Traude Novy

25. May 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 13.Teil

von Traude Novy am 25. May 2020, 08:53 Uhr

16. Mai

 

Wieder eine Woche um und schichtweise Besuch von Kindern und Enkelkindern. Das Distanzhalten wird zunehmend mühsamer, weil wir uns auch nicht mehr sicher sind, was notwendig ist und was nicht.

Es macht mich nervös, dass Suzanna immer sofort neben mir ist, wenn ich im Garten arbeite oder koche. Ich merke, dass diese Tätigkeiten für mich einen meditativen Charakter haben und ich dabei gerne ganz alleine bin. Aber für sie ist nicht leicht, denn normalerweise sind 24-Stunden-Betreuerinnen selbständig agierende Personen, die einen Menschen betreuen. Wir hingegen brauchen sie vor allem in der Nacht und zur körperlichen Unterstützung für meinen Mann, da kann es schon sein, dass ihr tagsüber ziemlich langweilig ist und sie auch keine richtige Rolle findet. Denn sie ist ganz sicher nicht meine Angestellte, deshalb halte ich mich sehr zurück, wenn sie im Haushalt ihre eigenen Methoden hat. Nur beim Kochen bleibe ich hart, denn qualitätvoll Essen ist mir wirklich wichtig. Aber wir haben beide zu wenig zu tun. Was bei mir kein Problem ist, weil ich mich ja mit verschiedensten Dingen beschäftigen kann. Sie allerdings hat mangels Sprachkenntnissen nur ihr Handy zur Ablenkung. Ich bin so froh, dass ich bei der Katholischen Frauenbewegung gelernt habe, Situationen zu reflektieren, sonst wäre manches schwer erträglich. In normalen Zeiten könnte ich jetzt einiges nachholen, was ich in letzter Zeit versäumt habe, Besuche machen und mich mit Freundinnen treffen – aber so normal sind die Zeiten trotz Lockerung noch immer nicht, dass ich mir diesen Luxus leiste. Außerdem muss ich sehr darauf achten, dass mein Mann nicht das Gefühl bekommt, ich ziehe mich zurück, weil ja bisher ein Hauptteil unserer Beschäftigung miteinander sich auf den Pflegebereich bezogen hat, den ich jetzt wirklich abgegeben habe. Ich denke viel darüber nach, wie wir in unserer Lebenssituation uns noch einen Rest Lebensqualität bewahren, aber ich komme zu dem Schluss, dass es keinen Sinn hat, sich gegen das unvermeidliche zu sträuben, sondern das Annehmen ohne Verbitterung ein neuer Lernschritt ist. Alt werden ist nichts für Feiglinge, ist ja schon lange mein Spruch.

 

17. Mai

 

Heute kommen zum ersten Mal wieder Freunde auf Besuch. Diese körperliche Distanzierung ist schon sehr eigenartig. Unsere Generation ist ja mit nicht allzu viel körperlicher Nähe aufgewachsen. Wir haben uns erst langsam an das Bussi, Bussi gewöhnt und jetzt ist wieder alles anders. Fawad hat richtig bemerkt, dass die einzigen, für die es in diesen Zeiten keine Umstellung gibt, die streng muslimischen Frauen sind, sie waren immer schon verhüllt, wie wir es jetzt alle sind. Er hat schüchtern angefragt, wann er wieder „nach Hause“ kommen kann und ich hab ihn noch ein wenig vertröstet, weil er ja bei Penny wirklich mit sehr vielen Leuten in Kontakt ist, aber er geht uns auch ab. Ein wenig jugendliche Unbeschwertheit täte uns gut.

 

Spät am Abend habe ich dann „Waldheims Walzer“ im Fernsehen geschaut. Es ist schon seltsam, wie wenig manche Menschen, von denen man es schon wegen ihrer beruflichen Laufbahn erwarten würde, die Kriegszeit und die eigene Verwobenheit in die Geschehnisse reflektiert haben. Waldheim hatte nichts verstanden und war doch viele Jahre als UNO-Chef wesentlich für den Frieden in der Welt mitverantwortlich. Nichts verstehen will auch HC Strache, der unverständlicherweise bei „im Zentrum“ eingeladen war. Das Schielen auf Einschaltziffern kennt anscheinend im ORF auch keinen Genierer.

 

18. Mai

 

Wir haben ja noch Glück mit unserer Regierung. In Israel hat Netanjahu um einem Gerichtsverfahren zu entgehen, jetzt eine 50 köpfige Regierung zusammengestellt, damit alle, die dieses Vorgehen abnicken, zu ihren Pfründen kommen. Dieser „Bibi“ ist ein Herzensfreund unseres Kanzlers. Die EU steht übrigens vor dem Dilemma, wie sie mit Israel wegen der Okkupation der besetzten Palästinenser-Gebiete umgehen soll, denn es wäre ebenso wie bei der Okkupation der Krim durch Russland eine Verurteilung fällig, wenn nicht mit zweierlei Maß gerechnet würde.

