Traude Novy

30. Mar 2020

Corona-Krisen-Tagebuch 2. Teil

von Traude Novy am 30. March 2020, 21:17 Uhr

27. März

Nach so viel Kälte wieder ein Frühlingstag. Meine Enkeltochter hat mir Pflanzen auf die Terrasse gestellt, die jetzt in ein Übergangsquartier in den Wintergarten verpflanzt werden, denn es soll in diesem verrückten Jahr noch einmal richtig kalt werden. Aber die Natur lässt sich nicht beirren, Tulpen, Hyazinthen und vor allem die Veilchen wissen, dass bald Ostern kommt.

Ich habe einen Leserinnenbrief an den Standard verfasst, dass das schwer gebeutelte Tirol doch etwas für die Wiederherstellung seines weltweit ramponierten Rufs tun könnte, und in seinen verwaisten Beherbergungsbetrieben doch Flüchtlinge von den griechischen Inseln aufnehmen könnte. Unsere tatkräftigen Freunde Hedi und Robert Wychera haben diese Idee gleich aufgegriffen und an Franz Fischler und den Bundespräsidenten einen diesbezüglichen Brief geschrieben. Ich bin nicht naiv und weiß, dass all das gegen das strikte Nein des Bundeskanzlers ein ziemlich aussichtsloses Ansinnen ist. Es erstaunt mich immer wieder, dass ein junger Mensch wie er, so kaltschnäuzig sein kann.

 

Das Innenministerium verlautbart, dass Asylsuchende an der Grenze abgewiesen werden, wenn sie kein aktuelles Gesundheitsattest haben. Das ist ja wohl die Spitze des Zynismus. Anscheinend wird da vergessen, dass das Virus zumeist von Luxusreisenden eingeschleppt wurde und nicht von den Flüchtlingen. Ich fürchte, dass da im Schatten der Corona-Vorkehrungen noch mehr unmenschliche Dinge passieren.

 

Die Situation in Italien und auch in Spanien ist erschreckend. So viele Tote und nicht nur die „vulnerablen“ Alten, sondern auch viele Jüngere. Aus Spanien kommen Meldungen, dass die nach der Krise 2008 von den Geldgebern auferlegten Einsparungen das Gesundheitssystem ruiniert haben. Private, gewinnorientierte Spitäler und Altersheime sind nicht die Orte, die sich in einer solchen Krise bewähren.

 

Auch Trump muss klein beigeben. Für ihn ist das wichtigste natürlich die Wirtschaft, deshalb hat er ein Investitionspaket von 2.000.000.000.000,--$ locker gemacht. New York ist nun auch eine Geisterstadt.

 

In England hat der Hedonist Boris Johnson auch eine Kehrtwende gemacht. Seine ursprünglich angeregte „Durchseuchung“ funktioniert sichtlich aber ganz gut, Prinz Charles und Boris Johnson himself  wurden positiv getestet. Das Virus kennt keine Klassenunterschiede, seine Auswirkungen allerdings schon. Die Härtefonds für kleine Firmen und die Kurzarbeitsregelung bringen hoffentlich ein wenig Entlastung. Den hochgejubelten Start-ups UnternehmerInnen und den vielen oft auch in die Selbständigkeit gedrängten Ein- Personen- UnternehmerInnen müssen wir helfen.

 

28. März

Es ist ungewohnt, sich genau überlegen zu müssen, was man kochen will, wie viel Milch, Brot und die Lebensmittel des täglichen Gebrauchs man braucht, wenn man den Einkauf nicht selber tätigen kann, sondern bestellen muss. Meine Kinder stellen mir den Einkauf auf den Gartentisch und ich merke, dass ich normalerweise immer viel zu viel einkaufe. Kriegskinder wie ich, haben wahrscheinlich eine tiefsitzende Angst, dass zu wenig zum Essen da ist. Allerdings werfe ich nie Lebensmittel weg, auch das ein Kriegskind-Verhalten. Deshalb kochte ich heute Brotsuppe mit Sauerampfer – hat nicht so schlecht geschmeckt.

 

Die Sorge um die Eingriffe in die Grundrechte, Big Data Weitergabe nimmt zu. Ich merke die Ambivalenz der Digitalisierung. Denn ich bekomme durch aufheiternde Whatsapps, mails und Telephonanrufe von Freundinnen und Freunden, viel Aufmerksamkeit und Zuwendung, die sonst im Alltagstrubel unterbleiben. Es ist nicht auszudenken, isoliert zu sein, ohne Fernsehen, Handy und Computer.

 

Die Radiosendung „Le weekend“ auf Ö-1 zu Mittag hat sich auf uns als die „gefährdete“ Zielgruppe eingerichtet und Radiomusik aus unserer Jugend gespielt. Tut gut!

