Traude Novy

28. Apr 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 8. Teil

von Traude Novy am 28. April 2020, 10:46 Uhr

23. April

 

Jetzt ist unser Garten wieder ganz von den hohen Bäumen ringsum grün eingerahmt. Auch die große Blutbuche des Nachbarn, die im Sommer immer ein wenig dunkel und melancholisch wirkt, hat wunderschön rote Frühlingsblätter. Wir könnten uns wie in Dornröschens verwunschenem Schloss fühlen, gäbe es da nicht Zeitungen, Computer, Radio und Fernsehen als Tor zur Welt. Und das was uns da erreicht, ist manchmal sehr beunruhigend.

Ein Beitrag von Arundhati Roy in der „Zeit“ über die Zustände in Indien und den menschenverachtenden Umgang von Regierungschef Modi mit den Wanderarbeitern, die in ihre Dörfer zurückmüssen, ist erschütternd. Sie dürfen die  Grenzen zwischen den Bundesstaaten nicht passieren und wären dem Hungertod ausgeliefert, wenn nicht vor Ort Hilfe organisiert würde. Die kfb ist dabei, ihren indischen Projektpartnerinnen zu ermöglichen, dass sie Projektgelder zur Soforthilfe verwenden können. Es gibt ja an der Kirche oft sehr viel zu kritisieren, aber in Zeiten wie diesen zeigt es sich, wie wertvoll ein weltumspannendes humanitäres Netzwerk ist. Wir bekommen Nachrichten von vielen unserer Projektpartnerinnen über die Situation in ihren Ländern. Auch Oikocredit hat sich gemeldet und über die Unterstützungsmaßnahmen vor Ort berichtet.

 

Bei uns rücken Wirtschaftsforschende schön langsam mit der Botschaft heraus, dass wir ganz schwierigen Zeiten entgegen gehen. Vor 75 Jahren haben wir es geschafft, aus tatsächlichen Ruinen miteinander Zukunft zu gestalten und ich fürchte, dass es derzeit wenig Bereitschaft zu einem echten Neubeginn gibt, dazu scheint mir unsere Gesellschaft zu individualistisch und selbstbezogen zu sein. Ich denke die ganze Zeit darüber nach, wie es jetzt gelingen kann, solidarisch mit den am schwersten Getroffenen zu sein und unseren enormen gesellschaftlichen Reichtum gerecht zu teilen. Dazu wäre ein Zeichen der Herren Mateschitz, Benko, Graf usw., das mehr sein müsste, als ein Marketing-Gag, hilfreich. Herr Graf von Novomatic hat übrigens in den letzten Jahren angeblich Millionen aus seinem Privatvermögen an seine führenden Mitarbeiter und deren Frauen und an ihm sonst Nahestehende verschenkt. Kann eine großzügige Geste sein. Leute zu beschenken, die es ganz sicher nicht brauchen, riecht aber doch ein wenig trickreich und nicht ganz seriös.

 

24. April

 

Heute ist Suzanna gekommen, unsere slowakische Betreuerin. Wird für uns alle nicht einfach, mit der neuen Situation fertig zu werden. Aber ich habe in den letzten Tagen gemerkt, dass mit der Aussicht auf Hilfe meine Belastbarkeit nachgelassen hat. Der Schutzwall des „das geht eben nicht anders und muss jetzt sein“ hat zu bröckeln begonnen. Für meinen Mann ist es vielleicht auch gut, wenn seine Ehefrau nicht nur mehr Krankenschwester ist.

 

Wieder ein strahlend blauer Sommerhimmel, den ich genieße, der mir aber auch Angst macht. Da irritiert mich die Ansage des Vorarlberger Landeshauptmann besonders, dass wegen der Corona-Krise das Regierungsprogramm aufgeschnürt werden müsste. Er denkt dabei aber nicht an die Rücknahme der Körperschaftssteuersenkung, sondern an Streichung von Umweltvorhaben. Wie ist es möglich, dass Verantwortung tragende Menschen nicht bereit sind zu akzeptieren, dass die Klimakrise noch viel schwieriger zu bewältigen sein wird, als die derzeitige, wenn wir nicht noch versuchen umzusteuern, nie war die Gelegenheit dazu größer als jetzt.