 

Meine Tochter hat mir einen Artikel, den eine Kandidatin für die Wiener Gemeinderatswahlen verfasst hat, zukommen lassen. Darin schreibt sie, wie sie durch die Katholische Jungschar politisiert wurde. Das Beschäftigen mit Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen der Dreikönigsaktion, die demokratischen Entscheidungsfindungen, die Rücksichtnahme aufeinander auf den Lagern und die gesellschaftspolitische demokratische Bildung auf den Fortbildungskursen der Jungschar ist sichtlich eine einmalige Grundschule, um das Rüstzeug dafür zu bekommen, Gesellschaft zu gestalten. Die Leitung der Katholischen Kirche ist sich dessen sichtlich nicht bewusst, denn sie hat systematisch die demokratischen Strukturen der Kinder- und Jugendorganisationen zerstört, um ein Durchgriffsrecht zu bekommen. Oder vielleicht wissen sie es sogar und wollen gar nicht, dass im Rahmen der Kirche eigenständig denkende und agierende Menschen herangebildet werden.

 

19. Mai

 

Anlässlich des 100. Geburtstags von Papst Johannes Paul II. gibt es viele Rückblicke. Ich kann an diesem Papst kaum etwas Gutes finden. Seine Rolle beim Fall des Eisernen Vorhangs war vordergründig bedeutsam, aber sie muss in ihrer geschichtlichen Dimension erst noch aufgearbeitet werden, aber innerkirchlich hat er enormen Schaden angerichtet. Groer, Krenn, Eder, Laun, Küng, womit haben wir Katholikinnen und Katholiken in Österreich das verdient? Einen noch viel größeren Schaden hat er im globalen Süden angerichtet. Dass in Brasilien ein Bolsonaro möglich wurde, hängt damit zusammen, dass er die Befreiungstheologie und die Basisgemeinden systematisch ruiniert hat und damit die katholische Kirche zu einer kleinen Gemeinschaft dezimiert hat. Er hat damit den Weg für die aus den USA importierten Freikirchen bereitet, die mit ihrem großteils fundamentalistischen und reaktionären Welt- und Menschenbild Wegbereiter für den backlash in vielen Teilen Lateinamerikas waren. Unvergessen wird mir bleiben, dass er Ernesto Cardenal die Hand entzogen hat, aber sich von Pinochet hat hofieren lassen.

 

Wie viel ansprechender war da das „Buona sera“ von Papst Franciscus nach seiner Wahl als Gruß an die versammelten Gläubigen. Aber auch er ist Gefangener eines versteinerten Systems. Von Rom ist nicht wirklich was zu erwarten, dennoch können wir Christinnen und Christen schon was bewirken, wenn wir uns auf unsere Kernbotschaft konzentrieren. Wir sind noch immer eine globale Kraft, die für eine andere Globalisierung eintreten könnte. Auf der Seite der Benachteiligten, sich für ein gutes Leben aller einzusetzen, das wäre gerade jetzt, wo so viel von „hochfahren“ die Rede ist, die Aufgabe von uns Christinnen und Christen.

 

20. Mai

 

Schön langsam bekomme ich unbändige Lust, mich körperlich zu bestätigen, denn ich habe das Gefühl, dass man im Alter noch viel schneller einrostet, wenn man nichts tut. Mein Mann wird auch zunehmend schwächer. Ich muss ihn immer mühsam dazu überreden, täglich eine kleine Runde im Garten zu drehen und sich am derzeit üppigen Blühen und Sprießen zu erfreuen. Aber es ist schon sehr anstrengend für ihn. Meine gebückte Haltung im Garten beim Unkrautjäten ist ja auch nicht die richtige Gymnastik. Ich habe mit einem Freund vereinbart, dass wir demnächst einen Ausflug nach St. Corona machen werden.

 

21. Mai

 

Christi Himmelfahrt. Dazu passt ja wunderbar, dass alle vom „hochfahren“ reden. Wohin allerdings die Fahrt geht, da gibt es gravierende Meinungsverschiedenheiten. Der Himmel auf Erden wird es in baldiger Zukunft nicht werden. Für alle, die dem Slogan „Eine andere Welt ist möglich“ etwas abgewinnen können, gilt es, sich zu verbünden, denn die Vertreter des „weiter so,“ sind eindeutig die mächtigeren.

 

Die Verhaltensregeln werden zunehmend skurriler. Die Leute rennen auf den Straßen mit lässig herunterhängenden Masken herum und stülpen sie sich dann über, wenn sie ein Geschäft betreten. Bei meinem Augenarztbesuch in der Stadt merkte ich, dass wir ganz einfach zu viele sind, um den lächerlichen „Babyelefant“ Abstand einzuhalten. Die Atemnot unter einer medizinischen Maske kann für uns Alte auch nicht wirklich gesund sein. Außerdem laufen uns Brillenträgerinnen häufig die Gläser an und lassen uns zwischenzeitlich halb erblinden. Die neue Geschäftsidee „Masken“ treibt aber auch seltsame Blüten. In exklusiven Herrenmodengeschäften werden Maßhemden mit Masken aus gleichem Stoff angeboten. Was früher die elegante Krawatte für den Mann von Welt war, ist jetzt sichtlich die Designermaske. Irgendwann werden wir hoffentlich über das alles sehr lachen.

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

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