Traude Novy

05. Jun 2020

Corona Krisen-Tagebuch 15.Teil

von Traude Novy am 05. June 2020, 08:36 Uhr

28. Mai

 

Unsere Enkeltochter Rosa hat ihre Matura beendet. Ihrem denkwürdigen Geburtsdatum 2.2.2002 hat sie das Jahr 2020 hinzugefügt, in dem sie ihrer Schulpflicht die Corona aufgesetzt hat. Das werden wir jetzt erstmals seit Beginn der Krise alle gemeinsam feiern.

 

Heute haben wir wieder den ganzen Tag die Parlamentsdiskussion laufen, weil Gerhard daran interessiert ist. Die Peinlichkeit mit den vergessenen sechs Nullen im Budget haben wir hautnah miterlebt. Das ist eine kleine Strafe dafür, dass diese Regierung das Parlament doch ziemlich schmafu behandelt.

29. Mai

 

Großeinkauf für das Pfingstwochenende. Mit Maske ist das eine höchst unerfreuliche Arbeit. Wie die Angestellten in den Supermärkten das den ganzen Tag aushalten, ist mir ein Rätsel. Überhaupt ist diese ganze Maskerade ziemlich grenzwertig. Mir begegnen ständig Menschen, die zwischen zwei Einkäufen sichtlich ihre Masken nur runterschieben, was man ja auf gar keinen Fall tun soll. Aber was sonst. Sie aufgesetzt lassen und sich weder schneutzen noch richtig atmen zu können, sie zwischendurch in die Tasche zu stecken, was man auch nicht tun soll, nach jeder Benützung die Hände waschen – wie und wo? Ich habe das Gefühl, dass die Handhabung der Maskenpflicht von Menschen formuliert wurde, die weder einen Familieneinkauf zu erledigen haben, noch den ganzen Tag in einem Laden stehen. Der lächerliche Aufmarsch unserer maskierten Regierungsmitglieder wird davon konterkariert, dass wir mitverfolgen konnten, wie im Parlament sich immer mehr Abgeordnete von der Maskenpflicht verabschieden.

 

Der so sympathische wirkende Lokalbesuch unseres Bundespräsidenten um ½ 1 Uhr nachts ist in meinen Augen auch ein Affront. Natürlich ist es ganz toll, dass in unserem Land der Präsident unbewacht nächtens Lokale aufsuchen kann, aber was für uns kleine Leute gilt, hat auch für ihn zu gelten, nämlich die Lokale um 11 Uhr zu verlassen. Aber er hat sich im Gegensatz zu Kurzens Kleinwalsertaler Ausflug wenigstens entschuldigt.

 

30. Mai

 

In den USA wurde ein Schwarzer von einem Polizisten getötet, indem er ihm das Knie auf die Kehle gedrückt hat. In diesem Land, das für mich in meiner Jugend das Land der Freiheit war, läuft alles schief. Es stimmt mich bedenklich, was wir auch heute noch von der Welt erfahren und was nicht, wenn ich daran denke, dass wir Jugendliche der 50er Jahre keine Ahnung von der Rassentrennung in den USA hatten und dass uns auch Südafrika relativ lange als fortschrittliches Land vermittelt wurde. Die amerikanische Besatzungsmacht hat damals eine seltsame Gehirnwäsche mit uns betrieben, denn natürlich hat uns das entspannte Lebensgefühl, das uns die Gis vermittelt haben, imponiert und sind wir auf die Musik der Schwarzen, den Jazz abgefahren, ohne zu wissen, welcher Unterdrückung diese Musiker ausgesetzt waren. Das Lieblingsbuch meiner frühen Jugend „Vom Winde verweht“ vermittelte ja auch die Sklaverei als eine liebe paternalistische Gesellschaftsform und das Ende der Sklaverei als Barbarei.

 

31. Mai

 

Pfingstsonntag – obwohl wir ja wissen, dass der Geist weht wo er will, können wir nur darum beten, dass die derzeit zumeist geistlosen Staatenlenker baldigst abgelöst werden, denn bei Donald Trump und Konsorten ist sicher Hopfen und Malz und auch stärkere geistige Nahrung verloren. Aus der Verantwortung für den Zustand der Welt können wir aber vor allem die Chefs der Wirtschaftsimperien und Medienkonzerne nicht entlassen, denn sie haben aus reinem Macht- und Profitinteresse  dafür gesorgt, dass Trump, Bolsonaro und Konsorten ans Ruder kamen.

 

Das Wetter meint es auch nicht gut mit uns, es regnet und ist eiskalt und wie oft an Feiertagen ist unsere Therme ausgefallen. Also heizen wir am letzten Maitag den Kachelofen, um uns zu wärmen.

 

Unsere beiden Urenkelkinder haben wir seit drei Monaten zu ersten Mal wieder gesehen – sie sind so gewachsen und wir taten uns schwer, als Risiko-Menschen ein wenig Distanz zu ihnen zu halten. Aber Gott sei Dank, haben sie sich gleich wieder bei uns zu Hause gefühlt.

Ich schreibe jetzt seit dem Beginn der Fastenzeit mein Corona-Tagebuch und ich denke, es wird Zeit, wenn alles „hochgefahren“ wird, ein wenig zurückzuschrauben. Ganz will ich es aber nicht sein lassen, weil ich spüre, dass mir das Nachdenken im Kleinen und im Großen gut tut.

 

1. Juni

 

Maturafeier für Rosa bei uns und das Wetter meint es gut. Wir genießen es, uns nach so langer Zeit alle wieder zu sehen. Rosa ist schon ein wenig traurig. Kein Maturaball, keine große Feier, keine Maturareise. Ein wenig erinnert es an die „Kriegsmatura“ 1944,  aber im Vergleich dazu ist das alles leicht auszuhalten. Ich muss öfters an die Schülerinnen und Schüler zum Kriegsende 1945 denken. Die wurden bis zum März 1945 auf den „Führer“ eingeschworen und ab Mai wurde ihnen von den Befreiern vermittelt, dass er und seine Vasallen Verbrecher waren. Es wundert mich nicht, dass viele dieser Generation später zu Zynikern wurden, die jeden Idealismus lächerlich fanden.

 

Fawad ist wieder bei uns eingezogen. Er meinte überschwänglich, dass er sich fühle, als wäre er aus dem Gefängnis nach Hause gekommen. Besonders meinem Mann tut es gut, dass er da ist.   

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

Einträge von 22.-27.5 sind hier, von 16.-21.5 sind hier, von 12.-15.5 sind hier, von 7.-11.5 sind hier, von 3.-6.5 sind hier, von 28.4 - 2.5 sind hier, von 23.4- 27.4 sind hier, von 18.4- 22.4 sind hier, von 14.4 - 17.4 sind hier, von 9.4-13.4 sind hier, von 5.4-8.4 sind hier, von 31.3 bis 4.4. sind hier, von 5.3. bis 26.3. hier und vom 27.-30.3. hier

 

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