Wiener Bettlerinnen Mythen

Diese Mythen beziehen sich auf die aktuelle Bettlerinnen-Szene in Wien im Jahr 2008. Die Antworten sind durch Gespräche mit ExpertInnen bzw. den betroffenen Menschen nahe stehenden Personen verifiziert worden.

Mythos: Hinter den Frauen, die in Wien betteln, steckt eine organisierte Mafia.
Richtig ist: Der bei weitem überwiegende Teil der bettelnden Frauen kommt aus einer ganz bestimmten Region in Rumänien. Die betroffenen Frauen (und Familien) sind untereinander entweder nahe verwandt, verschwägert oder jedenfalls durch langjährige Bekannt- oder Freundschaften verbunden. Diese engen – zum Teil verwandtschaftlichen – Bindungen bringen es mit sich, dass sich diese Menschen, die hier ihren Lebensunterhalt für sich und die „Ihren“ erbetteln, auch regelmäßig in einem für jeden halbwegs normalen Menschen erwart- und einsehbaren Umfang gegenseitig unterstützen. Keineswegs richtig ist jedoch, dass die in Wien bettelnden Frauen systematisch durch Nötigung oder mit Gewalt zum Betteln angehalten werden und dass die erbettelten Gelder von Hintermännern abkassiert  werden (was den Kern des oft gebrachten Mafia-Vorwurfes darstellt). Die erbettelten Gelder kommen allein den betroffenen Familien zu Gute.

Allerdings wird beim regelmäßigen Vorgehen der Polizei  gegen Bettlerinnen  –  in großzügiger Auslegung des Wiener Landes-Sicherheitsgesetzes – gar nicht erst gegen irgendwelche Hintermänner ermittelt, sondern das bloße füreinander Einstehen der Familienmitglieder, ja sogar der bloße Blickkontakt von Schwestern untereinander oder von Müttern mit ihren Kindern als „organisiertes“ und daher verbotenes Betteln interpretiert.

Die bedeutet natürlich nicht, dass es nicht auch organisiertes Betteln in Wien gibt oder gegeben hat. Allerdings trifft es gerade auf diese große Gruppe von Bettlerinnen eindeutig nicht zu.

Mythos: Es gibt Männer, denen die Frauen mehrmals am Tag das Geld abliefern müssen.
Richtig ist: Da die wirtschaftliche Lage in der betroffenen Region auch den Männern kaum Aussicht auf Erwerbsmöglichkeiten bietet bzw. Gelegenheiten für unregulierte unqualifizierte Tätigkeiten mehr und mehr abhanden kommen, kommen bisweilen auch Ehemänner, Lebensgefährten, Väter und Brüder dieser Frauen nach Wien in der – meist vergeblichen - Hoffnung, hier Arbeit zu finden. Diese Männer werden bisweilen dabei beobachtet, von den Frauen Geld einzusammeln. Die Frauen geben es ihnen, damit es die Polizei nicht bekommt, die den Bettlerinnen bei jeder Verhaftung das gesamte erbettelte Geld abnimmt.

Mythos: Die kleinen Kinder sind mit Medikamenten ruhig gestellt, damit sie so lange bei ihren Müttern still sitzen.
Richtig ist: Bisher konnte selbst durch amtsärztliche Untersuchungen eine solche Praxis nicht nachgewiesen werden. Die Kinder sitzen von selbst ruhig da. Ob der Grund darin liegt, dass sie sich bei ihren Müttern wohl fühlen oder dass sie Angst vor den vielen fremden Menschen haben oder dass sie nicht alleine in Rumänien oder Wien bei anderen Leuten bleiben wollen, ist nicht geklärt und eigentlich irrelevant. Den Kindern geht es nicht schlecht und sie verhalten sich ansonsten wie normale Kinder.

