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Sozialwort des Ökumenischen
Rates der Kirchen in Österreich
0 DIE CHRISTLICHEN KIRCHEN IN GEMEINSAMER VERANTWORTUNG
Grundlagenkapitel:
Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender
Bach. (Amos 5,24) Was Ihr für einen meiner geringsten Brüder getan
habt, das habt ihr mir getan. (Matthäus 25,40b)
UNSERE ZEIT IST GOTTES ZEIT
(1) Wir leben in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Wie
jede Zeit ist auch unsere Zeit Gottes Zeit.
Aufgabe der Kirchen ist es, in diese Zeit hinein ein ermutigendes, in die Zukunft
weisendes Wort an die Menschen zu richten. Sie können dieser Aufgabe nur
in einer gemeinsamen Anstrengung gerecht werden.
(2) Die Kirchen Europas haben sich verpflichtet, Inhalte und Ziele
ihrer sozialen Verantwortung miteinander abzustimmen und sie gegenüber
den säkularen Institutionen möglichst gemeinsam zu vertreten
(Charta Oecumenica Nr. 7).
Das Projekt Sozialwort
(3) Diese Selbstverpflichtung nahmen die 14 Mitgliedskirchen des Ökumenischen
Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ)*) im „Projekt Sozialwort“ auf.
Nach den Phasen von Standortbestimmung und eingehender Diskussion legen die
Kirchen nun als Ergebnis und Zeugnis das „Sozialwort“ vor.
IM NAMEN GOTTES FÜR DIE MENSCHEN
(4) Die Kirche Jesu Christi als göttlich-menschliche Institution
soll auch heute ihren diakonischen Dienst vor Gott und den Menschen
erfüllen. Sie tritt im Namen Christi für die Versöhnung
des Menschen mit Gott, mit den Mitmenschen und mit sich selbst
ein.
(5) Dieses Sozialwort spricht in die Gesellschaft. Es spricht
zugleich die Kirchen selbst an, die Teil der Gesellschaft sind
und an deren Entwicklungen teilhaben, als auch bemüht sind,
diese Entwicklungen aus christlicher Überzeugung mitzugestalten.
Der gesellschaftliche Auftrag der Kirchen
(6) Die soziale Verantwortung der Kirchen entspringt dem Grund des Glaubens
selbst. Weil Gott sich in Jesus Christus durch den Heiligen Geist liebevoll
der Welt zuwendet, gehört es zum Wesen christlichen Glaubens, der Welt
und den Menschen in ihren konkreten Nöten zugewandt zu sein. „Einer
trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Galater
6,2). Diese Weisung des Apostels Paulus legt den Grund für diesen Auftrag
der Kirchen, den sie im Laufe ihrer Geschichte und in der Gegenwart in vielfältiger
Form verwirklicht haben und verwirklichen. Bis heute sind die Kirchen durch
das Engagement vieler christlicher Frauen und Männer hervorragende Trägerinnen
sozialer Initiativen und sozialer Arbeit. Dieser reiche Schatz der Kirchen
an Erfahrung und Kompetenz zeigte sich auch in den 522 Stellungnahmen, die
in den „Sozialbericht“ eingeflossen sind und die gegenwärtige
Wahrnehmung der sozialen Verantwortung durch die Kirchen dokumentieren.
Menschenwürdiges Leben für alle
(7) Im Zentrum dieses kirchlichen Engagements steht der Einsatz für ein
menschenwürdiges Leben für alle.
Die Würde des Menschen gründet nach christlichem Glauben in der Gottebenbildlichkeit:
Wie in der christlichen Tradition der trinitarische Gott selbst als Beziehungsgeschehen
von Vater, Sohn und Heiligem Geist gedeutet wird, so wird auch Menschsein grundlegend
als Bezogensein verstanden. Somit gründet das Engagement der Kirchen für
die soziale Wirklichkeit im Glauben an diesen Gott. Der Maßstab für
die Bewertung der sozialen Realität ist daher die Würde des Menschen
in der Vielfalt seiner Beziehungen, wodurch ein individualistisch, dualistisch
oder autonomistisch enggeführtes Menschenbild überwunden wird.
Erfahrung des befreienden Gottes
(8) So drückt sich die soziale Verantwortung der Kirchen nicht nur in
ethischen Überlegungen aus und erschöpft sich auch nicht in der notwendigen
Sorge um die Opfer von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen und sozialer Ungerechtigkeit.
Durch ihre Verwurzelung im Glauben an den Dreieinigen Gott betrifft sie zentrale
Glaubenswahrheiten.
Der Gott der Bibel hat sich selbst auf die Seite der Unterdrückten gestellt.
Die Befreiung Israels aus der Sklaverei Ägyptens stellt eine zentrale
Glaubenserfahrung dar, die uns Christen durch die jüdische Tradition vermittelt
wurde. In Jesu Tod und Auferstehung erfahren wir die Befreiung von Schuld und
Sünde. Als neue Menschen sind wir berufen zu einem Leben im Dienst für
die andern.
