Sonntag 19. November 2017
Berichte

„Solidarität benötigt Transparenz, fußt auf Gerechtigkeit, …“

Theologe Schlagnitweit über den „Zukunfts(t)raum“ Solidarität in Österreich

„Solidarität benötigt Transparenz, fußt auf Gerechtigkeit, fordert und erfordert Vertrauen. Je ungleicher in einer Gesellschaft Vermögen verteilt ist, umso geringer ist die solidarische Leistungsbereitschaft“, sagte der Sozialwissenschaftler und Theologe Markus Schlagnitweit über den „Zukunfts(t)raum“ der Solidarität in Österreich bei der KMBÖ Sommerakademie am 10. Juli 2014.

 

 

 

„Ein Zeichen von Entsolidarisierung, wenn der politische Konsens nicht mehr da ist

In Österreich soll es „nicht nur Armutsberichte, sondern auch Reichtums-Berichte geben“, forderte Schlagnitweit, auch wenn das oft mit dem Hinweis abgetan werde, das würde nur einer Reichtums-Gesellschaft Vorschub leisten. Dazu brauchte es „einen tabulosen Diskurs über das, was gerecht ist“. Heute sei „die Grundsolidarität gefährdet. Ständig wird von Sicherheit geredet“, sagte Schlagnitweit.

 

„Entsolidarisierung meint nicht nur eine Erosion im sozialen Verhalten“, sondern betreffe auch die institutionalisierte und organisierte Solidarität, erläuterte Schlagnitweit. Tatsache sei, es gäbe heute „eine Entsolidarisierung auf individualethischer Ebene, aber auch auf institutionalisierter Ebene. Das sind Gefährdungsmomente für den Sozialstaat. Es ist ein Zeichen von Entsolidarisierung, wenn der politische Konsens nicht mehr da ist“, bekräftigte der Theologe.

 

 „In dem Maß sich jemand ungerecht und hoch belastet fühlt, schwindet die Bereitschaft  Steuern zu zahlen. Je intransparenter und umso höher das Steuersystem ist, umso weniger Bereitschaft gibt es seine Steuern zu zahlen“, betonte Schlagnitweit. Es müsste daher „bei einer Vereinfachung und Entfilzung angesetzt werden“. Dazu braucht es „ein enttabuisiertes darüber reden. Ein Traum für Österreich wäre, wenn es eine Steuer- und Abgabenordnung mit hoher Transparenz gäbe.“

 

„Solidarität braucht moralische Unterstützung“

Schlagnitweit verwies darauf: „Die Bedingungen für soziale Transfair-Leistungen verschärfen sich ständig.“ War früher eine Stunde Wegstrecke zumutbar, so seien es mittlerweile zwei Stunden.

„Gewisse Gefährdungen gehen vom Sozialsystem selbst aus“, wie die Kontrolle der Lebensführung.

War früher betteln legitim, so gebe es inzwischen Bettelverbote und eine Kriminalisierung.

 

„Solidarität braucht moralische Unterstützung“ durch die Kirche, aber auch politische und andere Weltanschauungsgruppen, erläuterte Schlagnitweit. Es sei die Einstellung, „Arbeit und Erwerbsarbeit  ist gekoppelt, heute schon aufgebrochen. Es dämmert heute immer mehr, dass der Erwerbsarbeits-begriff nicht der einzige ist“, so der Sozialwissenschaftler. Es gebe die „working poor heute auch schon in Europa“. Eine Hilfe könne hier das bedingungslose Grundeinkommen sein.

 

Zusammenfassend sagte Schlagnitweit zum „Zukunfts(t)raum“ Solidarität: „Damit Österreich sein hohes Lebensniveau halten kann braucht es Weiterentwicklung und Innovation“. Dazu sei es notwendig, dass „die öffentliche Hand ihrer Verpflichtung zur Entwicklungszusammenarbeit nachkommt in einer Berechnungsweise, für die man sich nicht schämen braucht“. Auch wünsche er sich „eine aktive Neutralitätspolitik, die im Interesse einer aktiven Friedenspolitik steht“. Es brauche eine „neuerliche Unterordnung der Finanzwirtschaft“ in den Dienst der Wirtschaft. Es sei „verrückt, dass wir seit 15 Jahren über eine verbindliche Einführung eines Ethik Unterrichtes reden. Früher gab es an den Universitäten ein Studium generale, wo politische Philosophie und Ethik dazu gehörte“, schloss Schlagnitweit.

 

In der anschließenden lebhaften Diskussion wurde mehreres angesprochen: „Man kann Solidarität nicht verordnen“,  „In der Kirche gibt es eine große Phobie gegenüber der Politik“, „Die Kirche ist für die soziale Botschaft taub“, „Wenn ich von Solidarität rede, dann muss ich auch was dafür tun. Es braucht eine Politisierung der Kirche und Gesellschaft“.                                                              

 

 

Franz Vock

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