Traude Novy

18. Apr 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 6. Teil

von Traude Novy am 18. April 2020, 10:17 Uhr

14. April

 

Heute ist der erste Tag, wo kleine Geschäfte und auch Baumärkte wieder offen haben. Es ist wieder kalt geworden. Gott sei Dank hat es wenigstens auch ein bisschen geregnet. Ich habe einen Artikel für die kfb geschrieben und dabei festgestellt, dass all das, was ich vor einem Monat verfasst habe, seine Relevanz verloren hat. Meine damals provokante Feststellung, dass die Menschen, die in der Vorsorge- und Versorgungsarbeit tätig sind, die Voraussetzung dafür schaffen, damit alles andere funktionieren kann, ist zum Allgemeinwissen geworden. Die Einstellung dazu, wer systemrelevante Arbeit leistet und wer Leistungsträgerinnen sind, wurde durch die Krise massiv vom Kopf auf die Beine gestellt. Eine OECD Studie hat übrigens festgestellt, dass in den systemrelevanten Berufen 75% Frauen beschäftigt sind – ist halt so, Männer regieren die Welt, aber Frauen tragen sie.

Die Lockerungen für die Benutzung des öffentlichen Raums sind nur möglich, weil jetzt alle Masken tragen müssen. Es ist schon eine verrückte Welt, bis vor Kurzem galt noch das Vermummungsverbot, nicht einmal ein Schal über das Gesicht war erlaubt und jetzt haben wir das „Vermummungsgebot“, ohne Vermummung darf niemand auf die Straße. Ich bin schon gespannt, wie die „neue Normalität“ ausschauen wird, von der Kurz spricht.

 

Unsere Tochter ist für zwei Tage zu uns gezogen, um sich ein Bild zu machen, wie wir die Hilfestellungen für meinen Mann fachgerechter machen können, damit es noch eine Weile ohne auswärtige Unterstützung gehen kann. Ihre Schutzkleidung ist ein schwarzer Müllsack, medizinische Maske hat sie sowieso für ihren Job als Osteopathin. Den Job kann sie allerdings derzeit nicht ausüben – das geht nicht bei „social distancing“. Viele ihrer Patientinnen brauchen aber dringend Behandlung. Sie versucht es notdürftig über Videoberatung. Ich habe im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder angerufen, weil ich dort monatlich gegen meine Makuladegeneration eine Spritze bekommen muss. Das alles ist jetzt abgesagt, trotz der Gefahr des Erblindens vieler älterer Menschen. Schön langsam treten die Kollateralschäden des shut-down deutlich in Erscheinung.

 

Ich hoffe, es wird nicht als Sakrileg gesehen, aber wenn ich täglich Sebastian Kurz mit seiner salbungsvollen Sprache und seiner priesterlichen Haltung sehe, fällt mir eine Spottlitanei ein, die wir gerne auf bunten Abenden am Schikurs gesungen haben:

Oh du hei, oh du hei, oh du hei oh du hei, oh du heiliger Sebastian,

oh du stroh, oh du stroh, oh du stroh, oh du stroh, oh du strotzest voll der Gnaden

oh du hei, oh du stroh, oh du hei, oh du stroh, oh du strotzest voll der Gnaden

 

 

Es scheint mir nämlich so zu sein, dass er schön langsam in Sphären entrückt, die ein wenig an „Gottesgnadentum“ erinnern. Schulkinder wurden von Radio Wien aufgefordert, ein Bild vom Kanzler zu zeichnen und er selbst hält sich zunehmend für unfehlbar. Mehr als diese Haltung beunruhigt es mich, dass eine große Mehrheit in unserem Land das super findet. Dennoch regt sich langsam Kritik, und das ist gut so.

 

 

15. April

 

Männer im Baumarkt  waren gestern das Thema des Tages. Aber das sind die Orte, wo all das gekauft werden kann, was man dazu braucht, um sich den Hausarrest einfacher und abwechslungsreicher zu gestalten. Den Haushalt wieder ein wenig upzudaten und am Balkon, Fensterbrett und für Privilegierte auch im Garten zu säen und zu pflanzen, als wäre das ein Frühling wie jeder andere auch.

 

Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Wirtschaftsleistung bei uns in diesem Jahr um 7 % sinken wird. Da wird genau hinzuschauen sein, wie das alles wieder in die Gänge kommt, oder vielleicht brauchen wir einiges, was da geplant ist, gar nicht mehr? Die 3. Schwechater Piste z.B.?

 

Meine Tochter, mein Mann und ich haben trainiert, wie wir es am besten schaffen, aus dem Bett zu kommen, die wichtigsten Verrichtungen zu vollbringen usw. Wir kommen an unsere Grenzen und denken, dass die Zeit gekommen ist, sich Hilfe zu holen, das wird in Zeiten wie diesen nicht einfach.

 

Am Abend im Deutschen Fernsehen ein Film, der die dramatischen Monate des Jahres 2015 in Deutschland nachzeichnet. Ich denke, dass niemand Angela Merkel darum beneidete, was sie da zu entscheiden hatte und es zeigt auch auf, wie verantwortungslos die Männer aller Parteien damals agierten. Statt sie zu unterstützen, kochte jeder sein eigenes Machtsüppchen. Es hätte alles auch anders gehen können, wenn das Interesse der Bürgerinnen und Bürger und nicht die Ausweitung der eigenen Machtsphäre im Zentrum gestanden wären. Der verantwortungslos geschürte Hass gegenüber den Flüchtlingen in vielen deutschen Städten erscheint im Nachhinein so irrational, wenn man bedenkt, dass kaum jemand in Europa persönliche Nachteile durch die Aufnahme der Geflüchteten hatte. Wenn man sieht, wie derzeit kaum jemand von den Folgen der Pandemie verschont bleibt und wir alle versuchen, damit zurecht zu kommen, klingt das „Wir schaffen das“ von Angela Merkel aus 2015 als eine leicht zu erfüllende Aufgabe.

