Traude Novy

09. Apr 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 4. Teil

von Traude Novy am 09. April 2020, 20:18 Uhr

5. April 2020

 

Palmsonntag! Der in FS2 übertragene Gottesdienst aus dem leeren Stephansdom ist doch ein wenig gespenstisch, aber es steigen Erinnerungen an die –zig Palmweihen auf, die wir erlebt haben. Mal waren es strahlende Frühlingstage, mal wüste Schneetreiben in St. Wolfgang. Heuer will ich mich auf die biblischen Texte nicht wirklich einlassen, zu einfältig erscheint es mir, aktuelle Leidensgeschichten biblisch zu mythologisieren. Aber dass die uns von den Medien und der Werbung nahegelegte Spaßgesellschaft nicht die Lebensrealität der meisten Menschen auf dieser Erde ist, das galt auch schon vor dem Corona Virus.

Mit „Ernstfallgegenden“ wie das Doderer in der Strudlhofstiege nennt, haben wir alle unsere Erfahrungen, jetzt auch als Kollektiv und weltweit. Ob sich religiöse Menschen in solchen Zeiten leichter zurecht finden als andere? Ich denke, dass es Kraftquellen braucht, die uns auch in solchen Zeiten nähren und im weitesten Sinn heißt das „rückgebunden“ – also religiös sein.

 

Wie mir erzählt wurde, waren Krisenzeiten immer Zeiten der vollen Kirchen, denn wenn sich die Unverfügbarkeit über das eigene Leben deutlicher als sonst zeigt, suchen viele nach Halt in dem, was über uns hinausweist. Diesmal ist es anders – auch die Kirchen sind Opfer der uns aufgezwungenen Vereinzelung. Deshalb sind die Fernsehgeräte zu unseren Hausaltären geworden. Das meine ich durchaus nicht abwertend. Dieses Medium führt all die zusammen, die noch zusammen sein dürfen, es spendet Trost, animiert zur Aufmerksamkeit, verbindet uns mit all denen, denen wir derzeit nicht begegnen dürfen, indem wir uns danach über das Gesehene austauschen. Am Morgen können wir im Landschaftspanorama die von den Touristen befreiten Landschaften genießen. Menschen, die was zu sagen haben, bringen uns ihre spirituellen Erfahrungen näher und Physiotherapeutinnen und Sportlehrer sorgen dafür, dass unsere Gelenke nicht einrosten. Beim Zappen durch die Programme entdecken wir unerwartete Schätze. Was täten wir ohne Fernsehen und Radio? Sage mir niemand, das wäre nur oberflächliche Ablenkung vom Wesentlichen. Ganz im Gegenteil. Wir alle, die das Multitasking perfektioniert haben, lernen wieder bei einer Sache zu sein, das Fernsehen kann uns dazu helfen, unsere Wahrnehmung zu schärfen.

 

Natürlich ist das eine Luxussicht. Meine Nichte, die mit ihrer Familie auf Ibiza lebt, ist derzeit mit ihrem kleinen Sohn in Sichtweite des Strandes in ihrer Wohnung eingesperrt, da hilft dann auch das beste Ablenkungsprogramm nichts mehr, das ist nur mehr nervend. In Spanien dauert dieses Ausgehverbot noch drei Wochen – unvorstellbar zu welch sozialen Verwerfungen es da kommt. Noch dazu, wo die ganze Insel vom Tourismus lebt und es für fast alle in den nächsten Monaten sicher kein Einkommen gibt. Vom Luxushotspot bis zur totalen Armut ist es sichtlich ein kleiner Schritt.

 

6. April

 