 

Ein Bericht über die AUA hat mich darüber aufgeklärt, dass die vielgerühmten „rot-weiß-roten Heckflossen“ die meiste Zeit ihrer Existenz steuergeldgenährte Vögel waren. Wenn jetzt wieder Geld flüssig gemacht werden soll, dann hoffentlich nicht ohne ordentliche Bedingungen – die Lufthansa hat ihren Teil ja schon mal bekommen. Die Lauda-Motion erpresst derweil ihre MitarbeiterInnen – wer erinnert sich noch daran, dass Niki Lauda hochgerühmt wurde, als er diese Fluglinie kaufte. Ist es pietätlos zu sagen, dass er mit dem Verkauf an Ryan-Air ordentlich viel Geld eingestreift hat und er mit dem Deal um Lauda-Motion niemandem außer seinen Erben etwas Gutes getan hat?

 

Der Primar der Zamser Klinik, in der die meisten Paznauntal-Erkrankten behandelt werden, berichtete, dass die sehr betagten Ordensfrauen, die neben dem Spital wohnen, fast zur Hälfte am Virus erkrankt sind, aber keine verstorben ist. Er meinte dazu, dass viel Aktivität im Alter wahrscheinlich hilfreich bei der Überwindung von Krankheiten ist.

 

25. April

 

Wieder ein Tratsch auf Distanz nach der Wochenendeinkauf-Lieferung. So lerne ich noch auf meine alten Tage planvoll einzukaufen und einen Speiseplan für die kommende Woche zu erstellen – das behindert allerdings auch eine gewisse Kreativität. Da meine Kinder Mitglieder einer Bauerngenossenschaft sind, bekomme ich derzeit aber als Draufgabe auch einiges an frischen Kräutern.

 

Die republikanischen USA Präsidenten waren ja in den letzten Jahrzehnten alle keine intellektuellen Lichtgestalten, aber so gemeingefährlich dumm und bösartig wie Trump, waren sie ja doch nicht. Seine Empfehlung, sich Desinfektionsmittel zu injizieren wird in die Geschichte eingehen – aber das ist ja eh sein Ziel. Wenn eine Partei wie die Republikaner derart in der Geiselhaft der Konzern- und Kapitallobbys ist, kann man eigentlich nicht mehr von einer Demokratie sprechen. Und wenn Bildung, Medien, Gesundheitswesen, Altersvorsorge, also alle relevanten Lebensbereiche nur mehr Kapitalinteressen gehorchen, können auch noch so viele widerständige Kulturschaffende nichts ausrichten.

Ganz anders da Angela Merkel. Sie sprach am Donnerstag von einer „Demokratischen Zumutung“ durch das Virus und um den derzeitigen Verlust unserer existentiellen Freiheitsrechte. Solche Töne würde ich gerne auch in Österreich hören.

 

26. April

 

Der 7. Sonntag in Corona-Quarantäne. Wir als Risikogruppe, derentwegen ja all die Maßnahmen vorwiegend durchgeführt werden, müssen uns daran gewöhnen, dass noch viele weitere folgen werden. Dennoch ich träume davon, wenn die Museen wieder aufsperren und keine Touristenschwärme über sie herfallen, genüsslich und langsam, und natürlich auf Abstand,  durch die sonst überfüllten Räume gehen zu können. Eine Freundin, die im 1. Bezirk wohnt, hat mir erzählt, wie sie am Beginn des Shutdown abends über die menschenleeren Wiener Plätze gegangen ist und die Stadt wieder neu lieben gelernt hat. Den Fiakern am Stephansplatz konnte ich nie viel abgewinnen, da mir die Tiere ein wenig leid getan haben und ich schon allein die Menge an Fahrzeugen hypertroph gefunden habe. Aber wenn sie jetzt ganz verschwinden sollten, fände ich es auch wieder traurig.

