Evelyn Hödl

03. Aug 2020

Offener Brief zur Ostumfahrung Wr. Neustadt

von Hödl Evelyn am 03. August 2020, 09:16 Uhr

Sehr geehrter Hr. Vizebürgermeister Dr. Stocker!

 

Wir wollen uns mit einem offenen Brief an Sie (und die Öffentlichkeit) wenden:

Im KURIER v. 25.7. erntet Weihbischof Franz Scharl von Ihnen Polemik, Angriffe und Unterstellungen, obwohl sich Weihbischof Scharl in seiner (Video-)Botschaft für die Initiative „Vernunft statt Ostumfahrung“ sehr konstruktive und engagierte Gedanken zur Zukunft von Wiener Neustadt macht.

 

Wir stellen uns ganz klar hinter Weihbischof Scharl, denn er „bekrittelt“ (lt. Kurier Ihre Wortwahl, Sg. Hr. Nationalrats-Abgeordneter) nicht einfach ein Projekt, sondern er weist auf die Problematik der „Bodenversiegelung“ hin, die nicht nur ihm ein großes Anliegen ist:
Kardinal Schönborn (z.B in einer Heute-Kolumne) ist aktiver Unterstützer der Kampagne „Hallo Vernunft“* der Hagelversicherung, die bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bischof Alois Schwarz zum wiederholten Male darauf hingewiesen hat, dass Österreich „negativer Rekordhalter in Europa“ bei der Bodenversiegelung durch Verbauung und Zerstörung fruchtbarer Böden ist. (Österreich hat mit 15 Meter pro Kopf eines der dichtesten Straßennetze. Deutschland/Schweiz haben 8 Meter pro Kopf – www.hagel.at*).

 

Und Wiener Neustadt ist bei der Bodenversiegelung negativer Spitzenreiter in Österreich mit 583m² versiegelter Fläche pro Person - weit über dem Durchschnitt der 15 größten Städte von 335m²/Person! Sehr viele Wiener NeustädterInnen wollen, dass hier aktiv gegensteuert wird und nicht, dass die Politik diese Position einzementiert.

 

Dass die Stadtregierung in den Medien immer wieder vom „Baustopp“ spricht, beruhigt zwar Journalisten, aber die Bevölkerung sieht, dass z.B. im Osten der Stadt schon jetzt auch klassische Innenstadt-Branchen auf „grüner Wiese“ bauen dürfen. Die Ostspange soll über besten Ackerboden (und durch ein Natura2000-Augebiet) verlaufen und das, obwohl in den Medien verkündet wird, man arbeite „intensiv an einem Stadtentwicklungsplan, in dem es oberste Maxime sei, bestehende Grünflächen zu erhalten.“

 

Wenn im Einreichprojekt vom Land NÖ zur Ostumfahrung auf Seite 8 für 2030 zusätzliche Nutzungen für Gewerbe- und Industriegebiete aufgelistet sind, dann macht das Bürgerinnen und Bürger stutzig. (Es geht um insg. 575.000 m² = 57 ha. Mit der Verbauung durch die Trasse ist das 1,5x die Fläche der Innenstadt!)

 

Weihbischof Scharl verweist auch auf den Zusammenhang mit der betrüblichen Situation in der Innenstadt, die mit einer Leerstandsrate von 26,5% auch immer wieder als Negativbeispiel (z.B. im Vergleich zu Dornbirn mit 2,9%) genannt wird.

 

Wir weisen Ihren Vorwurf zurück, Weihbischof Scharl beurteile die Lage „vom Stephansplatz aus“. Als Bischofsvikar u. a. für Krankenhaus-/Pflegeheim-, Universitäts-/FH- und Gefängnisseelsorge sowie in Zusammenarbeit mit der Katholischen Aktion (im Bereich Umwelt, aber auch Wirtschaft und Arbeitswelt) hat er intensiven Kontakt zu seinen haupt– und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen vor Ort und ist sehr gut informiert.

 

Wir empfinden es deshalb als ungeheuerliche Entgleisung, wenn Sie Weihbischof Scharl über die Medien ausrichten, er wäre „gut beraten, einmal mit den leidgeplagten Anrainern im Osten Wiener Neustadts zu sprechen, die täglich den Stau vor ihrer Haustür haben.“

 

Wir haben natürlich schon lange vor dem Start der neuen Initiative sehr viel mit Anrainerinnen und Anrainern gesprochen und diese erwarten und erhoffen sich eine Reduktion des Verkehrs im Vergleich zum IST-Zustand!

