Mittwoch 22. November 2017
Berichte

Zivilcourage erfordert „Mut, Öffentlichkeit und Werte“

Psychotherapeutin Renate Riedler-Singer bei der KAVÖ Sommertagung „Daham is Daham?“ in Tainach

 

„Typisch für Zivilcourage ist der verbale und physische Einsatz für die Rechte von Personen, die als Einzelne oder als Mitglieder bestimmter Gruppen Missachtung und Ausgrenzung erfahren. Zivilcourage setzt Mut voraus, ist öffentlich und an demokratischen Grundwerten orientiert“, sagte die Psychotherapeutin Renate Riedler-Singer bei der KAVÖ Sommertagung „Daham is Daham?“ am 25. Juli 2014 in Bildungshaus Tainach.

 

„Hilfe geschieht leichter im eigenen Territorium“

Zivilcourage erfordere ein „Eingreifen zugunsten anderer, meist in unvorhergesehenen Situationen, ein Sich-Einsetzen für allgemeine Werte, für das Recht oder für die legitimen Interessen anderer, ein Sich-Wehren gegen akute Zumutungen und Angriffe, z. B. gegen Gewalt, Mobbing oder sexuelle Belästigung, und die Bereitschaft, auch Nachteile für das eigene Handeln in Kauf zu nehmen; ein sich mit der eigenen Angst auseinander setzen“, führte Riedler-Singer näher aus.

 

„Die Entscheidung, zu intervenieren, wird beeinflusst durch Motivation und Kompetenz, sowie durch eine Güterabwägung zwischen Privatsphäre und allgemeinen Menschenrechten“, erläuterte Riedler-Singer. In den Bereich Motivation falle dabei das Einfühlen in das Opfer oder das moralische Verpflichtungsgefühl, während Kompetenz Fertigkeiten seien, „die die erfolgreiche Ausführung einer altruistischen Handlung erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen, so Riedler-Singer. Das habe zur Folge: „Hilfe geschieht leichter im eigenen Territorium. Je mehr Zeugen da sind, umso wahrscheinlicher ist es, dass die Verantwortung abgeschoben wird (Diffusion der Verantwortung)“, was in der Sozialpsychologie als „Bystander-Effekt“ beschrieben werde. Das sei auch durch Studien belegt, betonte Riedler-Singer.

 

Zu vermeiden sei daher: „Nicht den Helden spielen durch unüberlegtes Eingreifen. Nicht duzen, denn das wirkt herablassend oder wird von Zeugen als Privatstreit interpretiert. Dem Täter, den Tätern nicht den Fluchtweg abschneiden. Wenn notwendig, den Täter oder die Täterin nicht anfassen oder festhalten. Keine abwertende Äußerung, denn das steigert die Aggressionsbereitschaft. Nicht herabsetzen, drohen oder anbrüllen. Aktionen, die bedrohlich wirken, vermeiden, weil dies das Eskalationsrisiko steigert. Beim Reden nicht über die unsichtbare Grenze von ca. 2 Metern kommen. Keine Waffe (z.B. Messer) verwenden. Sich nicht unterwürfig und flehentlich verhalten“, legte die Psychotherapeutin dar.

 

„Was man tun kann“

Zur Frage „Was man tun kann“ nannte Riedler-Singer folgende Schritte: „Täter(in) in ein Gespräch verwickeln. Einfaches Nachfragen hat oft eine erstaunliche Wirkung. Suche nach verdeckten Botschaften, denn oft verbergen sich hinter den Äußerungen Frust, Ohnmacht oder Unzufriedenheit. Durch Ich-Botschaften ausländerfeindliche Parolen Grenzen setzen. „Stopp“ rufen und „nein“ sagen mit beeindruckender Mimik, Gestik und Körpersprache. Widersprechen Sie laut und deutlich, kurz und prägnant bei rassistischen Beschimpfungen und erniedrigenden Witzen. Sorgen Sie für Eigensicherung, nehmen Sie Kontakt mit dem Opfer auf, und sprechen Sie Zuschauer persönlich um Hilfe an. Beobachten und analysieren Sie die Lage und achten Sie vornehmlich auf nonverbale Signale. Darauf hinweisen, dass niemand ohne Not seine Heimat verlässt. Tun Sie Ängste, die Menschen vor Ausländern haben, nicht einfach ab. Reagieren Sie mit Hintergrundinformationen auf Falsche oder einseitige Meldungen. Tuns Sie Unerwartetes, Kreatives, und nützen Sie den Überraschungseffekt zu Ihrem Vorteil aus“, so Riedler-Singer.

 

Sie Schloss: „Wenn Sie ein Handy in der Tasche haben, rufen Sie bei Gewalt die Polizei (133 bzw. Euronotruf 112). Beschreiben Sie: Wo geschieht eine Handlung? Was geschieht? Wer ist beteiligt? Wie sehen die Personen aus. Dann warten Sie auf deren Eintreffen und stellen sich als Zeuge zur Verfügung.“ In Bahnen und Bussen sei der Fahrer(die Fahrerin) aufzufordern die Polizei zu rufen, betonte Riedler-Singer. Dabei seien Beleidigungen im öffentlichen Raum laut § 115 StGB „Privatanklagedelikte“ auf Verlangen des Opfers beim Bezirksgericht. Handle es sich hingegen um Beleidigungen aus rassistischen Motiven, gegen bestimmte Ethnien oder Religionen, so werde daraus ein „Ermächtigungsdelikt“ nach § 117 Abs. 3 StGB, „das die Staatsanwaltschaft von Amts wegen zu verfolgen hat“       

                                                      

Franz Vock

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