Franz von Sales für Erwachsenenbildung.

 

Jeder Mensch hat eine „einmalige Berufung - sich sammeln und seine tiefen Motive erkennen“

Beck präzisierte: „Die Aufklärung ist hauptsächlich protestantisch, auch die großen deutschen Philosophen waren Protestanten. Vom Katholizismus kommt die christliche Spiritualität, von der Ostkirche die Mystik. Die Ostkirche kann vom Westen mehr die Reflexionsfähigkeit lernen, wir von ihnen die Mystik.“ Die moderne Ökonomie habe davon auszugehen, „einander zu ergänzen statt zu konkurrieren“, denn es gäbe „eine riesige Säkularisierung in Europa“, so Beck. Österreich habe 49 % Katholiken, wovon 5 % regelmäßig in die Kirche gehen. Und Holland werde 2040 das 1. Europäische Land sein mit überwiegend Muslimen.

 

Das Christentum sei „keine Gesetzesreligion, sondern eine Religion der Beziehung zwischen Gott und mir“, legte Beck dar. Im Zentrum stehe der „Wille Gottes“, die Vater-Unser Bitte „Dein Wille geschehe“, der „nicht etwas Fremdes, was mir von außen eingetrichtert wird, sondern in mir anwesend“ sei. Damit der Mensch in seiner „inneren Zerrissenheit“ immer mehr „seine einmalige Berufung“ finden und den „göttlichen Willen erfüllen“ könne, müsse er seine „tiefen Motive erkennen, die dreierlei Ursprung haben: aus dem Heiligen Geist , aus meinem Ich (Egoismus), aus dem Teufel (dem Verführerischen)“, erläuterte Beck. 

 

Das Christentum habe „den Sinn, dass der Mensch sich immer wieder sammelt und so seine innere Mitte findet. Das Problem Europas liegt in seiner Kraftlosigkeit, Depression, Burn-Out. Das hat zum Teil mit mangelnder Spiritualität zu tun“. Wir müssten daher „verstehen lernen, dass das Christentum eine heilende Religion ist: 50 % der biblischen Geschichten im Neuen Testament sind Heilungsgeschichten“, betonte Beck.

Aufgabe der Kirche als „Hilfsinstrument“ sei es, mit den Sakramenten „das Innere des Menschen zu heilen, damit das Leben der Menschen gelingt und zur Fülle kommt“. Der Christ müsse daher im Gebet „jeden Tag üben, ständig mit Gott in mir im Dialog zu sein“ und so „eine vertiefte Spiritualität auszubilden“, so Beck.

 

Christ braucht „Sachverstand, gute ethische Reflexion und die Stimme Gottes in sich zu hören“

„Der Christ sollte heute das Christentum in eine säkulare Sprache übersetzen, ein Vordenker sein, aufgrund seiner tieferen Einsicht in die Welt und so die Welt mitgestalten. Der Glaube sucht die intellektuelle Auseinandersetzung“, bekräftige Beck. Um „die Christen von morgen zu eigenständigen Denkern zu erziehen“ sei eine Ausbildung gefragt: „Wir brauchen Lehrer mit hohem Sachverstand. Gleichzeitig muss dieser Sach-verstand mit einer guten ethischen Reflexion zusammen gebracht werden. Man muss den Menschen helfen, die Stimme Gottes in sich zu hören. Damit soll der Christ zu einer guten Autonomie heranreifen“, so Beck.

 

„Für die Politik bedeutet das, für die Freiheit zu kämpfen. Europa hat Gott-sei-Dank viele religiöse Werte in säkulare Gesetze gegossen“, so Beck. Der Begriff „die Würde des Menschen“ sei die säkulare Ausdrucksweise für „der Mensch ist das Ebenbild Gottes“. Paulus sage: „Vor Gott sind alle Menschen gleich“. „Für die Wissenschaft bedeutet dies: Der Christ kann aufgrund der tieferen Einsichten in die Strukturen der Welt ein Basiswissenschaftler sein, weil er aus seinem Gottesbild heraus die Spuren der Wechselwirkung Gottes erkennen kann“, führte Beck näher aus. Und er ergänzte: „Die Theologie könnte eine führende Stellung übernehmen für Wirtschaft und Kultur“. Beck resümierte: „Wir müssen uns rückbesinnen, auf die große Würde des Menschen, auf die Demokratie, auf die Freiheit, auf die Theologie, die Wissenschaft, Kultur, Musik, Bildung – bis zum 19. Jh. zutiefst vom Christentum geprägt – und auf die soziale Marktwirtschaft.“

 

Beck schloss: „Der christliche Gott ist Liebe, Dialog, Gespräch. Das Christentum sollte daher kritisieren,

inspirieren, mit neuen Gedanken, und integrieren, z. B. die einzelnen wissenschaftlichen Erkenntnisse in ein großes Ganzes. Das Leben gelingt nur, wenn ich den spirituellen Anschlusspunkt finde.“             

 

Franz Vock

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