Traude Novy

10. May 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 10. Teil

von Traude Novy am 10. May 2020, 19:40 Uhr

3. Mai

Vergeht die Zeit schneller, wenn ein Tag wie der andere abläuft, man zu Hause sitzt und die Nachrichten täglich abflachende Kurven der Aktivität von Covid-19 zeigen? Wenn keine Kulturveranstaltungen stattfinden und dem ORF kein wirklich tolles Krisenprogramm, außer den stündlich wiederholten Zahlen zur Pandemie einfällt?

Es muss so sein, denn es ist nunmehr zwei Monate her, seit ich begonnen habe, täglich Gedankensplitter zu notieren und mir erscheint es nach wie vor wie eine sehr kurze Zeitspanne, in der sich allerdings alles geändert hat.

 

Im Informationsbereich hat in dieser Zeit die große Stunde des ORF geschlagen, niemand muss sich dort mehr vor zerstörerischen Reformen fürchten. Er rapportiert brav die Regierungsverlautbarungen und hält uns ruhig und bei der Stange. Ich hätte es aber sehr spannend gefunden, wenn der öffentlich rechtliche Rundfunk die Gelegenheit genutzt hätte und statt der Hitler-Fixiertheit, die der „Kultursender“ ORF3 uns jeden Samstag offenbart, in seinem Archiv nach seinen wirklich einmaligen Eigenproduktionen gestöbert und uns diese gezeigt hätte. Welches Bewusstsein will man mit der oberflächlichen „Vergangenheitsschau“ wie Hitler und die Frauen, die Kinder, seine Vasallen und seine Opfer schaffen?

 

Gruselnostalgie? Oder will man nur das viele Archivmaterial, das es zu dem Thema gibt, ein wenig auslüften. Da gäbe es andere Möglichkeiten. Anlässlich der Erkenntnis, dass Ischgl zum Corona hotspot Europas wurde, wäre ein kritischer Blick auf den Tourismus, den schon vor Jahrzehnten die Piefke-Saga geworfen hat, spannend. Der Zustand der SPÖ lädt auch dazu ein, sich die Arbeiter-Saga noch einmal zu Gemüte zu führen. Zum derzeitigen Elend der Bauern wegen der ausgeschlossenen Erntehelfer, würde eine Wiederholung der Alpensaga passen. Das sind alles legendäre Zeitdokumente, die nie gezeigt werden. Warum? Gerade wenn wir uns überlegen, wie es nach diesem völligen Abschalten des öffentlichen Lebens weitergehen soll, was wir unbedingt wieder aufnehmen müssen, worauf wir vielleicht in Zukunft verzichten können und wie wir das „Miteinander-Füreinander“ auch weiterhin pflegen und gestalten, täte es gut, zu reflektieren was und warum so manches in unserer jüngeren Geschichte schiefgelaufen ist und gerade gerückt werden sollte.

 

4. Mai

Da Ramadan ist und ich Fawad nicht zusätzlich belasten möchte, habe ich nach langem wieder einmal Rasen gemäht. Hat gut getan, die „Früchte“ der Arbeit so schnell und deutlich zu sehen, das erlebt man ja bei der Care- und Beziehungsarbeit meist nicht so unmittelbar.

Gestern haben wir uns auf „Arte“ den Kultfilm meiner Jugend „Verdammt in alle Ewigkeit“ angeschaut. Hawaii in schwarz-weiß und auch alle Charaktere sehr holzschnittartig und steif gespielt. Es ist schon seltsam, manche alte Filme verlieren ihren Zauber nie, andere wiederum sind nur mehr als Zeitdokumente genießbar.

 

Im Promi-Lokal des engen Kurz-Freundes Martin Ho hat eine verbotene Party stattgefunden, bei der Polizei-Razzia wurden verschiedenste Drogen sichergestellt. Der Besitzer gab an, nichts davon gewusst und um diese Zeit (20 Uhr) schon geschlafen zu haben. Klingt doch ein wenig merkwürdig – Bei den Festen mit dem Kanzler und sonstiger Polit-Prominenz war er immer dabei und hellwach.