Ich habe es mir zur Regel gemacht, nach dem Frühstück eine Runde im Garten zu machen und aufmerksam zu beobachten, welche Blüten aufgegangen waren, was unter der Trockenheit litt und gegossen werden muss, welche Knospen sich zeigen. Besonders verwundert hat es mich, dass der Fliederbusch, der seit 20 Jahren nie geblüht hat, plötzlich Blütenknospen zeigt. Ich schaffe es ja nie, sogenannte „nutzlose“ Pflanzen zu entfernen – ich gebe die Hoffnung nie auf, dass aus ihnen doch noch was werden könnte und meistens ist es auch so. Bei diesen Naturmeditationen kam mir in Erinnerung, dass wir als Kinder mal von der Deutsch-Lehrerin beauftragt wurden, einen Monat lang eine einzige Pflanze zu beobachten und das in ein „Tagebuch“ zu notieren. Ich habe mir einen Kastanienbaum im Augarten ausgesucht. Der Augarten war mein wunderbares wildes Kindheitsparadies und ich finde es von der Ministerin Köstinger ziemlich boshaft, ihn und die anderen Bundesgärten zu schließen. Gerade diese Gärten sind im dicht verbauten Gebiet, wo viele Menschen auf engem Raum in kleinen Wohnungen leben. Sie sind so weitläufig und die Gefahr sich dort anzustecken erscheint mir äußerst gering. Die Grünen winden sich und sagen, dass die kleinen Eingänge in diese Gärten ein Problem wären. Abgesehen davon, dass die Tore zumeist recht breit sind, habe ich noch nie gehört, dass die Eingänge zu den Supermärkten ein Problem wären und da gibt es sicher eine höhere Frequenz.

 

Was mich ein wenig traurig macht, ist dass die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien wahrscheinlich auf lange Zeit wenig genutzt werden und dass es sowas wie die Renaissance des Autos in der Großstadt gibt. Aber vielleicht gehen jetzt auch wieder mehr Menschen zu Fuß oder fahren mit dem Rad.

 

Das Virus hat viele positive Seiten in unserer Gesellschaft sichtbar gemacht, aber nicht nur. Es wächst auch die „Blockwartmentalität“, immer mehr Menschen melden von ihnen wahrgenommene kleinste „Vergehen“ gegen die herrschenden Regeln und manche Polizisten genießen auch das harsche Durchgreifen, das ihnen derzeit möglich ist. Auch die Empfehlung von Fremdenverkehrsorten, dass vor allem die Wiener Zweitwohnbesitzer zu Hause bleiben sollten, ist nicht wirklich gastfreundlich. Sollte man den dort Verantwortlichen sagen, dass nicht die Großstädte der „Sündenpfuhl“ sind, der das Virus im Land verbreitet hat, sondern eben gerade Tourismus-Hotspots mit exzessiven Angeboten für die „Gäste“, von denen man nicht genug kriegen konnte.

 

7. April

 

Die Sorge, wie es mit der Pflege alter und behinderter Menschen weitergehen soll, zeigt die „Vulnerabilität“ unseres Care-Systems. Es wurde jahrelang nur in Begriffen wie Effizienzsteigerung und Kostenreduktion gedacht. Jetzt zeigen sich die Versäumnisse der letzten Jahre. So viele Wissenschaftlerinnen und Praktikerinnen haben immer wieder ihre Expertise eingebracht, sie wurden aber kaum beachtet. Jetzt merken es schön langsam alle, dass unsere Lebensqualität in hohem Maße von der Qualität dieser Arbeit abhängt. Sorgearbeit braucht große soziale Kompetenz und diese Arbeit ist wertvoll, das muss sich auch in der Bezahlung zeigen. Aber auch für die unbezahlte Care-Arbeit, die wir alle, Frauen und Männer leisten, brauchen wir mehr Zeit. Die Krise wird viele Veränderungen bringen müssen, ganz sicher aber eine Arbeitszeitverkürzung und eine gerechtere Verteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit zwischen Frauen und Männern.

 

Eines wird übrigens bei der eben stattfindenden Neubewertung dessen, welche Arbeiten systemerhaltend und wer die wirklichen Leistungsträger in unserer Gesellschaft sind,  zumeist vergessen. Diese systemerhaltenden Leistungsträger sind in hohem Maße Migrantinnen der ersten und zweiten Generation.

 

Das große Vertrauen vor allem des Bundeskanzlers in technische Lösungen macht mir ein wenig Angst. Die sogenannte „Rotkreuz-App“, von der sogar überlegt wurde, sie verpflichtend zu machen, vergisst völlig auf jene Personen, die „digitale Migranten“ sind, also erst sehr spät, wie die meisten Menschen meiner Generation, in die digitale Welt eingewandert sind. Sie haben zumeist kein Smartphone, oft auch keinen Computer und können, auch wenn man Ihnen die Hardware zur Verfügung stellt, nur sehr beschränkt damit umgehen. Das gleiche gilt für Familien, wo Kinder keinen Laptop haben. Ihnen solche leihweise zur Verfügung zu stellen, ist gut gemeint, aber wer soll Ihnen helfen, damit zu arbeiten? Ihre Eltern können zumeist noch weniger damit umgehen als sie.

