Traude Novy

14. Apr 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 5. Teil

von Traude Novy am 14. April 2020, 12:47 Uhr

9. April

 

Gründonnerstag – ein wunderschöner sonniger Tag. Aber dennoch, die Trockenheit ist beängstigend. Den Wühlmäusen gefällt das sichtlich – die Hortensien bekommen auf einmal ganz dürre Blätter und beim Nachschauen merke ich, dass da Wühlmäuse kräftig umgeackert haben. Das macht mich ziemlich wütend, obwohl natürlich Wühlmäuse auch das Recht auf Nahrungssuche haben sollen.

Meine Enkeltochter wird also nur eine schriftliche Matura machen, ihr ist das ziemlich egal. Sie macht ja jetzt mit Eltern, Schwester, Austauschschwester und gestrandetem amerikanischen Freund zu Hause eine Reifeprüfung, die, wenn alle sie bestehen, viel wichtiger ist als eine mündliche Matura.

 

Werner Kogler bringt Vermögenssteuern ins Spiel und wird von Kurz sofort abgeschmettert. Da wird es, wenn sich das Virus zurückziehen sollte und seine Spuren deutlich sichtbar werden, einiges an Verteilungskämpfen geben. Es ist mir unbegreiflich, wie man angesichts der Tatsache, dass jetzt tausende Menschen ihre Existenzgrundlage verloren haben und vor dem wirtschaftlichen Nichts stehen, die Frage, ob nicht die in den letzten Jahrzehnten so reich gewordenen obersten 10 % der Bevölkerung einen höheren Beitrag leisten sollten, unreflektiert ablehnen kann. Ich finde die Forderung von attac, einen Lastenausgleich vor allem von MilliardärInnen, aber auch von den VielfachmillionärInnen zu fordern, sehr sinnvoll. Diese Forderung wird von so prominenten WirtschaftswissenschaftlerInnen wie Kurt Bayer, Luise Gubitzer, Maximilian Kasy, Walter Ötsch und anderen unterstützt. Andere WissenschaftlerInnen wiederum haben ein Manifest zur Fundamentalökonomie für die Zeit nach der Pandemie verfasst. Ich denke, es ist wichtig schon jetzt die Weichen dafür zu stellen, wie es weitergehen soll. Dazu braucht es eine breite Unterstützung durch die Bevölkerung für eine solidarische Gesellschaft. Es muss auch den verstocktesten Neoliberalen klar werden, dass die Mehrzahl der Menschen in unserem Land eine Wirtschaftspolitik will, die niemanden zurücklässt.  Der Wirtschaftswissenschaftler der Zwischenkriegszeit Karl Polanyi vertrat die Theorie, dass es in Krisenzeiten zwei Wege gibt, um herauszukommen, den demokratischen oder den autoritären. In den 30er Jahren wurde in Europa der autoritäre Weg gewählt, wir müssen achtsam sein, damit wir diesen Irrweg nicht widerholen.

 

Die Gründonnerstagsliturgie geht mir ab. Es tut mir immer gut mitzuerleben, wie da alle Facetten des menschlichen Daseins abgebildet werden. Liebe und Verrat, gemeinsames Feiern im Angesicht des Endes, Füße waschen als Symbol für das einander Gutes tun, Verlassen sein und Todesangst. Die Worte Jesu „tut dies zu meinem Gedächtnis“ sind für mich die zentrale christliche Botschaft. Die Haltung des Teilens von Brot als dem Lebensnotwendigen und Wein als dem Symbol von Lebensfreude und Lebenslust, sind die Grundlage für ein gutes Leben für alle. Das kann allerdings den Mächtigen auch gefährlich werden, dafür steht der Tod Jesu. Aber wir Christinnen und Christen stehen alle in dieser Nachfolge.

 

10. April

 

Karfreitag. Unser Sohn bringt uns Medikamente und Bargeld – für alle Fälle. Er sitzt fünf Meter von uns entfernt im Garten und wir plaudern. Unsere Ausgangssperre ist auszuhalten, obwohl ich mich immer öfter frage, wie es weitergehen wird. Die Verbreitung des Virus wurde in Österreich durch alle Maßnahmen der Regierung massiv verhindert, aber gerade deswegen wird es noch sehr lange dauern, bis viele Menschen dagegen immun sind und die Ansteckungsgefahr deutlich sinkt. Müssen wir Alte uns darauf einstellen, dass wir nicht mehr am kulturellen Leben teilnehmen, dass wir unsere wenigen verbliebenen Freunde nicht mehr sehen sollen, dass unsere Hilfen im Haushalt und bei der Pflege eine gesundheitliche Gefahr für uns darstellen? Oder werden wir eben in Zukunft verstärkt mit der Endlichkeit unseres Lebens umgehen lernen? Ich muss häufig an jene Menschen denken, die während der Nazizeit versteckt in irgendwelchen Löchern hausen mussten, immer die Angst vor Augen entdeckt zu werden und nicht wissend, wie lange der Schrecken dauern würde. Mit diesen Schicksalen ist unsere derzeitige Situation in keiner Weise vergleichbar.