 

Umso schändlicher ist es, dass Europa derzeit nicht bereit ist, die Flüchtlingstragödien in Griechenland zu entschärfen. Dass Flüchtlingsboote an Europas Küsten abgewiesen werden, wird einst als Verrat der sogenannten europäischen Werte und als zivilisatorischer Tiefstand gebrandmarkt werden.

 

 

16. April

 

Schön, dass Golfplätze wieder geöffnet werden, das wird viele Mütter und Väter in häuslicher Enge entlasten.  Nach vier Wochen hat die Gemeinde Wien sich dazu entschlossen, jenen Kindern, die keinen Computer zu Hause haben, einen zur Verfügung zu stellen. Ist zwar reichlich spät, aber da Schulen, zum Unterschied zu Golfplätzen eben nicht geöffnet werden, doch sehr sinnvoll. Auch der Bund stellt für Bundesschulen nun Computer zur Verfügung.

Langsam regt sich Widerstand gegen die massiven Einschränkungen, die teilweise die Verfassung ziemlich strapazieren. Den Stolz darüber, dass immer weniger Menschen infiziert werden, kann ich nicht ganz teilen. Das Virus lebt und wird aktiv, wenn wir das Leben normalisieren, und es nicht zu normalisieren, wird unabsehbare soziale, gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen haben. Ich wüsste so gerne, welchen Plan unsere Regierung hat. Sie wird ja nicht uns Alte einsperren wollen, bis ein Impfstoff gefunden wurde. Alles andere setzt uns der Gefahr aus, uns anzustecken, das muss man deutlich sagen. Aber Leben ist immer lebensgefährlich und für alte Menschen allemal. In Zeiten des Klimawandels die Wiener Bäder geschlossen zu halten, erscheint mir grausam. Ich glaube, dass uns die Regierung zunehmend als selbstverantwortliche Bürgerinnen und Bürger behandeln muss und nicht als brave folgsame Kinder, die ihre Befehle unter Strafandrohung befolgen. Regeln der Hygiene, körperliche Distanz, all das haben viele vor dem Ausbruch der Krise oft nicht befolgt, warum auch? Man sagte uns doch immer, dass ein wenig Schmutz uns vor Allergien schützen würde. Jetzt hat unsere Bussi, Bussi Gesellschaft halt für’s erste mal ausgedient, wir müssen Abstand voneinander halten, aber wir müssen wieder ein soziales Leben führen. Besonders Eltern, Kinder und alte, psychisch und physisch eingeschränkte Menschen muss man aus ihren Gefängnissen befreien.

 

 

17. April

 

Wir lassen uns jetzt wieder auf den Versuch mit 24Stunden-Betreuung ein – es geht nicht anders.  In einem Haus mit einem fremden Menschen zu leben, ohne wirkliche Außenkontakte, das wird schon eine Herausforderung.

 

Aus Honduras kommt der Bericht einer Mitarbeiterin der Kooperative, die uns mit dem Adelante-Kaffee beliefert. Sie war anlässlich der Einführung dieses von einer Frauenkooperative produzierten Kaffees in Österreich und wir waren von ihr sehr beeindruckt. Angesichts dessen, womit die Menschen in ihrem Lande in Zeiten von Covid-19 zu kämpfen haben, sind unsere Probleme läppisch. Eine afrikanische NGO schreibt: social distancing ist etwas für Reiche, in Armensiedlungen, bei Straßenverkäuferinnen, in Flüchtlingslagern ist es unmöglich Distanz zu halten. Wenn es nicht genug Wasser und zu wenig Seife gibt, können die grundsätzlichen Regeln zur Abwendung einer Infektion mit dem Corona-Virus nicht eingehalten werden. Dennoch sind die afrikanischen Staaten besser als wir daran gewöhnt, mit Epidemien zu leben – oder zu sterben. Wenn ich die Anordnungen des Indischen Regierungschefs bezüglich der Ausgangssperren höre,  denke ich, dass dieser Mann nicht weiß, welches Land er regiert, oder es sind ihm ca. 50% der Bevölkerung, die vorwiegend auf den Straßen leben, weil sie kein oder nur ein behelfsmäßiges Zuhause haben, völlig gleichgültig. Die Armen überall auf der Welt zahlen die Zeche dafür, dass die reisefreudigen Reichen dieser Welt das Virus in die entferntesten Winkel getragen haben.

 

Ein wenig beunruhigt es mich, dass unsere Regierung auf technische Lösungen sozialer Probleme setzt. Die sogenannte Rotkreuz-App ist sichtlich ein totaler Flop, weil sie in keiner Weise lösen kann, was sie verspricht. Distanzhalten und Händewaschen sind jedenfalls probatere Mittel, sich nicht anzustecken. Die überzogenen Forderungen nach völliger Isolierung halte ich ebenfalls für kontraproduktiv, weil sie zunehmend Widerstand erzeugt. Ich sehe die Gefahr, dass uns die digitalisierungsgläubige Gruppe rund um Kurz zur Ermöglichung einer „neue Normalität“ an die großen Internetkonzerne ausliefert. 

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

Einträge von 9.4-13.4 sind hier, von 5.4-8.4 sind hier, von 31.3 bis 4.4. sind hier, von 5.3. bis 26.3. hier und vom 27.-30.3. hier

 

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