Evelyn Hödl

15. May 2020

Menschlichkeit ist grenzenlos

von Hödl Evelyn am 15. May 2020, 14:41 Uhr

Mauthausen-Befreiungsfeier, Europa-Tag und Internationale Solidarität

Am 5. Mai 1945 wurde das Konzentrationslager Mauthausen befreit.  Die Befreiungsfeier, an der seit 1946 jedes Jahr die Überlebenden teilnahmen und die auch von RepräsentantInnen aus Politik, Öffentlichkeit und Religionsgemeinschaften gewürdigt wird, konnte heuer - am 75. Jahrestag - nur im virtuellen Raum stattfinden. Unendlich berührend und aufrüttelnd die Stellungnahmen der noch lebenden Zeitzeugen aus aller Welt - in diesem Jubiläumsjahr nur im virtuellen Raum.

 

Die "Geburtsstunde" des neuen Europa - Grenzen überwinden

 

Weniger Beachtung fand der Europa-Tag am 9. Mai, der an nunmehr sieben Jahrzehnte des gemeinsamen Europa erinnert. 5 Jahre nach Ende des Krieges legte der französische Außenminister Robert Schuman den folgenden Plan vor:

"Die französische Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen, in einer Organisation, die den anderen europäischen Ländern zum Beitritt offensteht. Die Zusammenlegung der Kohle- und Stahlproduktion wird sofort die Schaffung gemeinsamer Grundlagen für die wirtschaftliche Entwicklung sichern ... Die Solidarität der Produktion, die so geschaffen wird, wird bekunden, dass jeder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich ist."[1]

Ein Jahr später wurde die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl gegründet, die Vor-vorläuferin der Europäischen Union.[2]

 

Wenn wir heute mit den erschreckenden Kriegsbildern von Kampfhandlungen, Zerstörung und Tod konfrontiert werden, begreifen wir vielleicht ein wenig die Bedeutung dieses Zusammenschlusses. Nie wieder sollte in Europa Krieg geführt werden. Dazu vereinbarten die früheren Feinde Frankreich und Deutschland, ihre Schwerindustrie einer gemeinsamen Kontrolle zu unterwerfen, ein erster Schritt  zum Miteinander auf dem langen Weg zur europäischen Gemeinschaft.

 

Narrative von Zeitzeugen berühren tiefer als trockene historische Fakten. Eine Erzählung meines früheren Hochschullehrers, Heinrich Schneider (Jahrgang 1929, + 2018) bleibt mir in Erinnerung. Es war wohl 1949, als er - damals ein junger Student in Deutschland - mit anderen deutschen Studenten und Studentinnen an die deutsch-französische Grenze fuhr. Von der französischen Seite her war ebenfalls eine Gruppe Studierender angereist. Gemeinsam liefen sie auf den Grenzbalken zu, montierten ihn einfach ab und umarmten einander. Sie hätten den Grenzbalken  - erzählte mein Professor - eigentlich verbrennen wollen, aber das gelang nicht; er war aus Eisen.

Eine Geschichte, die gerade jetzt an Eindringlichkeit gewinnt: in dieser Pandemie-Situation, die uns isoliert voneinander, die uns wieder zurückwirft auf geschlossene Grenzen und das Wiederaufleben nationaler Ideen und Interessen.

 

Österreichs Staatsvertrag - Freiheit und Verantwortung

 

Österreich hat in diesem Jahr zwei weitere Gedenk- und Bedenkanlässe:

25 Jahre Mitgliedschaft in der Europäischen Union: sie sind wohl irgendwie untergegangen im Ausbruch der COVID-Epidemie.

 

65 Jahre Staatsvertrag am 15. Mai - dieses Datum wird zweifellos mehr Aufmerksamkeit finden.

 

"Österreich ist frei"! Leopold Figl zeigt vom Balkon des Schlosses Belvedere aus der  versammelten Menge Menge den unterzeichneten Staatsvertrag. Dieses Bild ist  immer noch stark im kollektiven Gedächtnis präsent. Viele Menschen verbinden es auch akustisch mit dem wohl bekanntesten Ausspruch der Zweiten Republik -  obwohl dieser im Inneren des Schlosses und nicht in der Öffentlichkeit fiel. [3]

 

Der Staatsvertrag wurde ein wirkmächtiges Narrativ für die österreichische Bevölkerung und für eine neue österreichische Identität. Die vorgesehene Verantwortlichkeitsklausel der Moskauer Deklaration, in der Österreichs Mitverantwortung für den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg wiederholt werden sollte, wurde auf Wunsch Figls aus der Präambel des Staatsvertrages gestrichen. Dort ist nur von Österreichs gewaltsamer Annexion durch Hitler-Deutschland am 13. März 1938 die Rede.[4] Dies hat dazu geführt, dass die österreichische Gesellschaft und Politik  mit Berufung auf den "Opfer-Mythos" die Auseinandersetzung mit der Mit-Täterschaft von Österreicherinnen und Österreichern an den Gräueln des III. Reiches jahrzehntelang vermeiden konnte.

