Evelyn Hödl

16. Apr 2020

Ostern, COVID-19 ... UND WAS WIR DARAUS LERNEN KÖNNEN

von Hödl Evelyn am 16. April 2020, 16:37 Uhr

Ostern 2020: Ein stilles Fest

 

Das Osterfest 2020 wird uns wohl lange in Erinnerung bleiben. Keine stimmungsvollen Gottesdienste und übervolle Kirchen, keine jubilierenden Kirchenglocken, keine fröhlichen Familienfeiern. Das Gemeinsame in der Distanz erleben.

Online- und TV-Messfeiern, Skype- und WhatsApp-Kommunikation mit den Großeltern, mit Verwandten und FreundInnen.

 

Ein einsamer Papst im gewaltigen Petersdom spendet der Welt Segen.

Daheim bleiben statt Urlaub. Glücklich schätzen kann sich, wer einen Garten besitzt oder einen Tagesausflug ins Grüne unternehmen kann. Die Natur kennt keinen Corona-Virus. Die Frühlingsblumen blühen unbekümmert, die Bäume entfalten ihre Blätter, Vögel zwitschern, trillern, pfeifen um die Wette. Draußen - außerhalb unserer Städte und Dörfer scheint alles "normal", auch in diesem Frühling.

 

In der Welt der Menschen ist es dagegen stiller, langsamer und leerer geworden: auf den Straßen weniger FussgängerInnen, weniger Autos, reduziertes Angebot im öffentlichen Verkehr, geschlossene Geschäfte und Restaurants.

 

Einige Menschen haben sich vielleicht schon fast an den Ausnahmezustand gewöhnt, können der Entschleunigung, dem Zur-Ruhe-kommen, sogar Positives abgewinnen, entdecken alte Spiele oder neue kreative Tätigkeiten.

 

Belastungen für die wirtschaftlich Schwachen

 

Für manche birgt der neue Alltag große Herausforderungen zwischen home-office, Lernen mit den Kindern, Tagesstrukturierung und Umgang mit ungewohnter Nähe.

 

Anderen machen Angst und Isolation zu schaffen: Alleinstehende, Menschen in den für BesucherInnen geschlossenen Spitälern und Seniorenheimen; Menschen, die liebe Angehörige oder FreundInnen verloren haben, Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Für viele bedeutet der Shutdown finanzielle Schwierigkeiten und die Angst, wie es weitergeht: mit dem Arbeitsplatz, der Miete, den Lebenshaltungskosten.

 

Von etlichen Berufsgruppen wird außerordentlicher Einsatz verlangt: vom ärztlichen und Pflege-Personal angefangen über die MitarbeiterInnen der Supermärkte, der Lebensmittelindustrie, des Transport- und Energiesektors, bis zu den Bauern/Bäuerinnen, der Post, Polizei oder Müllabfuhr.

 

Wie ein Brennglas fokussiert COVID-19 die VerliererInnen und die Strukturschwächen unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems. Besonders junge, schlecht bezahlte und prekär Beschäftigte sind wirtschaftlich am stärksten von der Krise getroffen. Stress, Überlastung und psychische Erkrankungen nehmen für etliche Gruppen zu: Für AlleinerzieherInnen, die ihre Arbeit verloren haben oder Job, Kinderbetreuung und Lernunterstützung unter einen Hut bringen müssen und womöglich beruflich ihre Gesundheit aufs Spiel setzen;

Für Mehrkinderfamilien (mit oder ohne "Migrationshintergrund") in beengten Wohnverhältnissen. Für Frauen, die verstärkt familiärer Gewalt ausgesetzt sind;

Für Geringverdienende, Kleinbetriebe oder Ein-Personen-Unternehmen die am Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs stehen.

 

Sytemrelevant: Wer hält unsere Gesellschaft am Laufen?

 

Das sind nicht die ManagerInnen, die UnternehmensberaterInnen, die PR-Leute oder die PolitikerInnen, die sonst im Licht der Öffentlichkeit stehen. Es sind die derzeit bis ans äußerste belasteten oben genannten Gruppen, die oft genug ihre eigene Gesundheit und die ihrer Familien riskieren.  Diese neuen Heldinnen und Helden unseres neuen Alltags erhalten gerade viel öffentlichen Dank, Applaus und verbale Wertschätzung.

Es bleibt zu hoffen, dass sich dies nicht in Phrasen erschöpft, sondern zur Verbesserung von Entgelt und Arbeitsbedingungen führt. Denn Leistung muss sich lohnen, um den alten Wirtschaftsslogan zu wiederholen. Und sie muss sich vor allem für jene lohnen, deren Leistung bisher übersehen und geringgeschätzt wurde und deren Gehälter oft nicht zum Leben reichen.