 

Wenn aber die Verkehrsstudie des Landes NÖ für die Nestroystraße ein Verkehrsaufkommen von PLUS 24% im Jahr 2030 TROTZ Ostumfahrung prognostiziert, dann sind die Anrainer über die Kommunikation von Stadt und Land irritiert; denn es ist nicht nachvollziehbar, warum wiederholt von „20%iger Verkehrsentlastung“ gesprochen wird.

 

Trotz Millioneninvestition für die Ostumfahrung würden in der Nestroystraße 2030 noch immer 14.400 Kfz/Tag fahren. (Das wären mehr als heute bzw. viel mehr als 2013 mit 11.600 Kfz/Tag).

 

Die Ostspange und die geplante Erweiterung der Gewerbe/Industrieflächen sorgen insgesamt für massiv mehr Kfz-Verkehr. Im gesamten Untersuchungsgebiet würde die neue Trasse lt. der Studie zu zusätzlichen 3.500 Kfz-Fahrten/Tag führen. Das beunruhigt eine weitere große Gruppe von Anrainern, mit denen wir sprechen, denn die geplante Trasse verläuft ja nicht nur über Ackerland, durch Auwälder und Naherholungsgebiete mit 4 Radrouten, sondern zum Teil auch 200m links und rechts neben Wohnsiedlungen.

 

Deshalb fordert die Petition https://mein.aufstehn.at/petitions/vernunft-statt-ost-umfahrung , endlich „eine transparente und öffentliche Diskussion zu den Zahlen, Fakten und Maßnahmen aufzunehmen“ und eine „rasche Entwicklung eines innovativen Verkehrskonzepts für Wiener Neustadt und das Umland, das eine Gesamtreduktion des LKW- und Individual-Verkehrs in und um Wr. Neustadt, die Entlastung der Verkehrs-Hotspots und den Schutz wertvoller Böden, Ökosysteme und Naherholungsgebiete garantiert.“

 

Wir würden uns freuen, wenn wir gemeinsam mit InitiatorInnen der Plattform „Vernunft statt Ostumfahrung“ über diese Anliegen und über die Zahlen und Fakten mit Ihnen ins Gespräch kommen könnten!

 

Dr. Evelyn Hödl
Präsidiumsmitglied der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien,

Stv. Vorsitzende der Katholischen Aktion im Vikariat Unter dem Wienerwald (ehem. Umweltbeauftragte der Erzdiözese Wien)

 

Mag. Roland Zisser

für die ARGE Schöpfungsverantwortung und für den Arbeitskreis Schöpfungsverantwortung der Erlöserkirche Wiener Neustadt


Walter Rijs
Präsident der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien

Anmerkung:

*) Weitere Personen, die die Initiative „Hallo Vernunft“ gegen Bodenverbrauch der Hagelversicherung unterstützen sind z. B.: Dr. Stephan Pernkopf, Dr. Franz Fischler, Dr. Walter Rothensteiner, Dipl.-Ing. Josef Pröll, Dr. Johanna Rachinger, Dkfm. Dr. Claus J. Raidl, Weihbischof Dipl.-Ing. Mag. Stephan Turnovszky, Erzbischof Dr. Franz Lackner, Prälat Mag. Maximilian Fürnsinn, Dr. Klaus Liebscher, Dipl.-Ing. Richard Auer-Welsbach, Rudolf Anschober, DI Andrä Rupprechter, Ing. Hans Penz, Franz Welser-Möst, DI Johann Marihart, ÖK-Rätin Theresia Meier, Dr. Kurt Weinberger, Johannes Schmuckenschlager, Mag. Erwin Hameseder …

 

Hintergrund:

