Freitag 24. November 2017
Gesellschaft

Das Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich

8 ZUKUNFTSFÄHIGKEIT: VERANTWORTUNG IN DER SCHÖFPUNG

Schöpfung

Altes Testament
Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können (Ezechiel 47,9)    

Neues Testament
Die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. (Römer 8,21)

NACHHALTIGKEIT - EINE FRAGE DER GERECHTIGKEIT

(285) Die Erfahrung mit Reichtum und Schönheit der Natur, aber auch mit den Folgen ihrer Ausbeutung und Zerstörung lässt uns Menschen die Verantwortung für die Schöpfung bewusst werden. Die Schöpfung ist den Menschen anvertraut. Geschaffen nach Gottes Bild und selbst Teil der Schöpfung, ist der Mensch nicht Herrscher, sondern Verwalter und Diener der Schöpfung. Seine Verantwortung liegt darin, die Schöpfung zu achten und zu bewahren, auch für künftige Generationen.

(286) Diese Verantwortung findet ihren Ausdruck in der Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der Armut und Unrecht herrschen, eine Wirtschaftsweise, die die Ressourcen der Erde für sich verbraucht und keine Rücksicht auf künftige Generationen nimmt, sind zutiefst ungerecht.
Diese Erfahrungen müssen einen vielschichtigen Umdenkprozess auslösen: in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, und in den Kirchen.

Schädigung der Lebensgrundlagen
(287) Das weltweite Konsum- und Produktionsvolumen liegt heute bereits über dem, was die Erde ökologisch verkraften kann. Dies bedeutet, dass die Menschheit das natürliche Kapital des Planeten schon in beträchtlichem Ausmaß aufbraucht. Der Treibhausgas-Ausstoß steigt weltweit - auch in Österreich - trotz der übernommenen Verpflichtung zur Reduktion. Die Folgen sind Gesundheitsgefährdungen für die Menschen, Umweltschäden, Aussterben von Tier- und Pflanzenarten. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser wird immer mehr zum Problem. Naturkatastrophen, sowohl Dürre als auch Überschwemmungen, gehen weltweit Hand in Hand mit der Zerstörung von Wäldern und Klimaveränderungen.

(288) Die Ursachen liegen im steigenden Energie- und Ressourcenverbrauch, nicht zuletzt für den rasch anwachsenden Verkehr. Die Folgekosten werden nur zu einem geringen Teil den Verursachern zugerechnet. Die Verantwortung tragen großteils die Industrieländer, sie leben damit auf Kosten des Südens und künftiger Generationen.

NACHHALTIGKEIT ALS PRINZIP

(289) Nachhaltigkeit bedeutet Einsatz für gerechte Lebensbedingungen und einen schonenden Umgang mit der Natur auf Zukunft hin. Wenn Nachhaltigkeit als durchgängiges Prinzip zur Anwendung kommen soll, müssen neue Konzepte des Wirtschaftens entwickelt werden.

Lebensqualität statt Quantität
(290) In den herrschenden ökonomischen Konzepten wird nicht unterschieden, wodurch „Wachstum“ zustande kommt. Auch Wirtschaftsaktivitäten, die die Umwelt zerstören, schlagen positiv zu Buche. Nachhaltiges Wirtschaften hingegen meint ein Wachstumskonzept, bei dem die Ressourcen der Erde geschont und für die nächsten Generationen erhalten bleiben. Die Frage nach der Lebensqualität tritt gegenüber einer rein mengenmäßigen Erhöhung der Produktion und des Konsums in den Vordergrund.

(291) Wenn bereits jetzt die kaufkräftigeren Menschen vor allem in den Ländern des Nordens die Erde überbeanspruchen, ist die Vision einer weltweiten Gerechtigkeit auf dem Niveau eines westlichen Lebensstandards nicht realistisch. Es sind daher Konzepte und konkrete Maßnahmen in Richtung einer Wirtschaftsweise notwendig, die sicherstellt, dass die grundlegenden Bedürfnisse aller befriedigt werden können. Für die wohlhabenderen Menschen und Länder wird die Frage lauten müssen: Wieviel ist genug? Wie erzeugen wir das, was wir benötigen, möglichst umwelt- und ressourcenschonend?

Zukunftsfähige Politik
(292) Für eine Neuorientierung braucht es entschiedene Maßnahmen wie: höhere Energieeffizienz, den Umstieg zu erneuerbaren Energien, teilweisen Konsumverzicht, fairen Handel, Marktpreise, die entsprechend dem Verursacherprinzip auch die ökologischen Kosten widerspiegeln, sinnvolle Verkehrskonzepte für Transit und Vorrang für öffentlichen Verkehr, sowie eine ökologische Steuerreform. Dabei wird neben den nationalen Regierungen auch der EU eine wichtige Rolle zukommen.


Auch internationale Abkommen müssen unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit geprüft und bewertet werden. Zu den wertvollsten Ressourcen unserer Erde gehört die große Vielfalt an Pflanzen und Lebewesen, solche, die heute bereits zur menschlichen Ernährung oder der Gewinnung von Arzneien dienen und viele andere, deren mögliche Zukunft heute noch offen ist. Die WTO Verhandlungen über handelsbezogene Rechte des geistigen Eigentums (TRIPS) könnten den Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen gefährden. Eine Auseinandersetzung mit den negativen Auswirkungen dieses Abkommens auf die biologische Vielfalt ist dringend notwendig, um schwere dauerhafte Schädigungen künftiger Lebensgrundlagen zu vermeiden.