 

Intervention erwünscht: staatliche Hilfspakete

 

Der österreichische Staat hat ein großzügiges 38-Milliardenpaket zur finanziellen Unterstützung der Unternehmen verabschiedet. Das ist mehr als die jährlichen Bundesausgaben für Schulen, Universitäten, Verkehr, Polizei, Feuerwehr, Gerichte, Strafvollzug und Bundesheer zusammen. Bei dieser Summe wird es wahrscheinlich nicht bleiben.

 

Plötzlich ist keine Rede mehr davon, dass der Staat sich aus der Wirtschaft heraushalten soll. Der vielbeschworenen "unsichtbaren Hand des Marktes" wird nicht zugetraut, die derzeitige Krise zu meistern. Dass manche Aktiengesellschaften in Erwägung zogen, trotz Ansuchen um staatliche Finanzhilfen Dividenden auszuschütten, kann wohl nur als besondere Form von Chuzpe bezeichnet werden. Und offenbar wird - wie die Arbeiterkammer verlauten ließ - vereinzelt Missbrauch mit dem Kurzarbeitsmodell betrieben. Auch in der Krise versuchen einige, auf Kosten der Allgemeinheit zu profitieren. Es bleibt zu hoffen, dass dies Ausnahmen sind.

 

Grundrechte und Demokratie bewahren

 

Eine Herausforderung ist die derzeitige Situation auch für die Demokratie und die demokratische Gesellschaft. Nie zu vor wurden in der II. Republik die individuellen Grundrechte auf eine Weise wie in den letzten Wochen beschnitten. Gesetze werden (notwendigerweise) im Eiltempo ohne ausreichende Begutachtung beschlossen. Die Rot-Kreuz-App zur Definition möglicher COVID-Kontakte hat zu einigen Diskussionen geführt.

Verfassungsrechtler äußern bereits Bedenken gegen die weitgehenden Einschränkungen, auch wenn diese ein Ablaufdatum haben.

 

Nach dem "Schulterschluss" im gemeinsamen Interesse werden erste Bruchlinien zwischen Regierung und Opposition erkennbar. Das ist wichtig, denn die derzeitige Machtfülle der Regierung bedarf der Kontrolle und Kritik. Auch die Medien sind hier gefordert, ihre Rolle als Vierte Macht im Staat wahrzunehmen.

 

Und auch die politische Verantwortung jedes/jeder Einzelnen kommt es an, einerseits die Beschränkungen im Interesse der Gemeinschaft mitzutragen, andererseits aber wachsam zu bleiben im Hinblick auf Grundfreiheiten und Datenschutz.

 

Die Kehrseite von Globalisierung und Neo-Liberalismus

 

Jetzt zeigen sich in vielen Ländern die Folgen von Einsparungen im Gesundheitssystem. Der Notstand im Pflegebereich, oft genug thematisiert, gewinnt neue Brisanz, da die Herkunftsländer der billigen 24-Stunden-PflegerInnen ihre Grenzen geschlossen haben.

 

Die Kehrseite der Überglobalisierung und der daraus resultierenden Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse wird sichtbar: im Pflegesektor, in der Landwirtschaft (am Beispiel der osteuropäischen ErntearbeiterInnen) oder in der in Europa fehlenden Produktion von Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln. Nationale Interessen werden wieder geltend gemacht, wie der Konkurrenzkampf um Schutzmasken und -bekleidung oder Ausfuhrsperren beweisen.

 

Selbst innerhalb Europas ist die Solidarität der Unionsmitglieder brüchig geworden. Und internationale Organisationen wie die WHO oder die UNO scheinen zu versagen, was etwa die Flüchtlinge in Griechenland und der Türkei oder den Krieg in Syrien betrifft.

 

Wie wird es weitergehen?

 

Mehr als vier Wochen des Ausnahmezustandes lassen zwei Fragen drängend werden:

Wie lange noch? Und wie geht es danach weiter?

Die erste Frage kann zurzeit wohl niemand annähernd aufrichtig beantworten, zu viele Faktoren sind hier von Einfluss.

 

Die zweite Frage ist eine Herausforderung an unsere Gesellschaften und an jede/n einzelne/n. Etliche Unternehmen scharren bereits in den Startlöchern und verlangen ein "Hochfahren" der Wirtschaft um die Folgen der erwarteten Rezession möglichst gering zu halten. Dafür könne man ja den sogenannten Risikogruppen weitere Beschränkungen auferlegen. Gesundheit gegen Wirtschaft auszuspielen - ein Vorschlag zur Entsolidarisierung, der möglicherweise zu schlimmen Folgewirkungen führen könnte.

 

Umverteilung und Solidarität

 

Eine entscheidende Frage ist, wer letztlich die enormen Kosten, die durch die Pandemie entstanden, letztlich tragen wird. Sie dürfen keinesfalls - wie in Folge der Wirtschaftskrise 2008 - der breiten Bevölkerung aufgebürdet werden, jenen Gruppen, deren Einsatz jetzt das System aufrechterhält und die vielfach auch dem Risiko gesundheitlicher Gefährdung ausgesetzt sind.

