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Sozialwort des Ökumenischen
Rates der Kirchen in Österreich
9 VOM SOZIALWORT ZU SOZIALEN TATEN
Schlusskapitel
Altes Testament
Wie die Erde die Saat sprießen lässt
und der Garten die Pflanzen hervor bringt,
so bringt Gott, der Herr, Gerechtigkeit hervor. (Jesaja 61,11)
Neues Testament
Dann erwarten wir, Gottes Verheißung gemäß, einen neuen Himmel und eine
neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt. (2 Petrus 3,13)
(309) Mit diesem Sozialwort bringen die im Ökumenischen Rat
vertretenen christlichen Kirchen in Österreich ihre Überzeugung
zum Ausdruck, dass alles daran gesetzt werden muss, dass die realen,
materiellen und rechtlichen Voraussetzungen für die Teilhabe
aller Menschen an einem Leben in Freiheit und Gemeinschaft, in
Verantwortung und Würde geschaffen werden können.
Diese Überzeugung motiviert die Kirchen, nicht nur ein Sozialwort zu veröffentlichen,
sondern erneut durch soziale Taten ihren Beitrag zur Umsetzung der darin formulierten
Anliegen zu leisten.
Ermutigt werden sie dabei durch die Vielfalt engagierter Initiativen, die sich
an der Standortbestimmung beteiligt haben, sowie durch die anregende Diskussion
des Sozialberichts, der als Kontext für die Weiterarbeit mit dem Sozialwort
seine Bedeutung behält.
In besonderer Weise bestärkt sehen sich die Kirchen durch das in diesem
Prozess erneuerte Bewusstsein dessen, was Christinnen und Christen aus verschiedenen
Kirchen in ihrem Engagement verbindet.
GESELLSCHAFTLICHE PROBLEME ALS GEMEINSAME AUFGABE
(310) Die Kirchen verstehen die im Sozialwort angesprochenen Probleme als eine
Herausforderung für alle gesellschaftlichen Kräfte. Die Arbeit an
der Lösung dieser Probleme erfordert ein Zusammenwirken aller. Sie anzusprechen
bedeutet nicht, anderen Schuld zuzuweisen, noch den Anspruch zu erheben, selbst
die endgültigen Lösungen zu haben. Wohl aber wollen die Kirchen damit
ihre Bereitschaft zum Ausdruck bringen, sich mit ihren je eigenen Möglichkeiten
an der Weiterentwicklung der Gesellschaft zu beteiligen.
Die Kirchen verbinden damit die Wertschätzung für alle, die sich
in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft für ein gutes Zusammenleben
engagieren, sich der Nöte anderer annehmen und an den Zukunftsfragen arbeiten,
so wie es im Sozialwort-Prozess erlebbar geworden ist.
Kooperation und Konflikt
(311) Die Überzeugung, dass die anstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen
nur gemeinsam zu bewältigen sind, bedeutet aber auch, Unterschiede in
den Zugängen und Sichtweisen wahrzunehmen, wechselseitig zu respektieren
und an einer fairen Austragung von Konflikten zu arbeiten.
Die Dynamik der Sprache
(312) Besonderer Aufmerksamkeit bedarf dabei der Umgang mit Sprache. Wo durch
Worte Misstrauen gesät, Verdächtigungen angedeutet, Personen abgewertet,
wo Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, wird das für eine konstruktive
Zusammenarbeit notwendige Vertrauen untergraben und die Akzeptanz möglicher
Lösungen erschwert.
DER BEITRAG DER KIRCHEN
(313) Die christlichen Kirchen sehen es als ihren Auftrag, im
Blick auf die größere Wirklichkeit Gottes jeweils die
Fragen nach Sinn und Zielen zu stellen.
In ihrer Option für die Armen wollen sie dort helfen, wo Menschen unterdrückt
werden und Not, Armut und Ausgrenzung erleiden.
Im Bewusstsein, dass gerechte Strukturen und Rahmenbedingungen wesentliche
Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben für alle sind,
setzen sie sich für die notwendigen Veränderungen von Strukturen
und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein.
Jenseits von Angebot und Nachfrage
(314) Die Kirchen stellen Grundfragen des Lebens. Was dient dem Menschen, dem
Leben, der Schöpfung? Was ist das Ziel von Arbeit und Wirtschaft?
