Evelyn Hödl

24. Mar 2020

Covid-19: GEFAHR UND CHANCE

von Hödl Evelyn am 24. March 2020, 13:28 Uhr

Ausnahmezustand

 

Seit einer Woche leben wir im Ausnahmezustand. Nichts ist mehr wie wir es gewohnt waren. Persönliche Rechte und Freiheiten wurden - befristet - eingeschränkt: Ausgangssperren (mit begrenzten Ausnahmen), Versammlungsverbot, Kontrollen an allen nationalen Grenzen.

Was früher selbstverständlich war, geht plötzlich nicht mehr: Osterurlaub, Flugreisen, Einkaufen, Konsum, Theater- und Kinobesuche. Die Flugzeuge bleiben im Hangar, die Restaurants, Theater, Kinos, Shopping-Zentren sind geschlossen, etliche Betriebe müssen ihre Produktion herunterfahren, viele Menschen sind von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit  betroffen. Andere - ÄrztInnen und Pflegepersonal, MitarbeiterInnen im Lebensmittelsektor oder  Beschäftigte im Gütertransport, Zivildiener, SoldatInnen, Polizei - werden bis an ihre Grenzen belastet. Besuche in Seniorenheimen und Spitälern, sogar von Verwandten, Großeltern, sind untersagt.

Zusammenhalt durch Distanz heißt das neue Motto. Die Herausforderungen an unsere Gesellschaft und an jede/n Einzelne/n ist groß. Flexibilität und innovative Ideen sind Gebot der Stunde.  Wie gestalten wir das Familienleben, die Betreuung der Kinder, wie schützen wir die ältere Generation, wie schaffen wir es persönlich, mit unserer Sorge um unsere Lieben, mit unserer Angst vor dem Virus, vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor dem Zusammenbruch des Gesundheitssektors oder der Wirtschaft zu leben?

 

Wie gehen wir damit um?

 

Die Antworten auf diese Fragen werden wir erst finden müssen, denn unsere westliche Gesellschaft hat eine solche Krise noch nie erlebt.  Aber es gibt viele Zeichen der Hoffnung:

eine Regierung, die bemüht ist, informativ und kooperativ notwendige Maßnahmen zu setzen; nicht nur im Gesundheitssektor sondern auch in der Wirtschaft - nicht nur zugunsten von Großindustrie, sondern auch zum Schutz von ArbeitnehmerInnen, Klein- und Mittelbetrieben und Einpersonen-Unternehmen; Medien, die verantwortungsvoll, ausführlich und sachlich berichten; Private Initiativen, die überall entstanden sind, um Hilfe anzubieten, online-Angebote, Vernetzung, Balkonkonzerte; LehrerInnen, die  sich auf e-Learning und Betreuungsarbeit in Schulen umstellen; Unternehmen, die zu home-office und Video-Konferenzen wechseln.

 

"Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Dieser Ausspruch des großen Dichters Hölderlin, dessen Geburtstag sich am 20. März zum 250. Mal  jährte, macht Mut in diesen Tagen. Im Chinesischen setzt sich das Wort "Krise" bekanntlich aus zwei Zeichen zusammen: das eine bedeutet "Gefahr", das zweite "Chance".

 

Krise = Chance

 

Wir können aus der tiefen Betroffenheit und Sorge also neue Möglichkeiten entdecken, für uns selber und für unsere gesamte westliche Zivilisation.

 

Für uns persönlich:

die Entschleunigung, das Miteinander Reden, Spielen, Musizieren im Familienkreis, Waldspaziergänge statt Einkaufsbummel, Lesen, Wohnzimmer als Fitness-Studio, Kochrezepte erfinden und teilen....; Solidarität  und Achtsamkeit sich selbst und den Mitmenschen gegenüber.

 

Für die Gesellschaft stellt sich heraus, dass vieles, was von UmweltaktivistInnen und KlimaforscherInnen seit langem gefordert wurde ohne auf wirkliche Resonanz zu stoßen, mit einem Mal Wirklichkeit geworden ist:

Der Autoverkehr hat sich um 40 % reduziert; Fluglinien stellen ihren Betrieb weitgehend ein. Internationale Lieferketten werden unterbrochen, die Auslagerung vieler wirtschaftlicher Bereiche in Billiglohnländer bringt Betriebe hier zum Stocken oder zum Stillstand.

Im Pflegesektor zeigt sich nun durch die Grenzschließungen die Problematik des  Einsatzes von 24-Stunden-BetreuerInnen aus Ungarn, Rumänien oder der Slowakei. Neue Vereinbarungen mit den Nachbarländern müssen ausgehandelt, Ersatzkräfte mobilisiert werden. Die Schwachstellen des Pflegesystems, Unterbezahlung, mangelnde Wertschätzung und mangelnde Attraktivität, treten nun deutlich zutage.

 

Die Globalisierung und unser gesamtes technikaffines und profitorientiertes System zeigen ihre Schattenseiten. Börsenkurse rasseln in den Keller, der Staat ist wieder gefragt als wirtschaftlicher Akteur, die "Schwarze Null" im Budget gilt nicht mehr, sondern der Schutz der Menschen, der Gesundheit und die Erhaltung der Arbeitsplätze. Gerade an Struktur und Ressourcen des  Gesundheitssystems zeigt sich nun, wie gut ein Land mit  COVID-19 umgehen kann. In Italien, in Großbritannien und in den USA werden die Auswirkungen eines kaputt gesparten Gesundheitswesens immer sichtbarer.