Mythos: Die Kinder werden als „Blickfang“ missbraucht, weil die Menschen dann mehr spenden.
Richtig ist: Die Mütter nehmen ihre Kinder auch mit, weil sie wissen, dass sie dann mehr Spenden bekommen. Mehr Geld bedeutet aber auch für die Kinder ein besseres Leben in ihrer Heimat, weil dann der Lebensunterhalt (Nahrungsmittelversorgung, Unterkunft) besser gesichert ist. Dieser „Kindermitleidseffekt“ wird übrigens auch von österreichischen Spendenorganisationen bei deren Plakatwerbung eingesetzt. Ein wichtiger Grund, dass die Frauen die Kinder mit haben ist aber auch, dass sie sie nicht alleine in Rumänien oder bei fremden Menschen in Wien lassen wollen.

Mythos: Die bei den Frauen befindlichen Kinder sind nicht deren eigene Kinder, sondern fremde Kinder (also solche, die man anderen Eltern irgendwie abgenommen und den Frauen zum Zwecke des Bettelns zugeteilt hat).
Richtig ist: Die Frauen sind die Mütter der von ihnen mitgeführten Kinder, bzw. deren ebenfalls hier in Wien befindliche Tanten oder Großmütter. (Viele der betroffenen Frauen bekommen ihre ersten Kinder mit 14, 15 Jahren, die Generationsfolge ist daher völlig anders als bei uns, Großmütter sind in der Regel gerade mal knapp über 30 Jahre alt. Diesem Umstand und der wirtschaftlichen Lage entsprechend ist der familiäre Zusammenhalt entsprechend größer.) Da die in den Pässen der Frauen eingetragenen – unehelichen - Kinder bisweilen nicht den Namen der Mutter haben (weil sie den Vaternamen tragen), wird die Verwandtschaft mit den begleitenden Frauen bisweilen – zu Unrecht - angezweifelt.

Mythos: Die Stadt Wien beschließt das Gesetz so rasch, weil ihr das Wohl der Kinder ein dringendes Anliegen ist.
Richtig ist: Das Gesetz wird durch alle Gremien des Landtags gepeitscht, weil es am 1. Juni in Kraft treten muss (Es wurde ein Extratermin des zuständigen Ausschusses einberufen mit nur diesem Tagesordnungspunkt) . Damit sollen bei der EURO 08 möglichst wenige BettlerInnen in Wien sichtbar sein. Das Wohl der Kinder wird offensichtlich nur vorgeschoben.

Mythos: Die Stadt Wien kennt sich in der Bettlerszene aus und versucht den Menschen aktiv zu helfen.
Richtig ist: Mit den Bettlerinnen hat in den letzten Jahren niemand aktiv Kontakt aufgenommen. Es wurde nur versucht, sie unter sehr weiter Auslegung des Gesetzes und teils mit nicht erlaubten Handlungen (Eintrag des Wortes „Bettlerin“ in rumänischen Pässen) an ihrem Recht zu betteln zu hindern.

Mythos: Es ist schlecht für die Kinder, wenn sie mehrere Stunden bei Erwachsenen auf der Straße sitzen müssen. Wenn sie in ein Betreuungszentrum der Stadt Wien gebracht werden, blühen sie auf.
Richtig ist: Es schädigt die Kinder (deren Alter bewegt sich meist zwischen 2 und 5 Jahren) nicht, wenn sie mehrere Stunden bei Erwachsenen und normalem Wetter auf der Straße sitzen. Egal, wo sie nachher hingehen, sie verhalten sich dann wie normale Kinder. Selbst das Innenministerium hat in einer Stellungnahme zum neuen Wiener Landes-Sicherheitsgesetz darauf hingewiesen, dass die bloße Anwesenheit bzw. Mitnahme eines Kindes zum Betteln das Kindeswohl nicht beeinträchtigt.