Die soziale Tradition Israels
(9) Authentischer Gottesglaube wurde schon in den Schriften des Alten Testaments
stets an der Solidarität mit Fremden und Armen, speziell mit Witwen
und Waisen gemessen (Exodus 22, 21; Deuteronomium 10, 18f.; Jesaja 1, 17).
Die Solidarität mit den Schwachen sollte dabei nicht nur theoretische
Geltung haben, sie drückt sich auch in der konkreten Gesetzgebung aus
(Sabbatjahr Deuteronomium 15, 1f; Jobeljahr Leviticus 25, 8-31; Begrenzung
der Schuldsklaverei Exodus 21, 2-11). Schon die Propheten und Prophetinnen
Israels stellten das Volk Gottes vor die Alternative zwischen Gott und den
Götzen und kritisierten aus Glaubensgründen Ungerechtigkeit und
Habsucht.
Die Botschaft Jesu
(10) In dieser prophetischen Tradition stehend verkündet Jesus am Beispiel
des barmherzigen Samariters (Lukas. 10,25-37) und in der Rede vom Weltgericht
(Matthäus 25, 31-46) die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe. In
der Hilfe für den Notleidenden geschieht Begegnung mit Gott. Kritisch
verweist Jesus darauf, dass es nicht möglich ist, zugleich Gott und dem
Mammon zu dienen (Matthäus 6,24).
(11) Im Licht der Tradition Israels und der Botschaft Jesu sind
wir daher gerufen zu Solidarität mit den Schwachen und Hilfe
für Notleidende, aber auch dazu, auf Unrecht hinzuweisen und
falschen Göttern abzusagen.
Dem Wort Gottes verpflichtet
(12) Die jedem Kapitel des Sozialworts vorangestellten Schriftworte verweisen
auf die Bibel in ihrer kritischen und inspirierenden Funktion. So soll deutlich
werden, dass sich die Kirchen in ihrer sozialen Verantwortung dem Auftrag
Gottes, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt ist, verpflichtet wissen.
Glaubwürdig durch Engagement
(13) Die Botschaft der Kirchen ist dann glaubwürdig, wenn sie durch das
eigene Engagement gedeckt ist. Die breite Basis der Stellungnahmen im Sozialbericht
und die große Kompetenz, die sich in ihnen ausdrückt, ist Grund,
das vielfältige Engagement kirchlicher Einrichtungen, Initiativen und
einzelner Christinnen und Christen sowie ihre breite Beteiligung am Projekt
Sozialwort dankbar anzuerkennen. Auch die Aussagen dieses Sozialwortes werden
nur in Verbindung mit der Praxis der Kirchen glaubwürdig sein. Deshalb
verpflichten sich die Kirchen in jedem Kapitel zu einem entsprechenden Engagement
und zu Initiativen, an denen ihre Anliegen erkennbar werden.
Auf dieser Basis ist es möglich, mit Gruppen der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten,
sowie Forderungen an die Gesellschaft und die politisch Verantwortlichen zu
richten.
Solidarisch mit den Armen
(14) Ausgehend von der Weltzuwendung Gottes wissen sich die Kirchen in besonderer
Weise an die Seite der Armen und Ausgestoßenen gestellt. Sie betrachten
die Wirklichkeit von Welt und Gesellschaft aus der Perspektive des Evangeliums.
Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt Armen und Menschen am Rande der Gesellschaft.
Hilfe für Hungernde, Fremde und Obdachlose, für Kranke und Gefangene
ist für Jesus unerlässliche Voraussetzung für eine geglückte
Gottesbeziehung.
In Sorge um Schöpfung und Zukunft
(15) Weiters richtet sich die Aufmerksamkeit der Kirchen auf die bedrohte Schöpfung,
auf die Forderungen einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Entwicklung
und einer gerechten Verteilung der Güter dieser Erde. In dieser Blickrichtung
sehen die Kirchen heute eine weltweite Verschärfung der sozialen Konflikte,
eine Zunahme von Armut und eine sich ausbreitende Tendenz der Entwürdigung
von Menschen. Dazu dürfen und können die Kirchen um Jesu Christi
willen nicht schweigen.
Mit Zuversicht unterwegs
(16) Die Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich
engagieren sich im Vertrauen, dass sich auch in unserer Zeit die Gesellschaft
durch den konstruktiven wie kritischen Beitrag vieler weiterentwickeln kann
- zum Wohl aller. Die Kirchen werden alles daran setzen, dass die realen, materiellen
und rechtlichen Voraussetzungen für die Teilhabe aller Menschen an einem
Leben in Freiheit und Gemeinschaft, in Verantwortung und Würde geschaffen
werden können.
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