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Sozialwort des Ökumenischen
Rates der Kirchen in Österreich
1 BILDUNG: ORIENTIERUNG UND BETEILIGUNG
Bildung
Altes Testament
Weisheit übertrifft die Perlen an Wert,
keine kostbaren Steine kommen ihr gleich.
Ich, die Weisheit, verweile bei der Klugheit,
ich entdecke Erkenntnis und guten Rat. (Sprichwörter 8, 11-12)
Neues Testament
Der Gott
Jesu Christi, unseres Herrn, ... gebe euch den Geist der Weisheit... . Er
erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher
Hoffnung ihr durch
ihn berufen seid
(Epheser 1, 17-18)
BILDUNG IST MEHR ALS WISSEN
(17) Eine moderne, demokratische, komplexe und sich rasch wandelnde
Gesellschaft braucht selbstbewusste, kritische und mündige
Bürgerinnen und Bürger, die sich auch dort orientieren
können, wo die sie umgebende Welt unübersichtlich ist.
Sie müssen fähig sein, gesellschaftliche Umbrüche
im Blick zu behalten, einen Standpunkt einzunehmen und in Freiheit
Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Gerade Freiheit
und Verantwortung füreinander sind ein wesentliches Erbe des
Christentums.
Bildung - eine Schlüsselfrage
(18) Die Zukunft der Bildung ist eine der entscheidenden Herausforderungen
einer modernen Gesellschaft. Bildung, die dem Menschen gerecht wird, wurzelt
in einem lebendigen Interesse an der Welt, das zutiefst aus dem Staunen,
der Achtung und der Dankbarkeit kommt. Neugier, Achtsamkeit, Verantwortungsbewusstsein,
Beziehungsfähigkeit und Weltoffenheit sind grundlegende Ziele einer
Persönlichkeitsbildung, die von Kindheit an grundgelegt wird und ein
Leben lang weiterzuentwickeln ist. Darauf bauen jene Fähigkeiten auf,
welche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, in Wirtschaft und Politik ermöglichen:
Allgemeinbildung, Vertrautheit mit modernen Technologien und berufsspezifische
Qualifikationen. Diese Bildungsziele sind aufeinander bezogen, bedingen und
ergänzen sich.
MENSCHENGERECHTE BILDUNG
(19) In der Diskussion über die soziale Dimension des Bildungswesens
werden vor allem die Bedeutung eines uneingeschränkten Zugangs
zu Bildung als ein Grundrecht, und die besondere Förderung
benachteiligter oder unterrepräsentierter Gruppen betont.
Die Erziehung zu Toleranz, Achtung anderer und Solidarität
sowohl im nationalen wie im globalen Zusammenhang werden dabei
hervorgehoben. Ein ganzheitliches, nicht allein an intellektueller
Leistung oder wirtschaftlicher Verwertbarkeit orientiertes Verständnis
von Bildung ist gefordert.
Ganzheitliche Bildung
(20) Bildung und Ausbildung erweisen sich zunehmend als Schlüssel zu besseren
Lebenschancen für den Einzelnen sowie als immer bedeutsamer werdende Quelle
des Wohlstands. Der schnelle Wandel der beruflichen Anforderungen und der auf
dem Arbeitsmarkt nachgefragten Qualifikationen verlangt nicht nur nach lebenslangem
Lernen, sondern auch nach einem umfassenderen Verständnis von Bildung.
Je rascher die gesellschaftlichen Veränderungen, desto wichtiger wird
Bildung als Hilfe zur Orientierung und Sinnfindung. Praktische, kurz- und mittelfristig
anwendbare Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten sind wichtig, sie
bedürfen aber der Einbettung in Grundhaltungen emotionaler, kognitiver
und ethischer Art.
Bildung schafft Bindung
(21) Bildung kann Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenführen,
durch gemeinsames Lernen den Horizont eines jeden und einer jeden Einzelnen
weiten und helfen, Brücken zu bauen zwischen Generationen und zwischen
den Geschlechtern, zwischen Kulturen und Religionen. Orte der Bildung können
so Orte der Integration von Fremden und von Menschen mit Behinderungen sein.
Das Einüben in den Umgang mit anderen und mit ihren Eigenheiten ist ein
unerlässliches Lernziel. Bildung schafft Bindung und stärkt so den
sozialen Zusammenhalt.