 

Am Abend wird „im Zentrum“ über Kultur diskutiert und da bei uns die Verwobenheit mit dem Tourismus besonders stark ist, natürlich auch darüber, wie es mit beiden weitergehen soll. Es ist gut zu hören, dass renommierte Kulturschaffende für jene in ihrer Branche eintreten, die wegen ihrer normalerweise schon prekären Arbeitsbedingungen nun vor dem totalen Nichts stehen. Die „Vulnerabilität“ dieser Lebensform zeigt sich in der Krise besonders deutlich. Mehr Sicherheit für alle täte in diesem Bereich auch zu Normalzeiten gut. Spannend fand ich es, dass darauf verwiesen wurde, dass das Publikum der Salzburger Festspiele großteils aus Personen der „Risikogruppe 65+“ besteht. Wer von denen soll da Lust haben, unter Bedingungen von „Abstand halten“, Gesichtsmasken, keine Pause und keine große Promiauffahrt, ein reduziertes Kulturprogramm mit Gefährdungspotential zu genießen? Kulturgenuss ist für die meisten immer mehr, als nur einem Konzert oder einer Theateraufführung beizuwohnen, da gehört das Drumherum unbedingt dazu. Aber Kulturschaffende haben auch eine enorme Kreativität, die nicht nur auf die unmittelbaren Aufführungen beschränkt ist, das erleben wir ja von den Fensterkonzerten angefangen, ständig. Ich bin gespannt, was wir da heuer noch zu sehen und zu hören bekommen.

 

27. April  

 

Heute wäre normalerweise großer Festtag. 75 Jahre seit der Staatsgründung 1945. Dass es dem ziemlich raffinierten Karl Renner gelang, sich Stalin als neuer Regierungschef anzudienen, obwohl er 1938 den Anschluss an Hitlerdeutschland begrüßt hatte, ist schon ein „diplomatisches“ Meisterwerk. Aber ich denke, wir verdanken dieser ambivalenten Persönlichkeit dennoch viel. Schockierend ist allerdings die Tatsache, dass in Oberösterreich noch an diesem 27. April Gauleiter Eigruber den Befehl gab, die in den Lagern festgehaltenen politischen Gefangenen zu ermorden, damit es niemanden geben sollte, der nach der Niederlage für linke Mehrheiten sorgen könnte.

 

Sebastian Kurz’s Festansprache bot nicht wirklich Überraschendes. Ich halte leider seine Körpersprache mit den gefalteten Händen, die sich alle paar Sekunden in einer eintrainierten Form segnend öffnen, schwer aus. Dass er sich nur an die Österreicherinnen und Österreicher wendet und nicht wie die anderen Ministerinnen und Minister den Zusatz „und alle, die in unserem Land leben“ hinzufügt, ist sicher nicht zufällig. Dass aber ein junger Mensch absichtlich oder nicht, nie die weibliche Form benutzt, wenn er über die Menschen in diesem Land spricht, finde ich empörend. Er sprach doch tatsächlich von den „Mitarbeitern“ in den Supermärkten – weiß er nicht, dass die meisten von ihnen Frauen sind?

 

Suzanna, die jetzt meinen Mann betreut und mit uns lebt unterscheidet sich ganz grundsätzlich von den beiden Männern, mit denen wir schon einmal einen Versuch zur 24-Stunden-Betreuung machten. Während die beiden den ganzen Tag damit verbrachten, an der Seite meines Mannes zu sitzen und darauf zu warten, bis er etwas brauchte und es ablehnten, des Nachts manchmal mehrmals für ihn aufzustehen, weil das nicht zu ihrem Arbeitsauftrag gehöre, sieht Suzanna sofort, wenn es etwas zu tun gibt und fühlt sich sichtlich gar nicht wohl, wenn sie mal länger nur mit meinem Mann in der Sonne sitzen sollte. Ich will ja nicht in Klischees verfallen, aber augenfällig ist der Unterschied schon.

 

Der Chef der Lehrergewerkschaft wehrt sich mit rüden Worten gegen den Vorschlag des Ministers, dass Lehrerinnen und Lehrer an den kommenden Fenstertagen unterrichten sollten. Ich bin immer eine vehemente Verteidigerinnen der Lehrkräfte, weil ich weiß, welch fordernde Arbeit sie leisten, aber ich finde es extrem egoistisch und dumm, in einer Situation, wo viele ihren Job verloren haben und kleine Selbständige vor dem Nichts stehen, wenn eine sozial abgesicherte und damit derzeit extrem privilegierte Gruppe nicht bereit ist, ein wenig zurückzustecken. Soviel ich höre, sind aber die meisten Lehrkräfte eh nicht der Meinung ihres Gewerkschafters.

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

Einträge von 18.4- 22.4 sind hier, von 14.4 - 17.4 sind hier, von 9.4-13.4 sind hier, von 5.4-8.4 sind hier, von 31.3 bis 4.4. sind hier, von 5.3. bis 26.3. hier und vom 27.-30.3. hier

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