 

Durchaus angenehm fällt auf, dass in den letzten Tagen die lautstarken Wortmeldungen der Rechts-Außen-Parteien europaweit entfallen sind. In Krisenzeiten ist konkrete und ernsthafte Politik angesagt, populistische Parolen haben - wenigstens vorläufig und hoffentlich auch danach -  ausgedient.

 

Viele Menschen fragen sich zur Zeit, welchen Sinn COVID-19 habe. Liegt die Antwort  in einer dringend notwendigen Umkehr zu einer öko-sozialen Wirtschaft, wie sie Papst Franziskus seit langem fordert?  Liegt darin unser aller große Chance zur FAIR-Änderung?

Das wäre zu wünschen.

 

Kritische Anmerkungen

Demokratie und nationale Interessen

 

Freilich bedarf die gesellschaftliche und politische Entwicklung auch einer kritischen  Beobachtung. Denn der Staat greift mit den Ausnahmeregelungen tief in die Grundrechte ein. Opposition und Regierung ziehen, was in der derzeitigen Situation durchaus angebracht ist - an einem Strang. Das sonst übliche Parteien-Hickhack und das sich medienwirksame Präsentieren bleiben aus.

 

Trotzdem ist demokratiepolitisch darauf zu achten, dass die Notmaßnahmen  der Situation angepasst und so bald wie möglich suspendiert werden. Ungarn, wo Premier Orban nun unter Umgehung des Parlaments per Dekret regiert, mag als warnendes Beispiel gegen autoritäre Ambitionen dienen.

 

Und eine weitere bedenkliche Entwicklung ist zu bemerken:

Unsere Gesellschaft - in Österreich und in ganz Europa  - dreht sich in ihrer - berechtigten  Sorge - nur noch um sich selbst. Das eigene Land steht wieder im Fokus. Das ist verständlich, darf aber nicht zur Abschottung, zu Exportsperren notwendiger Güter führen, zu nationalen Alleingängen führen. Nun wird auch deutlich, dass die EU als Gemeinschaft schwächelt.

Doch auch Zeichen der Solidarität werden gesetzt:  wenn etwa China notwendige Schutzausrüstung nach Europa liefert und Kuba nach einem Hilferuf ÄrztInnen nach Italien entsendet.

 

Bis auf wenige Ausnahmen zeigt ein Blick in TV und Printmedien in Österreich, dass der Rest der Welt (mit Ausnahme von China, dem Iran oder den USA) fast gänzlich ausgeblendet wird.

 

Weltweite Solidarität

 

Aber Covid-19 hat längst auch andere Weltregionen erreicht: Afrika, Lateinamerika, den Gaza-Streifen: Länder und Regionen, deren Gesundheitssysteme desolat, deren  wirtschaftliche Kapazitäten schwach und deren politische Verantwortliche oft unfähig oder korrupt sind. Für sie wird - ohne internationale Hilfe - diese Pandemie zur Katastrophe werden.

Noch im Februar dominierten in den Medien bedrückende Szenen von Flüchtlingen an der türkisch-griechischen Grenze, von überfüllten Lagern, von fliehenden Menschen in der Region Idlib, von Grenzsoldaten, die mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Schutzsuchende vorgingen.  Diese  Bilder sind aus den Medien  verschwunden - neben-sächlich angesichts der Herausforderungen innerhalb des eigenen Landes, innerhalb der EU.

 

Die Bilder mögen verschwunden sein, die leidenden und verzweifelnden Menschen sind es nicht.  Auch wenn das Corona-Virus uns in Österreich, in Europa, vor große Herausforderungen stellt:

Es darf nicht sein, dass unsere Solidarität an unseren Landesgrenzen oder der EU-Außengrenze endet. Es kann nicht nur der Caritas, der Diakonie, den Ärzten ohne Grenzen und anderen Hilfsorganisationen überlassen bleiben, sich um  jene zu kümmern, die schutz- und hilflos in Elendscamps dahinvegetieren oder im Niemandsland stranden. Aus griechischen Flüchtlingslagern wurden in der Vorwoche erste Covid-19-Fälle gemeldet. Wie diese Pandemie sich unter den dortigen Umständen auswirkt, wie viele Opfer sie fordern wird, wie viel Gewalt und Gegengewalt sie auslösen könnte, wollen wir uns lieber nicht vorstellen.

 

Lässt uns die Krise unsere eigene Verletzlichkeit begreifen, unsere Abhängigkeit und Verwobenheit in eine Welt-Gesellschaft und damit unsere Verantwortung?

Wird uns unsere Angst, unsere Notlage empathischer machen gegenüber der unverschuldeten Not, dem Leid, der Angst jener Menschen, die außerhalb unserer Grenzen verzweifeln? Wird unsere Solidarität bis zu jenen reichen, die in Edirne, in Idlib, in Moria oder irgendwo am Balkan immer noch auf ein menschenwürdiges Leben hoffen? Werden wir begreifen, dass wir weltweit betroffen sind von einer Gefahr, die auch weltweite Verantwortung und Solidarität erfordert: vor allem mit den Menschen in jenen Ländern, die weniger Ressourcen zur Bewältigung der Situation haben?

 

Wenn wir die Covid-19-Herausforderung gemeistert haben, wird wohl nichts mehr so sein wie es früher war. Dies ist die große Chance, die uns die gegenwärtige Krise bietet: eine Veränderung unseres Lebensstils, unseres Denkens und Handelns, hin zu Nachhaltigkeit, Verantwortung,  Mitmenschlichkeit und Solidarität in unserem gemeinsamen Haus, der Erde.

 

 

Hödl
Evelyn
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