Traude Novy

12. May 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 11.Teil

von Traude Novy am 12. May 2020, 13:20 Uhr

7. Mai

 

Es ist ein seltsames Gefühl, soviel Freizeit zu haben, weil Suzanna mir fast alles abnimmt. Das schlechte Gewissen, wenn ich tagsüber stundenlang lese, hat mir meine Mutter so gründlich eingeimpft, dass es nicht wegzukriegen ist. Dabei gibt es so vieles Interessantes, allerdings auch Anstrengendes über die politische, kulturelle und soziale Lage zu lesen. Meine Empfehlung – Falter lesen und den „Morgenmoment“ von Barbara Blaha runterladen. Und zur Abwechslung viel digital Musik hören, von Molden bis Klassik.

Heute habe ich einen Strafzettel im Auto vorgefunden, ich war sehr verblüfft, weil wir doch einen Behindertenausweis haben, der es ermöglicht, im Parkverbot zu parken. Außerdem ist unsere kleine Sackgasse mit jeweils vier Häusern links und rechts sowieso nur im Schritttempo zu bewältigen, also ist das Freihalten von zwei Fahrspuren ein unnötiger Luxus.

 

Aber Straßenverkehrsordnung ist Straßenverkehrsordnung wurde mir von der Polizei mitgeteilt und da müssen auch in einer winzigen Sackgasse zwei Fahrspuren freigehalten werden, weil sie ja keine Einbahn ist. Das gilt auch für Behinderte. Daraus folgt, dass mein Mann unmöglich zum Auto kommen kann. Also ist der Behindertenausweis für ihn für die Katz. Die Polizei teilte mir außerdem noch mit, dass die Einhaltung des Parkverbots in unserer Gasse ab nun vermehrt kontrolliert wird. Da werden in Corona Zeiten mittels Verordnungen Grundrechte ausgehebelt, aber die Straßenverkehrsordnung muss eingehalten werden, auch wenn sie noch so unsinnig ist und es Menschen verunmöglicht, das Haus zu verlassen. 

 

8. Mai

 

75 Jahre Kriegsende in Europa. Das vergessen wir oft, dazuzusagen, denn Hiroshima und Nagasaki kamen ja erst im August. Aus diesem, wie aus jedem Krieg gingen auch die Sieger nicht schuldlos hervor. Ich versuche jetzt oft, zu ergründen, was ich damals als 5jähriges Kind empfunden habe. Es sind nur Standbilder von Tieffliegern über unserem Hof und von russischen Soldaten, die uns im Weinkeller, in dem wir uns versteckt hatten, aufstöberten. Aber es ist sehr wenig Angst in meiner Erinnerung. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass meine Mutter eine ziemlich furchtlose Frau war. Und da ich damals dachte, dass die Tiefflieger riesige gefährliche Vögel sind, hat mich dann der leibhaftige Anblick von Russen nicht erschreckt, denn das waren ja Menschen und vor Menschen musste ich mich bis dahin nie fürchten. Gerade in dieser Zeit haben allerdings viele Kinder, Frauen und Männer ganz andere existentielle Erfahrungen gemacht, sie wurden von ganz „normalen“ Menschen gequält und ermordet. Es drückt mir immer das Herz ab, wenn ich die KZ-Bilder von jüdischen Kindern sehe, sie sind die Hauptursache dafür, dass für mich das „niemals wieder“ die Grundlage meines gesellschaftspolitischen Engagements ist.

 

9. Mai

 

Heute war ich mit medizinischer Maske einkaufen. Es ist seltsam, einander auszuweichen, nur vermummten Menschen zu begegnen. Es schränkt die Lust am Gustieren und Auswählen extrem ein, ich wollte nur so schnell wie möglich alles erledigen. Es gibt zwar strenge Reiseverbote, aber die heurigen Erdäpfel aus Ägypten haben die Einreise bereits geschafft. Ich habe die allerdings noch nie gekauft, da halte ich mich nach wie vor an das Urteil meiner Mutter, nur wässrig und schmecken nach nichts. Aber natürlich sind ägyptische Bauern auf diesen Export angewiesen – obwohl sie für die eigene Bevölkerung wahrscheinlich sinnvollerweise anderes anbauen und ernten sollten. Die unsinnige Globalisierung im Nahrungsmittelbereich kann sichtlich auch das Virus nicht stoppen.