Langsam macht sich bei einigen Menschen sichtlich Lagerkoller breit. Mein Enkelsohn berichtet mir sehr irritiert, dass er und seine Freundin um 20 Uhr zu Hause Gymnastik machten, worauf eine empörte Nachbarin sie schreiend zurechtwies, dass sie die Polizei holen werde, weil sie so ein Getöse machten. Sie war für keinerlei Argumentation zugänglich und lief tobend wieder in ihre Wohnung zurück. Ich fürchte, da wird noch einiges auf uns zukommen, weil einsame Menschen von der Situation überfordert sind – da sind wir alle gefordert. Ich habe meinem Enkel geraten, bei der Dame zu läuten um vielleicht doch ein Gespräch führen zu können.

 

Bundespräsident van der Bellen hat meinen Freunden umgehend geantwortet, dass er sich in Gesprächen mit dem Bundeskanzler für ihr Anliegen, die Flüchtlinge in Tirol aufzunehmen, einsetzen werde. Das wird nur insofern nützen, als damit das Thema nicht ganz vom Tisch ist. [Anm. siehe Tagebucheintrag 27.3.]

 

29. März

Wieder ein einsamer Sonntag, sehr ungewöhnlich für uns mit unserer großen Familie, wo normalerweise immer jemand vorbeischaut. Dennoch sind wir besonders privilegiert - das Haus ist groß und ein aufmerksamer Rundgang durch den Garten kann einen Ausflug zwar nicht ersetzen, aber tut sehr gut. Mein Mann findet sowieso für sich kaum einen Unterschied, er ist schon seit Jahren an das Haus und die Terrasse gefesselt. Lange Telefonate mit den Kindern ersetzen aber auch für ihn den direkten Kontakt. Meine Sorge ist, dass sein Zustand schlechter wird und ich es körperlich nicht mehr schaffe, ihn zu versorgen. Das wäre jetzt der denkbar schlechteste Zeitpunkt, weil eine passende Pflegerin, die wirklich geschult ist, derzeit sicher kaum zu finden ist. Die meisten 24-Stunden Betreuerinnen haben nämlich weniger echte Pflegeerfahrung als ich. Ich will gar nicht an die vielen Menschen in unserem Alter denken, die zwar keine Pflegefälle, aber dennoch körperlich und oft auch geistig eingeschränkt sind, wie sollen die alleine zurechtkommen? – Viele haben in unserem Alter kaum mehr Familie und Freunde. Ich bin hin und hergerissen, weil die Information, dass wir erst am Anfang der Krise sind, mir auch Angst machen und ich die restriktiven Maßnahmen verstehe, ich denke aber, dass eine monatelange Isolierung alter und beeinträchtigter Menschen über längere Zeit auch ein massives Gesundheitsrisiko bedeutet. Ganz abgesehen davon, dass Vereinsamung auch krank macht.   

 

Manchmal kommt mir alles wie ein böser Traum vor. Vor zwei Monaten war es noch undenkbar wegen der Klimakrise der Bevölkerung auch nur die kleinsten Einschränkungen, wie Verteuerung des Flugverkehrs, CO2 Steuern, Überdenken des Pendlerpauschale zuzumuten. All das wurde als Teil einer „Verbotskultur“ diffamiert. Zwei Monate später ist eigentlich alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist und die Menschen sind großteils so vernünftig, das zu akzeptieren. Die heilige Kuh des Wirtschaftswachstums wird auf einmal zur Nebensache.

Ich lese, dass es auch in Indien für die 1,3 Milliarden BewohnerInnen Ausgangssperre gibt. Wie soll das gehen, wo Millionen InderInnen entweder gar kein Zuhause haben, oder in den Dörfern in winzigen Lehmhütten hausen.

 

Dagegen leugnet Brasiliens Präsident noch immer die Gefahr, die von Covid ausgeht. Für Orban sind sowieso nur die MigrantInnen an der Verbreitung des Virus schuld… Aber er nutzt die Gelegenheit, Ungarn in eine Diktatur zu verwandeln. Von welchen Zombies werden viele Nationen derzeit regiert? Und wie kam es dazu, dass diese gewählt wurden? Wenn wieder halbwegs normale Zeiten kommen, werden sich hoffentlich viele ExpertInnen mit diesen Fragen beschäftigen.

 

Traude Novy schreibt ein CORONA-Krisen-TAGEBUCH, in dem sie ihre persönliche Quarantänesituation und die österreichische sowie die Weltpolitik in den Blick nimmt.

Unter diesem Link sind die ersten Einträge von 5.3. bis 26.3.2020 zu finden: http://www.ka-wien.at/blog/b13/blog/125.html

 

 

 

 

 

 

 

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