 

Die Umverteilungsdiskussion wird also neu geführt werden müssen; Vermögens- und Erbschaftssteuern werden wieder Thema sein. Attac fordert beispielsweise einen Corona-Lastenausgleich. Denn auch die Reichen sind gefordert, einen fairen Beitrag zur solidarischen Bewältigung der Krise zu leisten.

 

Wir werden mehr Solidarität brauchen. Nachbarschaftshilfe bewährt sich jetzt vielfach, Menschen nehmen aufeinander Rücksicht, unterstützen einander. Darüber hinaus wird es notwendig sein, Solidarität zwischen Reich und Arm zu schaffen sowohl innerhalb der nationalen Gesellschaften als auch international: innerhalb der Europäischen Union und zwischen dem reichen Norden und dem verarmten Süden der Welt.

 

Das Virus hat uns gelehrt, dass nationale Grenzen keinen Schutz bieten. Weltweit arbeiten Menschen in Wissenschaft und Forschung zusammen, um Medikamente und Impfstoffe zu finden. Wir brauchen einander, aber in der gegenseitigen Abhängigkeit sind Gleichgewicht, Gerechtigkeit und Respekt eingefordert.

 

Und noch etwas hat uns das Virus vor Augen geführt: Die Menschheit ist nicht Beherrscherin der Welt und der Natur. Wir haben die Schöpfung nicht unter Kontrolle. Technik und Machbarkeitsphantasien sind an ihre Grenzen gelangt. Die Welt ist nicht beliebig verfügbar. Es braucht Demut und eine neue Verantwortung gegenüber der Schöpfung, gegenüber der Erde und ihren Ressourcen.

 

Perspektivenwechsel: Joh 20, 11-18 und Lk 24, 13-35

 

Es darf nicht alles wieder dort beginnen, wo es vor dem Ausbruch der Pandemie gestoppt wurde. Werden sich die Menschen nach der verordneten Askese wieder voll in den Konsum, die Unterhaltung, das Reisen stürzen? Oder begreifen wir, welche Werte eine Gesellschaft zusammenhalten, welche Menschen und Gruppen besonderer Wertschätzung bedürfen?

Lernen wir, solidarischer zusammen zu leben, der Natur achtsamer zu begegnen, ihre Ressourcen zu schonen und einen zukunftsfähigen Lebensstil zu praktizieren?

Erleben wir das "Weniger" nicht als Verzicht, sondern als Chance der Neuentdeckung von Talenten, Beziehungen und Gestaltungsmöglichkeiten?

Wir haben die Chancen zu einer Umkehr und Neuorientierung!

 

Die beiden Evangelientexte können Impulse zum Weiterdenken sein: Joh 20, 11ff berichtet, wie Maria Magdalena weinend in das Grab Jesu schaut, gefangen in ihrer Trauer. Sie muss sich umwenden, den Blick nach draußen richten, um Jesus wahrnehmen zu können - allerdings ohne ihn zunächst zu erkennen. Erst als er sie beim Namen ruft, begreift sie das Geschehen der Auferstehung, das in eine neue Wirklichkeit führt.

 

Lukas erzählt von den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Traurig und hoffnungslos wandern sie nach dem Tod Jesu dahin. Auch sie erkennen ihren Begleiter Jesus nicht, als er ihnen die Schrift erklärt. Erst im gemeinsamen Mahl wird die Begegnung mit Jesus, dem Auferstandenen möglich. Ermutigt und voll Begeisterung kehren die Jünger zurück nach Jerusalem.ie können wir diese Texte verstehen?

 

Sind wir unseren bisherigen Lebensbedingungen verhaftet; sind wir fixiert auf das, was vor der Krise war? Trauern wir um das, was nicht (mehr) verfügbar ist, weil wir wollen, dass alles so bleibt wie bisher? Sind wir in Enttäuschung und Zukunftsangst gefangen?

Oder gewinnen wir neue Kraft, uns umzuwenden, umzukehren.

 

Es mag ein stilles, einsames Ostern gewesen sein, das von uns den Verzicht auf liebgewordene Gewohnheiten und Gebräuche gefordert hat. In dieser Stille ist vielleicht die Osterbotschaft 2020 deutlicher als sonst zu vernehmen: Umkehr aus den Grabkammern unserer bisherigen Lebensweise, aus unserem Egoismus und unserer Präpotenz, unserer Blindheit, Verzagtheit und Phantasielosigkeit.

 

Umkehr aus dem Gefängnis des "Immer Weiter so" in die Freiheit eines verantwortungsbewussten und solidarischen Lebens: Sich auf die Begegnung mit dem Auferstandenen einzulassen heißt, den Weg in eine neue - verwandelte und schöpferische - Wirklichkeit zu wagen.

 

Hödl
Evelyn
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