Traude Novy

06. Apr 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 3. Teil

von Traude Novy am 06. April 2020, 13:56 Uhr

31. März

Wieder eine Woche ohne Barbara, die normalerweise für uns auf ein bisschen Ordnung schaut. Sie ist selber eine Risiko-Person, weil sie eine Krebserkrankung überstanden hat. Also ein wenig oberflächlich staubsaugen und wischen und darauf hoffen, dass es irgendwann wieder anders wird, bevor der Lurch überall hervorkriecht. Die Kälte draußen ist schon sehr irritierend, nicht dass es nicht Ende März öfters so kalte Tage gibt, aber dass die Natur schon so weit im Frühlingsmodus ist und deshalb manches eben erfroren und für heuer verloren ist, tut doch weh. Noch mehr beunruhigt mich die extreme Trockenheit. Die Frühlingsblumen kämpfen sich tapfer durch die hart vertrockneten Erdschichten.  Zum ersten Mal gieße ich um diese Jahreszeit

Mir geht zunehmend der Missbrauch des Wortes „sozial“ auf die Nerven. „Soziale Medien“ sind eben nichts anderes als digitale Medien und „soziale Distanz“ ist das, was wir derzeit am wenigsten brauchen. Es geht um „körperliche Distanz“.  Soziale Nähe brauchen wir zur Zeit mehr denn je.

 

Für Supermärkte sind nun Gesichtsmasken vorgeschrieben. Es ist schon eigenartig, noch am Sonntag hat in der Sendung „im Zentrum“ eine Ärztin gesagt, solche Masken wären völlig sinnlos. Okay, für uns kommen sie sowieso nicht in Frage, weil wir in Totalquarantäne sind. Es ist schon lustig, wie der Spieltrieb immer wieder die Oberhand gewinnt. Ich habe ca 10 verschiedene Anleitung auf WhatsApp bekommen, wie ich mir meine Gesichtsmaske individuell modisch gestalten kann. Schneiderinnen sind auch sofort aufgesprungen und versuchen, in schwierigen Zeiten daraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Gleichzeitig bekam ich aber auch ein Video, wie in Indien diese Masken in „homeworking“ auch von Kindern unter fürchterlichen hygienischen Bedingungen hergestellt werden.

 

Über den Chef der Wiener Börse muss ich mich wieder ärgern. Er spricht von „nachträglicher Enteignung“ wenn die Dividenden für 2019 an Betriebe die derzeit enorme Staatshilfe bekommen, nicht ausgezahlt werden. Da ist 0 soziale Kompetenz vorhanden – in dem Zusammenhang stimmt das Wort „sozial“. Anscheinend können sich solche Leute gar nicht vorstellen, wie es derzeit arbeitslosen Menschen geht und wie Kleinstunternehmer und Unternehmerinnen wirklich vor dem Nichts stehen – die wurden durch die Maßnahmen gegen das Virus wirklich „enteignet“. 

 

1. April

Ich denke, derzeit hat niemand Lust, jemanden „in den April zu schicken“ die Realität ist leider so skurril, dass momentan alles geglaubt würde und „April, April“ nur etwas für Zyniker wäre. Als ich in der Früh aus dem Fenster schaute, waren Wiese und Büsche mit Reif überzogen – ich hoffe sehr auf ein baldiges Ende des Winters im Frühling.

 

Im Standard wird heute über die Studie der europäischen Notenbanken zur Vermögensverteilung in Europa berichtet. Das ist ja nicht uninteressant, wenn es darum gehen wird, wer für die Sanierung nach der Corona-Krise herangezogen werden soll. Die Studie belegt, dass die Vermögensverteilung in Österreich besonders ungleich ist. Die reichsten 5% besitzen 43,1 % aller Vermögen, die ärmeren 50 % nur 4 %. Da wird bei Vermögenssteuern kaum die Mittelschicht getroffen.

 

Meine Enkeltochter Rosa weiß noch immer nicht, wann sie ihre Matura machen kann. Wenn ich mich erinnere, dass die Zeit nach der Matura für mich eine Zeit des Hochgefühls war, wie ich es sonst selten erlebt habe, finde ich es schon traurig, dass dieser Lebensabschnitt für sie sicher immer überschattet bleiben wird.