Bildung als Menschenrecht
(22) Ein breiter Zugang zu Bildung als einem grundlegenden Recht aller Menschen
ist in vielen armen Ländern noch keineswegs verwirklicht. Menschen,
die schon als Kinder keine Chance erhalten, sich grundlegendes Wissen anzueignen
und ihre eigenen Fähigkeiten zu entfalten, können an vielen Errungenschaften
in unseren modernen und komplexen Gesellschaften nicht teilhaben.
Bildung kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Menschen einen Ausweg
aus der Armut zu ermöglichen, der sie zugleich zu Subjekten ihrer Lernprozesse
macht und ihr Selbstwertgefühl erhöht.
Je höher der allgemeine Bildungs- und Ausbildungsstandard einer Gesellschaft
ist, desto schwerer haben es jene, die aus Gründen von körperlicher
oder geistiger Beeinträchtigung oder sozialer Benachteiligung geringere
Bildungschancen haben als andere. Eine reiche Gesellschaft hat solche Benachteiligungen
durch besondere Bemühungen nach Kräften auszugleichen, um dieser
Personen und um der ganzen Gesellschaft willen.
Bildung ist keine Ware
(23) Bildung bedeutet, dass Menschen sich bilden. Es geht um die Aneignung
eines Wissens, das es ihnen ermöglicht, ihr Leben sinnvoll zu gestalten.
Die Tendenz einer fortschreitenden Ökonomisierung von Bildung und ihre
vorrangige Beurteilung nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen wird der Bedeutung
von Bildung nicht gerecht. Gewiss stehen bei Lernprozessen konkrete Ausbildungsziele
im Vordergrund. Dabei ist aber auch ihre Wirkung auf die einzelnen Personen
und ihre gesellschaftliche Bedeutung im Auge zu behalten.
(24) Bildung hat wesentlich mit Menschenwürde, Gerechtigkeit
und Freiheit zu tun und muss darum Allgemeingut bleiben. Wird Menschen
der Zugang zur Bildung erschwert oder aus finanziellen Gründen
unmöglich gemacht, so gereicht dies zum Nachteil der gesellschaftlichen
und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes.
Teilnahme am Leben der Gesellschaft
(25) Bildung muss zur Gestaltung des Lebens und zu gesellschaftlicher Teilnahme
befähigen. Einer Fülle an Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten
stehen Vereinsamung, Entsolidarisierung und die Marginalisierung von Bevölkerungsgruppen
gegenüber, die diese Möglichkeiten nicht nutzen können.
Gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzungen werfen immer neue politische
Fragestellungen auf, deren Unüberschaubarkeit oft zu resigniertem Desinteresse
führt.
Dem Bildungswesen erwachsen daraus Aufgaben, die über Erziehung und Unterricht
im herkömmlichen Sinn hinausgehen. Es geht darum, mitmenschliche Sensibilität
und Dialogfähigkeit zu fördern. Bildung soll zu verantwortungsvoller
Teilnahme an der Gesellschaft motivieren und befähigen.
Lebensbegleitende Bildung
(26) Das rasch sich ändernde Wissen erfordert über die Erstausbildung
hinaus lebensbegleitende Weiterbildung. Dabei kommt der außerschulischen
Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung besondere Bedeutung zu. Deshalb hat
die EU im Jahr des lebenslangen Lernens (1996) die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung
der verschiedenen Formen nicht berufsbezogener Bildungsarbeit gelenkt und die
Bereitstellung entsprechender Ressourcen gefordert. Lernfähig zu bleiben,
wird die Hauptanforderung der kommenden Jahre.
Institutionen der Bildung
(27) Dem Bildungswesen kommt in seinen verschiedenen Institutionen und Trägerschaften
große Bedeutung für die individuelle Entfaltung wie auch für
das Gemeinwohl zu. Die verschiedenen Orte der Bildung, Schulen, Universitäten
und Fachhochschulen und auch die Einrichtungen der Erwachsenenbildung werden
in ihrer Bedeutung weiter zunehmen. Ebenso wichtig ist eine gute Lehrlingsausbildung
und Weiterbildungsprozesse in Betrieben und Gemeinden, die ihren je eigenen
Beitrag zu einer ganzheitlichen Bildung leisten.
Beitrag der Kirchen
(28) In diesem Zusammenhang sind die Kirchen als wichtige Träger von Schulen,
Jugendarbeit und Erwachsenenbildung gefordert. Sie leisten mit ihren Einrichtungen
einen unverzichtbaren Beitrag zu einem differenzierten Bildungssystem.