 

Boris Johnson ist auf die Intensivstation verlegt worden. Jetzt ist er selbst Opfer seiner Theorie der Durchseuchung geworden.

 

8. April

 

Gestern Abend schauten wir im Fernsehen einen Film über die Geschichte Afghanistans.  Schade, dass wir das nicht mit Fawad gemeinsam sehen konnten, weil es spannend gewesen wäre, seine Sicht zu hören. Afghanistan war also in den 60er Jahren das aufgeschlossenste Land im mittleren Osten. Der König brachte Reformen, vor allem für die Frauen, die keinen Schleier mehr trugen und auch studieren konnten. Kabul wurde zu einer modernen Stadt. Aber es wurde sichtlich auf viele Menschen vergessen. Vor allem auf die streng Religiösen und auf die arme Landbevölkerung. Die Spaltung der Gesellschaft in Kommunisten und Islamisten trug den Keim der späteren Konflikte in sich. Trockenheit und Missernten waren dann die Auslöser für Revolutionen. Die russische Invasion, die Förderung der Mudjaheddin durch die USA und der Sieg der Taliban und Frauen in Burkas wären für die Menschen in Afghanistan in den 60er Jahren ein unvorstellbares Zukunftsszenario gewesen. Ich denke, dass das auch für uns ein Warnsignal sein muss. Gespaltene Gesellschaften ermöglichen einen zivilisatorischen Rückschritt, der schneller geht, als man denkt.

 

Ich denke auch, dass wir achtsam sein müssen, dass die  Virus bedingte bedingte Demokratie light nicht zum Dauerzustand wird. Von Gewaltenteilung ist derzeit wenig zu spüren. Die Gesetzgebung, das Parlament, hat wenig Zeit, die sicher nötigen Maßnahmen zu diskutieren. Die Rechtssprechung ist im „Ruhemodus“, nur die Exekutive, die Regierung, ihre Berater und Beraterinnen, die Polizei und das Bundesheer haben das sagen. Das geht derzeit nicht anders, aber es muss wieder anders werden.

 

Übrigens gibt es einige Redewendungen, die ich sehr bedenklich finde. Alle sprechen vom „nationalen Schulterschluss“, wenn es darum geht, zu vermitteln, dass wir jetzt zusammenhalten müssen. Es denken sich die meisten sicher nichts dabei, aber mit Schulterschluss marschiert das Militär, ganz eng Schulter an Schulter gegen den Feind. Ist das das Bild, das wir vermitteln sollten? Eingeführt und eingefordert wurde dieser „nationale Schulterschluss“ übrigens im Jahr 2000 von Wolfgang Schüssel, als es darum ging, sich gegen die Sanktionen der EU wegen der Regierungsbeteiligung der FPÖ zu wehren.

 

Mir würde da die Ermunterung zur Internationalen Solidarität viel besser gefallen, denn dieses Virus ist eine internationale Bedrohung, die an Staatsgrenzen nicht halt macht. 

Meine Enkeltochter verbrachte das letzte Jahr als Austauschschülerin in Ecuador. Es war eine wunderschöne Zeit für sie. Jetzt leidet dieses Land mit seiner schwachen Infrastruktur enorm unter der Corona-Epidemie. Den jungen Studenten aus Ecuador, der im Austausch bei meiner Tochter wohnte, haben wir alle sehr lieb gewonnen. Bevor er wieder zurück nach Ecuador musste, ist er noch extra zu mir und meinem Mann herausgefahren, um sich von uns zu verabschieden. Er ist ein so liebenswürdiger und gebildeter Musiker und konnte sich mit Fawad intensiv über die tausende Jahre alte Kultur Afghanistans unterhalten – wir haben viel von ihm gelernt und es tut uns sehr weh, zu hören, wie er unter den Zuständen in seinem Land leidet.  

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

Einträge von 31.3 bis 4.4. sind hier, von 5.3. bis 26.3. hier und vom 27.-30.3. hier

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