 

Eine Funktionärin der kfb ruft mich an, weil für die Aktion Familienfasttag große Einbußen befürchtet wären, weil viele Gottesdienste und auch Suppenessen schwach besucht waren, oder gar nicht mehr stattgefunden haben. Ich habe den Nachmittag dann damit zugebracht, an Freundinnen und Freunde zu schreiben, ihnen die Situation zu schildern und Solidarität mit den am härtesten getroffenen Menschen zu erbitten. Ein Fernsehbeitrag über Indien im Ausnahmezustand tut noch ein Übriges. Unzählige arbeitslos gewordene Wanderarbeiter müssen zurück in ihre Dörfer, sollten sich nicht auf den Straßen aufhalten, finden aber keine Verkehrsmittel mehr, also gehen sie mit ihrem kleinen Hab und Gut, teilweise auch mit ihren kleinen Kindern zu Fuß in ihre weit entfernten Dörfer, wo es aber auch nur kleine Lehmhütten und nichts zu essen gibt. Ich fürchte, der indische Regierungschef hat keine Ahnung wie 50 % seiner Bevölkerung leben müssen, sonst könnte er eine solche Verfügung nicht machen. Noch schrecklicher wäre es allerdings, wenn ihm diese 50% eben völlig  egal wären. Ich glaube, dass in Zeiten wie diesen der Blick über den Tellerrand besonders wichtig ist. Ja, wir sind eingeschränkt und besonders wir Alten von der Krankheit wirklich bedroht, aber die Ungleichheit auf der Welt zeigt in der Krise ihr wahres Ausmaß. Wer sich dafür interessiert, kann ja mal auf die homepage „www. teilen.at“ schauen und vielleicht auch einen Solidarbeitrag leisten.  

 

2. April

Gestern war auf Arte ein wunderbarer Film über ein Saudi-arabisches Mädchen, das sich nichts sehnlicher als ein Fahrrad wünschte. Ich habe so viel über diese restriktive und frauenfeindliche Gesellschaft gelernt und auch, dass mit Hartnäckigkeit auch die verwegensten Träume wahr werden können.

 

Die diversen Äußerungen von Politikerinnen und Politiker zeigen sehr deutlich, ob diese in die alltägliche Bewältigung des Alltags eingebunden sind und wieweit sie ihrer Sonderwelt der technokratischen Lösungen verhaftet sind. Der Bildungsminister scheint eher wenig mit dem Alltag in kleinen Wohnungen, mit der Lebenswelt von Frauen, die kaum lesen und schreiben können und jetzt mit ihren Kindern lernen sollten und mit der geringen Frustrationstoleranz eben arbeitslos gewordener Menschen, vertraut zu sein. Ich spüre bei ihm kaum Empathie für diese sicher mindestens 20 % der Menschen in unserem Land. August Wöginger wiederum berichtet stolz darüber, wie seine Frau die Rolle der Volksschullehrerin übernimmt – er selbst ist da sichtlich außen vor.

 

Empörend finde ich, dass sich Sebastian Kurz nicht von Viktor Orban mit seiner Aushebelung des Parlaments distanziert. Seltsam finde ich es auch, dass er ausgerechnet auf Bibi Netanjahu angewiesen war, um auf die Brisanz der Krise aufmerksam gemacht zu werden – der lässt zwar die Bevölkerung vom Geheimdienst überwachen, hat aber selbst seine orthodoxe Bevölkerung nicht im Griff und muss jetzt wieder in Quarantäne, weil ausgerechnet sein Gesundheitsminister sich beim Besuch einer Synagoge angesteckt hat. Allerdings erspart er sich damit die drohenden Gerichtsverhandlungen – die Gerichte sind in Israel ja auch außer Funktion gesetzt. So seriös die österreichische Politik derzeit zu sein scheint – es ist doch verwunderlich, welch seltsame beste Freunde unser Bundeskanzler hat.

 