Mythos: Es sitzen viele Kinder im schulpflichtigen Alter bei den Erwachsenen.
Richtig ist: Die Frauen aus Rumänien haben nach einigen Monaten in Wien erkannt, wie wichtig es ist, Lesen und Schreiben zu können. Ein Umstand, der in den ländlichen Regionen, aus denen sie kommen, bislang fast keine Rolle spielt. Daher bleiben jetzt fast alle schulpflichtigen Kinder in Rumänien und gehen dort in die Schule. Für deren Familien bedeutet das aber jetzt einen noch höheren Geldbedarf für den Lebensunterhalt der Familie.

Mythos: Wenn Frauen mit Kindern jetzt wegen angeblich organisierten Bettelns festgenommen werden, hilft das den Kindern.
Richtig ist: Es geht nur darum, die Bettlerinnen möglichst schnell von der Straße weg zu bekommen. Die Kinder werden  bisweilen kommentarlos von ihren Müttern getrennt ohne dass  Mütter oder Kinder mitgeteilt bekommen, warum bzw. wo sich die andere Person aufhält. Dies bedeutet einen enormen Stress für die Kinder und entspricht nicht dem Kindeswohl. Auch die in Zukunft vorgesehenen Gefängniszellen für Mütter und Kinder sind nicht besser für Kinder.

Mythos: Die Frauen verdienen sich ihr Geld als illegale Prostituierte.
Richtig ist:  Die Wertvorstellungen der betroffenen Frauen sind höchst konservativ und  entsprechende Unterstellungen sind für sie in hohem Maße beleidigend. Entsprechende Gerüchte werden durchaus als existenzbedrohend eingestuft. Kinder, Familie und moralische Unbescholtenheit werden wegen der eminenten Bedeutung von Familie in Rumänien auf Grund des fast völligen Fehlens systematischer sozialer Absicherungen ungleich höher eingestuft als bei uns. Dass diese bettelnden Frauen bisweilen in der Presse in einem Atemzug mit Prostitution, Taschen- und Gelegenheitsdiebstählen, Kindesraub und Kindesmisshandlung genannt werden, ist durch nichts zu rechtfertigen.

Mythos: Die Frauen betteln aggressiv.
Richtig ist: Wenn man das Sitzen am Boden und das Sprechen der Worte „Bitte, bitte“ als aggressiv ansieht, dann stimmt es. So sieht es auch die Wiener Polizei, der es – dokumentierbar - für Verhaftungen ausreicht, wenn sich PassantInnen an den sonst harmlosen Bettlerinnen stoßen. Im österreichischen Normalfall ist aggressives Verhalten allerdings ganz anders definiert.

Mythos: Bettlerinnen vertreiben GeschäftskundInnen.
Richtig ist: Abgesehen von Unmutsäußerungen mancher Wiener „Seelen“ gibt es keinen Nachweis, dass die Kundenfrequenz in Einkaufsstraßen gesunken ist, bloß weil dort Menschen betteln.

Mythos: Niemand braucht Betteln, es gibt für alles Hilfsorganisationen.
Richtig ist: Auch Hilfsorganisationen können nur einem minimalen Prozentsatz der armen Menschen in dieser Welt und sogar in EU-Staaten helfen. Abgesehen davon wollen viele Menschen nicht von Almosen von Hilfsorganisationen leben, sondern sich ihren Lebensunterhalt selbst erarbeiten. Wenn es nicht anders geht, dann mit Betteln.

Mythos: BettlerInnen stören das Stadtbild.
Richtig ist: BettlerInnen stören das Stadtbild genauso wie mit Werbung zugeklebte U-Bahnstationen, KeilerInnen für diverse Organisationen und vieles mehr. Wenn man ein „sauberes“ Stadtbild will, muss man fast alles reglementieren und vieles verbieten. In einer Stadt muss man sich daran gewöhnen, auch mit den Kehrseiten von Reichtum, Wachstum und Globalisierung konfrontiert zu werden. Es ist Aufgabe der Politik, dies den Menschen auch zu vermitteln.

Version 1a, März 2008