Orientierung aus der Sicht des Glaubens verlangt Auseinandersetzung mit herrschenden
Bewusstseinslagen, eindimensionalen Denkweisen und unterschiedlichen Mentalitäten
- und den Dialog mit anders Denkenden. Wesentliche Kriterien sind dabei Achtsamkeit
für die Würde der Person und Verantwortung für die Schöpfung.
Dabei ist sowohl auf die Geschlechtergerechtigkeit, wie auch auf die unterschiedlichen
Lebenslagen zu achten.
Dies bedeutet, langfristige Entwicklungen und ganzheitliche Ziele im Auge zu
behalten. Dies halten wir fest, obwohl sich die Kirchen in unserer schnelllebigen
Zeit da und dort dem Verdacht ausgesetzt sehen, unrealistisch zu sein oder
Illusionen nachzuhängen.
Option für die Schwachen und Benachteiligten
(315) Heute wollen die christlichen Kirchen Stimme der Stimmlosen sein, sich
für die Integration von Menschen am Rande einsetzen, und Orte der Begegnung
und Kommunikation bieten.
Die Kirchen werden sich zu Wort melden, wo immer auch durch gesellschaftliche
Entwicklungen Gefahren drohen.
Verantwortung in der Demokratie
(316) Christinnen und Christen leben in Österreich in einem demokratischen
Staat, der die Würde jedes Menschen anerkennt und den Menschenrechten
verpflichtet ist. Zu seinen wesentlichen Zielen gehört das Wohl jeder
einzelnen Person, das in das Gemeinwohl der Gesellschaft mündet. Dabei
geht es um einen ständig neu zu ermittelnden Interessenausgleich zwischen
verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.
Die Kirchen wissen sich aus ihrem Sendungsauftrag verpflichtet, in diesen gesellschaftlichen
Dialog ihre Stimme einzubringen. In ihrer Öffnung zur Welt stärken
sie eine offene, demokratische Gesellschaft und die Selbstbestimmungskräfte
der Zivilgesellschaft. Diese Anliegen suchen sie auch im Prozess der Erarbeitung
einer neuen Österreichischen Verfassung zu vertreten.
Offen für gesellschaftliche Entwicklungen
(317) Die Öffnung der Europäischen Union für neue Mitgliedsländer
und die wachsende weltweite Vernetzung stellen die demokratischen Gesellschaften
vor neue Herausforderungen. Dafür bedarf die Europäische Union neuer
Regeln, wie sie mit einer europäischen Verfassung formuliert werden.
Um gerechtere Strukturen als Voraussetzung für ein nachhaltiges, ökologisches
Wirtschaften und einen dauerhaften Frieden zu schaffen, bedarf es einer Stärkung
der Vereinten Nationen und entsprechender, die Menschenwürde beachtender
Regelungsmechanismen.
Die Kirchen treten dafür ein, die Vereinten Nationen in jeder Weise zu
stärken, so dass sie sich zielführend für gerechte Strukturen
einsetzen können.
EINLADUNG AUF DEN GEMEINSAMEN WEG
(318) In jedem der vorangehenden Kapitel werden komplexe gesellschaftliche
Zusammenhänge angesprochen.
Damit verbindet sich die ausdrückliche Einladung an alle, sich an einer
weiterführenden, kritischen Auseinandersetzung zu beteiligen.
Die in den jeweiligen Kapiteln formulierten Aufgaben für Kirchen und Gesellschaft
bieten Anregungen, das Sozialwort in die Tat umzusetzen.
Sie sind als Einladung an einzelne, an kirchliche und gesellschaftliche Initiativen
und Einrichtungen zu verstehen, sich die Anliegen des Sozialworts zu eigen
zu machen und gemeinsam weiterzuführen.
(319) So ist dieses Sozialwort offen für zukünftige
Herausforderungen. Die weiteren Entwicklungen der im Sozialwort
angesprochenen und auch neuer Problemkreise können zu gegebener
Zeit zu einer Fortschreibung des Sozialwortes führen.
(320) Die im Ökumenischen Rat vertretenen christlichen Kirchen
in Österreich sind bereit, sich gemeinsam mit allen Kräften
einzusetzen, um diese Welt in Hoffnung offen zu halten für
die Zukunft Gottes.
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