Christliche Bildungseinrichtungen nehmen eine wesentliche Brückenfunktion
zwischen den Kirchen und der Gesellschaft wahr: im Bereich des Identitätslernens,
der Lebensgestaltung, der Wertebildung, der Sprachkompetenz, der gesellschaftspolitischen
Bewusstseinsbildung, der Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur.
(29) Das spezifisch Christliche des kirchlichen Engagements ist
es, Menschen zu helfen, die Wirklichkeit Gottes im eigenen Leben
und in den Vorgängen der Gesellschaft zu entdecken.
Die Kirchen wollen Menschen dazu hinführen, sich in ihrem Tun von Gottes
Geist leiten zu lassen und ihm im Glauben zu antworten. Fragen des Lebens und
der Gesellschaft entscheiden sich im Blick auf Jesus Christus, dem Menschen
für andere.
FÜR UMFASSENDE BILDUNG
Aufgaben für die Kirchen
- Die Kirchen achten auf hohe Qualität ihrer Bildungsangebote.
Sie wollen die Menschen in ihrer Würde ernst nehmen und zu
Teilhabe und Mitgestaltung befähigen. Sie tragen dabei besondere
Verantwortung für Kinder und junge Menschen, die ihnen anvertraut
sind. (30)
- Die Kirchen fördern in ihren eigenen Schulen, mit ihrer
reichen Tradition und ihrer Offenheit, Kinder und Jugendliche aller
Schichten und Herkunftsländer. Dabei kommt einem entsprechend
gestalteten Religionsunterricht besondere Bedeutung zu. (31)
- Die Kirchen stellen in ihrer Erwachsenenbildung offene Bildungsangebote
bereit, die auch für Einzelne und Gruppen zugänglich
sind, die sonst nur schwer Zugang zur Bildung finden. (32)
- Die Kirchen wollen ihre Vielfalt positiv nützen und gruppenübergreifende
Lernprozesse zwischen jungen und alten Menschen, zwischen Frauen
und Männern fördern und einen Raum zur Integration von
Menschen mit Behinderungen oder von Fremden bieten. (33)
- Die Kirchen sind aufgefordert, verstärktes Augenmerk auf
Frauen als Vermittlerinnen von Wissen und Weisheit zu richten.
Dazu dienen auch spezifische Bildungsprogramme der Frauenförderung.
(34)
- Die Kirchen pflegen in ihren Bildungseinrichtungen eine Kultur
des Dialogs und der Solidarität, die zu gesellschaftlich verantwortlichem
Handeln befähigt. (35)
- Die Kirchen verbinden in ihrer ganzheitlichen Bildungsarbeit
die Erschließung des Glaubens mit dem Eingehen auf die persönlichen
und gesellschaftlichen Fragen der Menschen. (36)
FÜR EINE AKTIVE BILDUNGSPOLITIK
Aufgaben für die Gesellschaft
- Die Kirchen treten für eine offene Diskussion über
eine Neuformulierung der Ziele der Bildungspolitik ein, die die
verschiedenen Ebenen der Bildung und die unterschiedlichen Träger
einbezieht. (37)
- Bildungspolitische Maßnahmen müssen sich an einem
umfassenden Bildungsbegriff orientieren und nicht nur an der ökonomischen
Verwertbarkeit. Soziales Lernen muss als gleichberechtigtes Ziel
anerkannt werden. (38)
- Im Sinne des Rechts auf Bildung muss sichergestellt werden,
dass der Zugang zu Schulen, Universitäten und sonstigen öffentlichen
Bildungseinrichtungen für Angehörige aller Schichten
offen bleibt. (39)
- Die Schaffung von Lehrstellen in den Betrieben und Einrichtungen
der Lehrlingsausbildung bedürfen besonderer Förderung.
(40)
- Es müssen ausreichend Mittel für Jugendarbeit und
ganzheitliche Erwachsenenbildung zur Verfügung gestellt werden.
Im Interesse der Vielfalt des Bildungsangebotes sind dabei auch
konfessionelle Bildungsträger zu unterstützen. (41)
- Bildung muss sich den Herausforderungen einer Weltgesellschaft
stellen. Um weltweite Zusammenhänge zu erkennen, zu verstehen
und zu gestalten, ist die Entwicklung eines globalen Ethos zu fördern.
Dafür sind interkulturelles Lernen, Friedenserziehung, Fragen
der sozialen und der Geschlechtergerechtigkeit sowie politische
und wirtschaftliche Alphabetisierung wichtig. (42)
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