(293) Im Jahr 2000 haben sich die Mitgliedsstaaten der UNO verpflichtet, die Armut bis 2015 zu halbieren und dabei das Prinzip Nachhaltigkeit in den nationalen Politiken zu verankern. Dafür sind noch beträchtliche Anstrengungen erforderlich. Darüber hinaus braucht es Maßnahmen, um eine höhere Verbindlichkeit bei internationalen Umwelt- und Menschenrechtsabkommen zu erreichen.

(294) Eine Hinwendung der Politik zur Nachhaltigkeit bedeutet den Wechsel von Kurzfristigkeit zu mittel- und langfristigen Strategien. Dies erfordert einen gesamtgesellschaftlichen Konsens, der auf der zunehmenden Sensibilisierung von engagierten Gruppen und Bewegungen aufbauen kann.

Unternehmen als wichtige Akteure
(295) Unternehmen sind bedeutende gesellschaftliche Akteure, besonders auf internationaler Ebene. Ihre Bereitschaft, soziale und ökologische Verantwortung wahrzunehmen und prinzipiell in ihren Strategien zu verankern, ist ein wichtiges Signal in Richtung nachhaltiger Entwicklung.
Entscheidend für den Erfolg solcher unternehmerischer Vorhaben ist die Einbindung der betroffenen Interessengruppen, die Herstellung von Transparenz und unabhängige Kontrolle.

Verantwortung der Konsumenten
(296)Durch persönliche Konsumentscheidungen und Lebensstile gestalten wir tagtäglich die Welt mit, haben Einfluss darauf, wie sehr wir unsere Umwelt schädigen oder schonen. Einfacherer Lebensstil und eine Änderung des Konsumverhaltens können zu einer gerechteren Verteilung der Ressourcen dieser Erde beitragen.
Durch Bewusstseinsbildung und politisches Engagement kann in der Öffentlichkeit die Bereitschaft geweckt werden, die Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Gesellschaft ökologisch und damit zukunftsfähig zu verändern.

Ansätze in den Kirchen
(297) In den Kirchen gibt es beispielhafte Initiativen für nachhaltiges Wirtschaften: Vom Einsatz erneuerbarer Energie bis zur biologischen Landwirtschaft in klösterlichen Gemeinschaften. In vielen kirchlichen Einrichtungen ist der Konsum von fair gehandelten Produkten eine Selbstverständlichkeit. Um diese Ansätze auszubauen, bedarf es verbindlicher Ziele und Aktionsprogramme, die sich in den Budgets und den Tätigkeitsberichten kirchlicher Gemeinschaften und Einrichtungen spiegeln müssen.
Eine konkrete Anregung für die Bewusstseinsbildung ist auch der 1. September, der bereits in mehreren Kirchen als Tag der Schöpfungsverantwortung begangen wird.

GELEBTE NACHHALTIGKEIT IN KIRCHEN UND GEMEINDEN
Aufgaben für die Kirchen:

- Die Kirchen wollen eine Spiritualität der Schöpfung pflegen und sie in Gebeten und Liturgien verankern. (298)

- Das Thema Schöpfungsverantwortung soll fester Bestandteil in Religionsunterricht und Bildungsarbeit der Kirchen werden. (299)

- Die Kirchen stellen bezahlte Arbeitszeit für Umweltarbeit zur Verfügung. Durch die Veröffentlichung von Energiebilanzen wollen sie sich und der Gesellschaft Rechenschaft geben. (300)

- Kirchliche Gemeinden, Gemeinschaften und Betriebe achten auf Nachhaltigkeit in ihrer Einkaufspolitik und in der Energienutzung. (301)

- Die Kirchen kooperieren mit anderen Einrichtungen im Umweltbereich und fördern zukunftsweisende Initiativen. (302)

- Die christlichen Kirchen in Österreich wollen in ihrer Missionsarbeit den Einsatz ihrer Partnerkirchen für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in aller Welt aktiv unterstützen. (303)

NACHHALTIGKEIT VERANKERN
Aufgaben für die Gesellschaft

- Die Kirchen treten dafür ein, dass das Prinzip Nachhaltigkeit in Handlungsstrategien und Entscheidungsprozessen von nationalen Regierungen und internationalen Organisationen verankert wird. (304)

- Die Kirchen fordern, dass multilaterale Menschenrechts- und Umweltabkommen gegenüber Handelsabkommen aufgewertet werden. (305)

- Die Kirchen appellieren an die österreichische Bundesregierung, sich innerhalb der EU dafür einzusetzen, dass in einem dynamischen Wirtschaftsraum Europa auch weiterhin hohe ökologische und soziale Standards gelten. (306)

- Die Kirchen fordern Unternehmen, vor allem, wenn sie international tätig sind, dazu auf, sich durch klare Umwelt-, Sozial-, und Menschenrechtskriterien zu einem verantwortungsvollen Verhalten zu verpflichten. (307)

- Die Kirchen wenden sich an alle gesellschaftlichen Gruppierungen und die Medien, in der öffentlichen Diskussion legitime kurzfristige Einzelinteressen nicht gegen zukunftsorientierte Konzepte auszuspielen. (308)

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