 

Erst in den 1990er-Jahren bekannte sich Bundeskanzler Vranitzky auch zu den Taten des NS-Regimes. Im November 1994 sprach Thomas Klestil als erster Präsident der Republik Österreich vor der Knesset, dem israelischen Parlament. Er betonte das "schwere Erbe der Geschichte, zu dem auch wir Österreicher uns bekennen müssen".[5]
 

Solidarität als Vermächtnis und Auftrag

 

75 Jahre sind seit der Befreiung des KZ Mauthausen vergangen. Seither trafen einander die Überlebenden - Menschen aus 72 Nationen - jedes Jahr: um zu gedenken, um sich ihrer Freiheit und Menschenwürde bewusst zu sein, um Verantwortung einzumahnen. Ihre Zahl wird immer geringer. Und umso dringlicher der Aufruf und der Auftrag an die Gesellschaft, vor allem an die Jugend: Ihr galt sein Appell, derer zu gedenken, "die in diesem Lager ihr Leben verloren haben, die für eine bessere Welt gekämpft haben, die für die Werte von Freiheit und Gerechtigkeit eingetreten sind." [6]

 

Die Täter dürfen nicht das letzte Wort  haben. Es gilt, gegen  Populismus, Rassenhass, Antisemitismus, Diskriminierung, aufzustehen, wo immer diese Ideologien sich breit zu machen versuchen. Es gilt aber auch, de Botschaft der Solidarität zu vermitteln, gerade jetzt, wo sie selbst in Europa brüchig zu werden scheint.

 

Das Grauen von Auschwitz hat Menschen aus 72 Nationen über 75 Jahre zusammengeschweißt. Diese Menschen - und die Millionen Opfer des II. Weltkrieges - fordern uns mit größter Eindringlichkeit zu Solidarität und Menschlichkeit auf, die nicht an den Grenzen der EU oder Europas enden darf.

 

"Menschlichkeit ohne Grenzen": so lautete das Motto der Befreiungsfeier 2020. Guy Dockendorf, der Präsident des Internationalen Mauthausen Komitees (CIM) nahm in einem Video-Statement zu diesem Schwerpunktthema Stellung und wies auf den Zusammenhang mit der COVID-Krise und auf die Notwendigkeit internationaler Solidarität hin. "Freilich ist es notwendig, dass der Begriff Solidarität in einer Zeit, in der die Grenzen physisch und mental geschlossen sind, in einer Zeit, in der der Neoliberalismus der gesamten Welt seine Regeln aufzuzwingen scheint, eine neue Bedeutung erlangt!" [7]

 

Die EU ist - trotz der gegenwärtigen ökonomischen Herausforderungen -  immer noch die wirtschaftlich mächtigste und reichste Gemeinschaft der Welt. Ihre besondere Verantwortung gilt nicht nur den Armen innerhalb der Union. Solidarität  ist auch eingefordert mit all jenen, die an Europas Außengrenzen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Flüchtlingslagern dahinvegetieren, die unter Gewalt, Krieg, Bürgerkrieg und Terror leiden, die aufgrund ökologischer Katastrophen ihre Lebensgrundlagen verloren haben.

 

Das Gedenken an das Kriegsende und an Mauthausen, das Erinnern an die Geburtsstunde des neuen Europa bleiben Leerformeln, wenn wir ÖsterreicherInnen, wir EuropäerInnen, nicht aktiv dafür eintreten, dass Menschen weltweit ein gutes Leben in Menschenwürde und Sicherheit führen können. Dazu forderte auch Bischof Manfred Scheuer in seinem Wort zum Gedenken an das Kriegsende auf.

 

"Auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bleibt es unsere zentrale Aufgabe, den Frieden zu wahren, zu fördern und zu erneuern. Wir wissen: Es gibt keinen dauerhaften Frieden ohne Gerechtigkeit, ohne den Schutz der Menschenrechte, ohne Freiheit und ohne die Achtung des Rechts."[8]

 

 

 

 

 

[1]     Schuman-Erklärung, zit. in: https://europa.eu/european-union/about-eu/symbols/europe-day/schuman-declaration_

[2]     ebd.

[3]     http://www.demokratiezentrum.org/wissen/wissensstationen/zum-staatsvertrag.html

[4]     https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblPdf/1955_152_0/1955_152_0.pdf

[5]     http://www.demokratiezentrum.org/wissen/timelines/der-opfermythos-in-oesterreich

[6] David-Maria Sassoli, Präsident des Europäischen Parlaments, anlässlich der Mauthausen-Befreiungsfeier 2020

[7]     https://www.mkoe.at/menschlichkeit-ohne-grenzen-virtuelle-befreiungsfeier

[8]     ://www.dioezese-linz.at/news/2020/05/07/bischof-manfred-scheuer-wort-zum-ende-des-zweiten-weltkriegs-vor-75-jahren

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