 

5. Mai

Schön langsam offenbaren sich da doch einige Dinge, bei denen Vorsicht geboten ist. Die enge Kanzler-Vertraute Antonella Mei-Pochtler gab in einem Interview in der Financial Times ungeniert zu, dass wir akzeptieren müssen, uns am Rande des demokratischen Modells zu befinden, weil in Zukunft alle eine „tracing-App“, haben werden. Da müssen wirklich alle Alarmglocken zu läuten beginnen. Bedenklich ist, dass diese Frau so etwas wie eine Zukunftswerkstatt der Regierung über den Umgang mit der Krise leitet. Diese Einrichtung nennt sich im Marketing Neusprech „Future Operations Clearing Board“. Die Ich-AG Sebastian Kurz hält sich also ein Management-Beratungsgremium abseits der Politischen Institutionen, da er die Republik sichtlich wie ein Unternehmen führen will. Ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass die Beratung darüber, wie es jetzt weitergehen soll, in den Händen von Leuten von Boston-Consulting und McKinsey liegt, ist es doch bereits jetzt so, dass das engste Team von Kanzler Kurz eben dort seine Ausbildung genossen hat. Dieses seltsame, unangenehme Tatsachen in unverbindlichem Sprachgeschwurbel verschleiernde und keine Verantwortung übernehmende Agieren von Beratungsfirmen halte ich schon immer für demokratiepolitisch gefährlich.

 

Blondinen bevorzugt – es fällt mir auf, dass Frau Mei-Pochlter nur eine der vielen langmähnigen Blondinen ist, die das Kabinett von Kanzler Kurz bevölkern – hat das was mit dem Selbstbild und Fremdbild von Frauen zu tun?

 

6. Mai

Gestern war Erinnerungstag an die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen. Nur der Bundespräsident legte einen Kranz nieder, sonst war der Platz menschenleer. Im Fernsehen sind jetzt überall die Horrorbilder des Kriegsendes. Und für mich wird es noch deutlicher, die Vergleiche mit 1945 und heute sind auch nur ansatzweise unzulässig. Für uns heutige wären die Jahre 1929 und 1930 als politische Reflexionsdaten viel interessanter. Denn da wurden die Weichen dafür gestellt, dass 1945 möglich wurde. Wir müssen sehr darauf achten, dass die sozialen Verwerfungen, die sich anbahnen, anders als damals, solidarisch gelöst werden. Es geht da vor allem um die Solidarität der Vermögenden mit jenen, die um ihre Existenz bangen müssen. Wenn ich höre, dass die deutsche Autoindustrie nicht auf Boni verzichten will, gleichzeitig aber vom Staat massive Unterstützung fordert, so ist das kein gutes Zeichen. Auch das kaltschnäuzige Auftreten des Lufthansa-Chefs, der ebenfalls massive Unterstützung von mehreren Staaten braucht, aber sich jede Einmischung verbietet, trägt nicht zu Vertrauensbildung bei. Im Jahr 2008, als Banken, Autoindustrie und viele Großbetriebe mittels Konjunkturpaketen massiv gestützt wurden, haben Organisationen der Erwachsenenbildung ein Konjunkturpaket für Demokratiebildung gefordert, wohl wissend, dass Krisenzeiten immer Zeiten für Demagogen sind, denen man was entgegensetzen muss. Das hat es natürlich nicht gegeben, wir sollten es dennoch jetzt wieder fordern.

 

Dass Pamela Rendi-Wagner die Abstimmung über ihre Person doch mit einem blauen Auge überstanden hat, sollte jetzt den Weg dafür frei machen, dass die SPÖ in ihre Rolle als soziales Korrektiv findet. Die Macho-Männer in dieser Partei lassen mich allerdings daran zweifeln.

 

Heute hat die neue Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung im Radio deutliche Worte dafür gefunden, dass wir achtsam sein müssen, damit die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern, die sich durch home-office und home-schooling wieder verfestigt hat, nicht ein nachhaltiger backlash wird. Dazu braucht es dringend einen ökonomischen Blick auf die bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit, dankbares Klatschen ist zu wenig, nötig wäre eine Umverteilung dieser Arbeit und der Einkommen zwischen Frauen und Männern.  Und es braucht auch eine Arbeitszeitverkürzung, damit sowohl Frauen als auch Männer sich um die Grundversorgung in den Familien und in der Gesellschaft kümmern können. Wenn Herr Doskocil das ablehnt, dann hat er keine Ahnung von gesellschaftlichen Zusammenhängen und steht für eine reine Männerpolitik mit Almosen für pflegende Frauen.

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

Einträge von 28.4 - 2.5 sind hier, von 23.4- 27.4 sind hier, von 18.4- 22.4 sind hier, von 14.4 - 17.4 sind hier, von 9.4-13.4 sind hier, von 5.4-8.4 sind hier, von 31.3 bis 4.4. sind hier, von 5.3. bis 26.3. hier und vom 27.-30.3. hier

 

 

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