Evelyn Hödl

27. Jul 2020

Hiroshima-Gedenken 2020

von Hödl Evelyn am 27. July 2020, 11:18 Uhr

Erinnerung im Zeichen neuer Herausforderungen

Neue Aufrüstung?!

 

Das Jahr 2020 ist verbunden mit der Last der Erinnerung an das Ende des II. Weltkrieges, an das Grauen der Shoa und an die ersten beiden Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki.

 

75 Jahre danach ist die Weltgemeinschaft stärker gefährdet als je zuvor. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde der INF-Vertrag über die Begrenzung nuklearer Mittelstreckenwaffen von Russland und den USA als beendet erklärt, nachdem die USA ihn 6 Monate zuvor aufgekündigt hatten. Bereits im Juni 2002 beendeten die USA den ABM-Vertrag. Und der letzte Abrüstungsvertrag zwischen den beiden atomaren Supermächten, der New-Start-Vertrag zur Begrenzung strategischer Atomwaffen,  läuft am 5. Februar 2021 aus. Wenn sich die Vertragspartner nicht auf eine Verlängerung einigen, gibt es erstmals seit 50 Jahren keine nukleare Rüstungsbeschränkung mehr.

 

Abgesehen von der nuklearen Bedrohung steigen die Rüstungsausgaben nach wie vor ungemindert. Für 2019 nennt das schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI eine weltweite Summe von 1.917 Billionen US-Dollar, eine Zunahme um 3,6 %, die höchste seit  2008.  An diesen Ausgaben haben 5 Staaten - die USA, China, Indien, Russland und Saudi-Arabien - den größten Anteil von 62 %.

 

In Europa erwies sich Deutschland mit einer Erhöhung von 10 % auf fast 50 Milliarden trauriger Spitzenreiter.

 

 

Weltweite  Herausforderungen: Klimawandel, Demokratie und COVID-19

 

Angesichts der Pandemie COVID-19, der Klimakrise, der wieder wachsenden Armut des globalen Südens und der erschütternden weltweiten Flüchtlingszahlen scheint die Welt heute mehr denn je aus den Fugen geraten.

 

Aber auch im Mikrokosmos Europas zeigen sich bedenkliche Risse in der Demokratie, wie die Zunahme von Fremdenfeindlichkeit, rechtsradikalen und rassistischen Ideologien - bis hin zu Gewaltanwendung (Anschlag auf die Synagoge in Halle im Oktober 2019, tödlicher Angriff auf zwei Shisha-Bars in Hanau im Februar 2020). Rassistische verbale Gewalt in den sogenannten "sozialen" Medien nimmt zu, auch in Österreich

 

Wie ein Nebel hat sich COVID-19 über das öffentliche Bewusstsein gelegt, alles ausblendend, was sich jenseits nationaler Befindlichkeiten und aktueller Maßnahmen ereignet. Lokale Versorgung, regionale Lieferketten wurden wieder wichtig, die vielgepriesene Globalisierung erwies sich in Vielem als unzulänglich.

 

Zugleich aber ist deutlich, dass es weltweiter gemeinsamer Bemühungen von Wissenschaft, Forschung und Politik bedarf, die Herausforderungen dieser Pandemie  und ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen zu meistern und  die weitere Prekarisierung verarmter Schichten zu verhindern.

 

Gerade diese Pandemie hält uns die Absurdität des nuklearen und konventionellen Aufrüstens drastisch vor Augen. Waffen schützen uns nicht vor der Bedrohung eines Virus, auch nicht von den katastrophalen Folgen des Klimawandels, wie etwa zur Zeit in Sibirien deutlich wird. Sie sind eine vollkommen sinnlose Vergeudung von Finanzmitteln, die dringend für die Entwicklung der Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsysteme weltweit benötigt werden.

Wir müssen aus dieser Krise lernen, uns den Herausforderungen einer Weltgesellschaft stellen, die nicht nur überlebensfähig ist sondern ein "gutes Leben" für alle gewährleisten kann.

 

Systemwandel - Umkehr - Schöpfungsverantwortung

 

Das Erinnern an Hiroshima wird wohl - so wie viele Gedenkveranstaltungen in diesem Jahr  -  in reduziertem Rahmen erfolgen müssen. Gerade darum erhält es umso mehr Gewicht.

Hiroshima ist Zeichen dessen, was menschlicher Geist an Unmenschlichkeit und Zerstörungspotential entwickeln kann. Dieser Geist ist nach wie vor am Werk: in der Aufrüstung, in der gezielten Zerstörung der Regenwälder, in der Verachtung und Diskriminierung anderer Kulturen und Religionen, in der Ausbeutung der Menschen - seien es die Tönnies-Arbeiter in Deutschland, Erntehelfer in Spanien oder minderjährige Näherinnen in den Textilfabriken Asiens.

 

Dagegen bleibt die Hoffnung auf ein neues Miteinander, die  da und dort in der COVID-19-Krise aufgeleuchtet ist, sowohl in weltweiter Zusammenarbeit als auch in der Nachbarschaftshilfe.  Verantwortung  füreinander in den kleinen gesellschaftlichen Einheiten, persönliches Engagement, aber auch permanenter und verstärkter Druck auf die politischen EntscheidungsträgerInnen ist mehr denn je gefordert. Denn es braucht einen grundlegenden Systemwandel: JETZT, verbunden mit der endgültigen Abkehr von bisher dominierenden "Welt-Anschauungen":

 

* Abkehr vom neoliberalen Wirtschaftssystem mit seinen Konkurrenz- und Ausbeutungsstrukturen - hin zu einer menschen- und schöpfungsverantwortlichen Ökonomie,

* Abkehr von Abschreckungskonzepten, Aufrüstung und militärischen Konfliktlösungsvorstellungen - hin zu Kommunikation und gewaltfreier Konfliktlösung,

* Abkehr von alten Denkmustern, von sozialen, kulturellen, nationalen und internationalen Spaltungs- und Ausgrenzungstendenzen hin zu einer solidarischen Weltgesellschaft.

* Abkehr vom Irrglauben an die Beherrschung der Natur - hin zur Versöhnung von Menschen, Kulturen und Schöpfung.

 

Dies ist die Botschaft, die von Hiroshima aus uns alle HEUTE aufruft, eindringlicher, notwendiger und lauter als je zuvor!

 

 

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