 

Zum ersten Mal in meinem Leben backe ich einen Kärntner Reindling, in Solidarität mit den Kärntnern und Kärntnerinnen, die unsere Familie bereichern. Mein Sohn hat dafür das neben Klopapier begehrteste Produkt, nämlich Germ, bei seinem türkischen Händler bekommen. Zumindest äußerlich ist der Reindling gut gelungen. Wie er schmeckt, werden wir erst am Ostersonntag feststellen.

 

Ich habe gelesen, dass Deutschland tausende Erntehelfer zum Spargelstechen einfliegen möchte. Sie werden auch 50 unbegleitete Jugendliche aus einem griechischen Flüchtlingslager nach Deutschland holen – man soll die Zahlen nicht in Relation stellen, aber ein wenig sagt es doch über die Wertigkeiten in unserer Gesellschaft aus. Österreich weigert sich nach wie vor, Flüchtlinge aufzunehmen, obwohl derzeit soviele Beherbergungsbetriebe leerstehen. Angesichts der Notsituation in den Lagern und der Gefährdung, dass auch dort Covid 19 ausbricht, finde ich das mehr als schändlich.

 

Karfreitagsliturgie im leeren Dom. Ich tue mir immer schwer mit der Kreuzverehrung, weil sie in meinen Augen gefährdet ist, einer primitiven Opfertheologie Vorschub zu leisten. In meinen Augen geht es beim Gedenken an Jesu Tod vor allem darum, uns zu vergegenwärtigen, welche Konsequenzen es haben kann, den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten und sie herauszufordern. Sich selber bis zuletzt treu zu bleiben, das ist für mich die Karfreitagsbotschaft. Die Leidensgeschichte Jesu ist auch ein Zeugnis für die Manipulierbarkeit von Menschen, für Verrat, aber auch für verlässlicher Treue. Seit Jesu sind viele diesen Weg gegangen, ich denke an Martin Luther King, aber auch an so widersprüchliche Menschen wie Rosa Luxemburg.

 

11. April

 

Karsamstag. Ich habe meine Einkaufsliste gemailt und warte, bis meine Kinder die Lieferung bringen. Im Garten weit weg von unserer Terrasse habe ich ein Tischchen mit Sesseln aufgestellt, damit sie sich dort hinsetzen können und wir uns ein bisschen unterhalten und auf Ostern anstoßen können. Einander nicht in die Nähe zu kommen, ist gar nicht so einfach. Aber ich stelle Essen und Trinken auf die Stiegen und ziehe mich wieder zurück und sie holen es sich dann. Wir tauschen Ostereier und gebackene Osterlämmer gegen einen meiner zwei Reindlinge aus. Diese Essensgerüche ziehen allerdings auch andere Gäste an und ich merke, dass einige Mäuse auf unserer Terrasse Kirtag feiern. Sie haben sich sichtlich in unserem Brennholzstoß ihr zu Hause eingerichtet. Ich fürchte, da muss ich was dagegen tun.

 

Die Osternacht allein zu feiern, sind mein Mann und ich nun schon seit Jahren gewohnt. Auch dass wir uns die Osternachtsfeier aus dem Dom im Radio anhören, hat schon Tradition. Heuer also Fernsehen aus dem menschenleeren Dom. Ich liebe die Osterliturgie, obwohl ich es nach wie vor unmöglich finde, die Befreiung Israels in Verbindung mit der Vernichtung der Ägypter als Gottes Willen unkommentiert zu lesen. Danach allerdings wird schon seit vielen Jahren das Miriam-Lied von Claudia Mitscha-Eibl gesungen und auch heuer wieder von einer wunderbaren Sängerin  mit Chello und Trommelbegleitung. Ob der Herr Kardinal weiß, wie schwer es die Katholische Kirche dieser feministischen Theologin und Musikerin gemacht hat?

Mein Mann und ich haben die Lieder soweit es ging, mitgesungen, er noch immer mit schöner Stimme und ich hab halt dazu gekrächzt. Bei der Kommunion haben wir mit dem köstlichen Wein von meinem Neffen angestoßen. 

 

Wenn ich ehrlich bin, so tun mir diese total stressfreien Tage derzeit ganz gut. Es schleicht sich nur eine gewisse Faulheit ein und ich denke, nach Ostern werde ich meine Zeit ein wenig strukturieren müssen.