  • Ein Gruppe rund um den Wr. Neustädter Unternehmer Helmut Buzzi hat sich in der Corona-Lockdown-Zeit intensiv mit Fakten und Zahlen zum Projekt „Ostumfahrung Wiener Neustadt“ auseinandergesetzt.
    Verschiedenste Personen aus dem kirchlichen Bereich (Bischofsvikare, ARGE Schöpfungsverantwortung und KA) wurden involviert und Gespräche wurden mit weiteren Personen aus dem kirchlichen Umfeld vor Ort … geführt.
  • Das Projekt „Ostumfahrung“ (das 50 Jahre vor sich hinschlummerte und nun seit 7 Jahren doch realisiert werden soll) irritiert und beunruhigt viele Menschen.
    Seit einer Veranstaltung vor einigen Jahren im Bildungszentrum St. Bernhard mit 140 AnrainerInnen und Interessierten, zu der sich kein einziger politischer Vertreter aus dem Wiener Neustädter Gemeinderat der Debatte stellen wollte, steigt der Unmut und die Skepsis in vielen Teilen der Bevölkerung. Die Entwicklungen zur Klimadebatte letztes Jahr haben dies verstärkt.

Es wurde vielen klar, dass es nötig ist, dass Klimaschutz nicht etwas ist, was nur allgemein z.B. mit „wir sind gegen Bodenversiegelung“ oder nur von Papst Franziskus „global“ angesprochen werden soll, sondern wir müssen auch auf lokaler Ebene Richtungsentscheidungen hinterfragen und neu ausrichten, wofür Millionen-Investitionen getätigt werden.

 

Für die überparteiliche Initiative haben verschiedenste Personen aus dem kirchlichen Umfeld Statements abgegeben, z.B.:

https://www.vernunft-statt-ostumfahrung.at/portfolio-item/mag-dr-franz-scharl/

https://www.vernunft-statt-ostumfahrung.at/portfolio-item/roland-zisser/

https://www.vernunft-statt-ostumfahrung.at/portfolio-item/evelyn-hoedl/

aus der Kath. Männerbewegung Wiener Neustadt: https://www.vernunft-statt-ostumfahrung.at/portfolio-item/di-josef-worm/

etc.

 

ZUR INFORMATION/Anhang – Quelle Kurier-Artikel:

https://image.kurier.at/images/cfs_landscape_932w_524h/4538903/46-161853539.jpg

© Land NÖ

Chronik Niederösterreich

24.07.2020

 

Ostumfahrung: Weihbischof ärgert Wiener Neustadt

Wiener Weihbischof Franz Scharl gegen Bauprojekt in Wr. Neustadt. Die Politik findet die Einmischung der Kirche entbehrlich.

von Patrick Wammerl

 

Grundsätzlich ist der Verkehr und all seine Auswirkungen ein irdisches Problem. Dass sich nun auch die Kirche – in Person von niemand geringerem als dem Wiener Weihbischof Franz Scharl – in Verkehrs- und Bauangelegenheiten in Wiener Neustadt einmischt, ist so vermutlich noch nicht vorgekommen. Die Volkspartei reagiert auf den öffentlichen Auftritt eines so hochrangigen geistlichen Würdenträgers gegen den Bau der Ostumfahrung jedenfalls schwer irritiert.

 

Kaum ein Thema spaltet derzeit Wiener Neustadt und Umgebung so sehr in zwei Lager, wie die 4,8 Kilometer langen Ostumfahrung.

 

Während laut Straßenplanern das Projekt eine 20-prozentige Verkehrsentlastung in der Stadt und 40 Prozent für die Nachbargemeinde Lichtenwörth bringen soll, torpedieren Umweltschützer, eine Bürgerinitiative und die Grünen die Straße mit allen Mitteln. Unter dem Titel „Vernunft statt Ostumfahrung“ hat eine Bewegung nun eine Online-Petition gegen den Bau initiiert und mehr oder weniger prominente Gesichter als Werbeträger gewonnen.

 

Einer davon ist Franz Scharl, der vor 20 Jahren Kurat in Wiener Neustadt war. In einer Videobotschaft zeigt sich Scharl beispielsweise von der negativen Entwicklung der Innenstadt entsetzt. Weiters spricht er sich gegen die Ostumfahrung aus und meint, es gebe Besseres, als den Boden zuzubetonieren. „Systemrelevante Wirtschaft heißt auch Landwirtschaft schützen. So braucht man auch keine Umfahrung durch die besten Böden“, so Scharl.

 

Die Kirche wäre laut dem ÖVP-Vizebürgermeister gut beraten, einmal mit den leidgeplagten Anrainern im Osten Wiener Neustadts zu sprechen, die täglich den Stau vor ihrer Haustür haben. „Aber vom Stephansplatz aus hat man vielleicht einen anderen Blick auf die Dinge“, sagt Stocker.

 

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