3. April

Heute war der Gärtner da und hat die Bäume und den Wein geschnitten. Er meint, dass einmal Marillenknödeln sich schon noch ausgehen wird, es ist nicht alles erfroren. Es ist schon seltsam, mit allen Leuten auf große Distanz kommunizieren zu müssen. Der Gärtner stand im Garten und ich weit weg auf der Terrasse und wir unterhielten uns lautstark über die Befindlichkeit der Pflanzen. Aber da keine Leute draußen sind, hat das wahrscheinlich niemanden gestört. Ich übe mich in Kochkreativität: Ein Sugo aus Radieschenblättern schmeckt ausgesprochen gut. Am Freitag gehen nämlich die Frischevorräte allmählich  zu Ende – Einkaufsliste ist schon an meine Kinder gemailt! Meine Tochter versorgt uns mit Vitaminen und allem was das Immunsystem stärken soll. Ich sorge mich da eher um unser geistiges Wohl und habe bei meinem Neffen eine Lieferung Wein bestellt.  Eine Enkeltochter hat mir gerade gesagt, dass sie wieder zu Malen begonnen hat – das hat sie schon viele Jahre brach liegen lassen. Rundum werden künstlerische Talente reaktiviert.  Ich schreibe wieder Bettelbriefe für die Aktion Familienfasttag – eigentlich schon spannend, wieviele Leute wir kennen.

 

Als Politik-Junkies schauen wir uns die Parlaments-Sitzung im Fernsehen an. Ich habe den Eindruck, die Beiträge haben an Niveau gewonnen und ich bin froh, dass bei uns über alles offen diskutiert werden kann. Der Europäische Gerichtshof hat Ungarn, Polen und Tschechien verurteilt, weil sie sich gegen die Verteilung von Flüchtlingen gestellt haben – die Antwort des tschechischen Premier Babis: „Das Urteil ist nicht wichtig, entscheidend ist nur, dass wir keine Migranten aufnehmen werden“. Hoch die europäischen Werte!

 

Die Menschen lesen angeblich derzeit sehr viel Zeitung und schauen viel fern, also müssten die Medien florieren, aber gerade das Gegenteil ist der Fall, weil die Werbeeinnahmen wegfallen und tatsächlich sehe ich in den Zeitungen hauptsächlich Regierungswerbung und Werbung von Online-Casinos. Da werden wieder einige Leute ordentlich „Deppensteuer“ bezahlen. Ich lese auch, dass die Zeitungen vermehrt Staatsunterstützung bekommen, aber am  meisten die, mit den großen Auflagezahlen, also „Krone“, „Heute“ und „Österreich“. Qualität spielt keine Rolle. Die Gratiszeitungsständer wurden übrigens von den Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel zu den Supermärkten verlagert, da wird es leider keine Umsatzeinbußen geben.

 

4. April

Samstag vor Palmsonntag. Normalerweise werden an diesem Tag in St. Wolfgang überall die Palmbuschen auf ihre bis zu 3 Meter langen Stangen gebunden, die dann am Sonntag in Begleitung der Bauern- und Bürgermusik in die Kirche zur Segnung getragen werden. Wie wird das heuer sein? Es muss für die Leute dort gespenstisch sein. Damit ein wenig Stimmung aufkommt, habe ich auch einen Buschen, allerdings auf einer kürzeren Stange gebunden und in meine Blumenbeete gesteckt – ein Symbol für Gottes Segen können wir alle brauchen.

 

Meine Enkelkinder rufen mich an, um mir zu sagen, dass einer ihrer Onkel in Sao Paulo auf der Intensiv-Station künstlich beatmet wird. Es geht ihm sehr schlecht. Wir denken an den lustigen Senuto, den wir vor Jahren bei einem Besuch dort kennengelernt haben und sind doch sehr betroffen, obwohl es schon sehr lange her ist, dass wir uns gesehen haben. Plötzlich wird die Bedrohung sehr konkret. Die New Yorker Tante einer Freundin ist ebenfalls positiv. Die Globalisierung der Krankheit ist derzeit das einzige, was uns von der vielgepriesenen Weltläufigkeit übriggeblieben ist.

 

Im Fernsehen sehe ich einen Tiroler Pfarrer, der in die Papiersäcke mit dem Aufdruck „teilen spendet Zukunft“, also der Aktion der Katholischen Frauenbewegung, Palmzweige einpackt. Ich kann nur hoffen, es wurde dort vorher auch ordentlich für die Projekte gespendet.

Die Stellungnahme der EU, die vor Entdemokratisierung anlässlich der Krise warnt ist sichtlich so knieweich, dass sie auch von Ungarn unterschrieben wurde – aber schon eine ziemliche Chuzpe des Herrn Orban. Österreich hat übrigens nicht unterschrieben, damit man den Herrn Orban ja nicht verärgert – peinlich!

 

Morgen beginnt die Karwoche das wird unter diesen Bedingungen eine ganz neue Erfahrung.

 

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

 

Einträge von 5.3. bis 26.3.finden sich hier und vom 27.-30.3. hier

 

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