Freitag 24. November 2017
Berichte

„Lernen, mehrere Identitäten gleichzeitig zu leben“

Altösterreicher Radosavljevic über primäre und sekundäre Identität bei KAVÖ Sommertagung

„Wir müssen lernen, mehrere Identitäten gleichzeitig zu leben. Es gibt primäre und sekundäre Identitäten. Die Donaumonarchie hat eine Über-Identität geboten“, sagte der im altösterreichischen Rijeka/Fiume aufgewachsene und international tätig gewesene Maschinenbauingenieur Georg Radosavljevic bei der KAVÖ Sommertagung am 24. Juli in Tainach in seinem persönlich gehaltenen Referat über „Identitäten, Diversitäten, Grenzerfahrungen – wo liegen hier die Probleme?“.

 

„Für das ´Dahoam´ muss man etwas tun“

Radosavljevic wies auf das Beispiel der Schweiz hin, wo jeder Schweizer sage, er sei ein „Schweizer. Da stören die Sprachen die Identität nicht. Da sieht man die Rangordnung der Identität“, betonte er. Er selbst habe im altösterreichischen Rijeka/Fiume eine „gelebte Mehrsprachigkeit durch die Bildungselite“ erlebt. So sei z. B. in einer Apotheke auf Deutsch, Italienisch, Ungarisch und Kroatisch bedient worden. Dabei war die „sprachliche Identität keine Primär-Identität“. Diese ergab sich aus der „Verwurzelung in der kaiserlich-königlichen Monarchie“, erläuterte Radosavljevic. Zu seiner heutigen oberösterreichischen Heimat sagte er: „Für das Dahoam, die Wahlheimat, muss man etwas tun. Die wird einem nicht angeboten.“ In der regen anschließenden Diskussion wurde darauf hingewiesen: „Es gibt noch keine Europäische Identität“.

 

Die Psychotherapeutin und klinische Psychologin Rotraut Erhard berichtete im Rahmen einer Power-Point Präsentation über das „Entwicklungsprojekt Burkina Faso – Ein Land mit 70 Sprachen, 60 Volksgruppen und 3 Religionen“. Dort unterstützt – über private Finanzierungsinitiativen – der Verein Sahel Tyrol gezielt Entwicklungshilfe- und Bildungsprojekte, die die Entwicklung des Landes zu einem gegenseitigen Miteinander fördern und so zu einer verstärkten Beheimatung beiträgn. „Wer auf einen Baum klettern will, fängt unten an, nicht oben“, sagt ein Spruch aus Burkina Faso.

 

Filme, Singen und Architektur als Spiegelbilder

Zwei Filme dienten den TeilnehmerInnen zur Vergegenwärtigung, wie in Extremsituationen Identität gelebt werden kann.  Der vom kurdischstämmigen Wiener Regisseur Hüseyn Tabak gedrehte österreichische Spielfilm „Deine Schönheit ist nichts wert“, der 2014 in vier Kategorien den Österreichischen Filmpreis gewonnen hat, zeigt(e) im Wien der Gegenwart eindringlich, wie der kleine Junge Veysel , der türkisch-kurdischer Herkunft ist, durch Verehrung eines Mädchens seine Sprachlosigkeit überwindet und seine Identität lebt.

 

Das durch eine wahre Geschichte aus dem Jahr 1964 inspirierte Filmdrama „Mississippi Burning – Die Wurzel des Hasses“ veranschaulichte sehr eindrucksvoll die Mechanismen der Rassendiskriminierung im Süden der USA.  Der Film von Regisseur Alan Parker aus dem Jahr 1988, mit Gene Hackman und Willem Dafoe in den Hauptrollen, zeigt die Ermordung von drei Bürgerrechtlern durch den Ku Klux Klan, was zu viel Betroffenheit führte, aber auch ausführliche Diskussionen zur Folge hatte.

 

Zu ihrem gut besuchten Workshop „Singen für die Seele“ sagte die Musikerin Susanne Just: „Gesang überwindet Sprach- und Altersgrenzen, der Körper und der Geist werden durch richtiges, tiefes Atmen erfrischt und gestärkt! Die so befreite Stimme verleiht neues Selbstbewusstsein und vor allem noch mehr Freude am Singen. Ungeachtet der Musikrichtung und der sängerischen Vorbildung entzündet der Gesang Lebensfreude und lässt die Seele ´singen und schwingen´“.

 

Bei einer  Architekturfahrt zu den zahlreichen und vielfältigen Wörtherseevillen gab der Stv. Direktor des Kärntner Landesarchivs, Wilhelm Deuer, den TeilnehmerInnen einen ausgezeichneten Einblick darüber, welche Personen in den verschiedenen Zeitepochen auf welche Art und Weise für ihre bauliche und gesellschaftliche Beheimatung sorgten. Dabei kam die Individual-, Orts- und Tourismusgeschichte genauso zur Sprache, wie die verschiedenen Baustile oder die unterschiedlichen Entwicklungen am Nord- und Südufer.                                                

 

Franz Vock

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