 

12. April

 

Ostersonntag. Ich habe schlecht geschlafen und geträumt, unser Haus steht unter Wasser, weil ein Heizungsrohr geplatzt ist und es gab niemanden der mir hilft. Ich war so froh, als ich aufwachte und registrierte, dass das nur ein Traum war, aber ich war dennoch erschöpft. Vielleicht leichte Anzeichen von Lagerkoller, oder doch eher von zuviel Wein am Vortag?

Man kann ja viel über die digitalen Konzerne sagen und wahrscheinlich ließe sich diese Kommunikation auch anders organisieren, aber es ist doch schön, von überall her Osterwünsche, Fotos von Osterjausen, Videos mit den Enkelkindern, von Großneffen und Großnichten, Berichte von Freundinnen und Freunden zu bekommen und das Gefühl zu haben, wir sind durchaus nicht allein.

 

Fawad kam am Vormittag und er nutzte ebenfalls das kleine Arrangement mit Gartentisch und Sessel. Es wären die 5. Ostern, die wir miteinander feiern und ich denke daran, wie wir zum ersten mal mit ihm Ostereier gepeckt haben, er damals noch nicht sehr viel Deutsch konnte, wir uns aber sofort gut verstanden haben. Er hat dann die Pflanzen aus dem Wintergarten geholt und unseren Garten wieder in ein subtropisches Paradies verwandelt. Hoffentlich schlägt die Kälte nicht nochmal zu.

 

Mein Mann und ich sind beim Herumkramen in alten Fotos durch Zufall auf die Briefe aus dem Jahr 1947 aus Portugal gestoßen, die fein säuberlich in einer alten Schachtel aufbewahrt waren. Mein Mann war damals ein Jahr lang durch die Caritas bei einer Pflegefamilie in der Nähe von Lissabon untergebracht. Es waren rührende Briefe der Pflegemutter, meiner Schwiegermutter, ungelenke Kinderbriefe meines Mannes und Informationen von der Caritas Portugal. Die waren allerdings heftig. Sie erläuterten unter anderem die portugiesischen Osterbräuche. Der Pfarrer geht durch den Ort, bleibt bei allen Häusern stehen, segnet sie und die Kinder läuten mit ihren Glöckchen. Nur bei den Häusern der wenigen Ungläubigen geht er vorbei und betet stumm für deren Bekehrung – wenn sie vorbeigegangen sind, dürfen die Glocken wieder läuten. Welch eine bigotte Gesellschaft muss das Portugal der Salazar-Zeit gewesen sein. Aber dennoch, mein Mann war bei reizenden Menschen, er hat dort ein im Vergleich zum Nachkriegsösterreich paradiesisches Leben geführt und der Aufenthalt in Portugal hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet.

 

13. April

 

Ostermontag. Nach einer anstrengenden Nacht für meinen Mann und mich, sind wir beide erschöpft. Manchmal beschleicht mich die Angst, dass wir es nicht alleine schaffen, bis es wieder Unterstützung von Auswärts geben kann. Denn wir bräuchten geschulte Pflegerinnen und die sind derzeit mit anderem beschäftigt, oder gar nicht im Lande. Ab morgen werden Geschäfte aufsperren, aber die armen Kinder und Eltern sind noch immer eingesperrt.

 

Empörend finde ich es nach wie vor, dass erst morgen – es wird Schlechtwetter geben – die Bundesgärten öffnen. Die wunderschönen Ostertage waren die Tore fest verschlossen.

Ich lese einen Artikel über die schwierige Situation der Non-Profit-Organisationen. Die Zahlen dazu sind interessant. Eine Viertelmillion Menschen arbeitet hauptberuflich in diesem Bereich und noch einmal so viele sind dort ehrenamtlich tätig. Die NPOs erwirtschaften über 12 Milliarden, das ist fast so viel wie der gesamte Finanzsektor. Noch nicht eingerechnet sind da all jene sozial Tätigen z.B. in Pfarren, die nicht in Vereinen organisiert sind. Auf diese Menschen kommt es aber an, wenn es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt geht. Es arbeiten dort, wie auch in den Care-Berufen wesentlich mehr Frauen als Männer. Sie bilden einen großen Teil der Zivilgesellschaft, die dafür sorgen wird, ob wir in Zukunft einen solidarischen Weg gehen, oder ob die Krise den Hang zur Ellbogengesellschaft verstärkt.

 

Deshalb darf die Politik nicht vergessen, nicht nur Wirtschaftsbetrieben, sondern auch diesen Stützen der Gesellschaft unter die Arme zu greifen. Dazu kommt, dass viele dieser Organisationen auf Spenden angewiesen sind und ich fürchte, dass es auch da einen Rückgang geben wird.

 

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

Einträge von 5.4-8.4 sind hier, von 31.3 bis 4.4. sind hier, von 5.3. bis 26.3. hier und vom 27.-30.3. hier

      

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