 

Bei uns ist nach wie vor kein wirklicher Regen in Sicht, wir gießen verschwenderisch mit Hochquellwasser. Ich genieße einerseits den immer blauen Himmel, andererseits macht es mir Angst. Mein Gefühl ist, dass alle Sträucher und Blumen üppig blühen, aber sehr schnell auch wieder verblühen, möglicherweise hängt das auch nur mit meinem veränderten Zeitgefühl zusammen. Am wohlsten fühlt sich jedenfalls unser Feigenbaum, er ist mit Früchten übersät. Rosen, Paradeiser, Paprikapflanzen sind hingegen dicht von Läusen bevölkert, die mögen sichtlich das trockene Klima.

 

10. Mai

 

Muttertag. Wir haben ein kleines Familientreffen mit vier verstreuten Tischen im Garten gemacht. War ziemlich lustig, vor allem, weil mein Mann und ich auf der Terrasse über den anderen thronten und den Überblick über die Szene hatten. Grillen und sich gegenseitig doch ein wenig aus dem Weg gehen, war schon eine Herausforderung. Danach habe ich dann alte Klamotten von mir, aber auch noch von meiner Mutter und von meinem Mann den Enkelkindern angeboten, es war dann doch ziemlich lustig, den Minirock der Großmutter zu probieren. Dann haben wir noch in Texten und Unterlagen aus der Jungscharzeit meiner Kinder gestöbert. Das war schon wegweisend, was damals in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit geleistet wurde. Manchmal stimmt es mich deprimiert, wenn ich denke, was da alles mehr oder weniger mutwillig von der Kirchenleitung zerstört wurde. Am Abend waren wir dann vollkommen erschöpft, auch vom üppigen Tiramisu, das Suzanna zubereitet hatte. 

 

11. Mai

 

Die letzten Gemüsepflanzen wurden heute eigesetzt. Wenn ich lese, wie unsere Projektpartnerinnen im Süden jetzt auf ihre Subsistenz-Gärten angewiesen sind, um in Zeiten von Corona zu überleben, ist es fast schon wieder ein Luxus, sich dem Garteln zu widmen, denn wenn es nichts wird, werden die Dinge halt dann im Supermarkt gekauft.

 

Es stimmt mich traurig, dass sich die Künstlerinnen und Künstler von der Regierung so allein gelassen fühlen. Ist es zwar eine erfreuliche Aussicht ohne Touristen-Massen ins Museum gehen zu können und den Abstand zu halten, den man dort immer schon gerne gehabt hätte, aber für alle künstlerischen Gemeinschaftserlebnisse ist die Situation eine Katastrophe. Ich habe bei einer Übertragung aus dem Konzerthaus wehmütig auf die Plätze geschaut, die wir dort seit Jahrzehnten belegen, denn ich bin mir nicht sicher, ob wir je wieder dort sitzen werden. Zum Konzertbesuch gehörte immer auch ein gemütlicher Ausklang im Wirtshaus nebenan, das wird kaum mehr so werden, wie es immer war. Die Hilfen für die Wirte zeugen übrigens von einem eingeschränkten Verständnis für die Bedürfnisse der Betroffenen. Keine Steuern auf Sekt, weniger Steuern auf alkoholfreie Getränke, steuerliche Absetzbarkeit für Geschäftsessen, das sind alles Retro-Vergünstigungen für diverse Lobbys, aber nicht für die Wirte.

 

Die Katholische Frauenbewegung hat den Regierungsslogan „Miteinander-Füreinander“ ergänzt. „Frauen-Miteinander-Füreinander-Weltweit“ lautet die Solidaritätsaktion zur Unterstützung ihrer Partnerinnen in Asien, Afrika und Lateinamerika, die von der Krise existentiell betroffen sind. 

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

Einträge von 3.-6.5 sind hier, von 28.4 - 2.5 sind hier, von 23.4- 27.4 sind hier, von 18.4- 22.4 sind hier, von 14.4 - 17.4 sind hier, von 9.4-13.4 sind hier, von 5.4-8.4 sind hier, von 31.3 bis 4.4. sind hier, von 5.3. bis 26.3. hier und vom 27.-30.3. hier

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