Sonntag 19. November 2017
Gesellschaft

„Spiritualität – ein Schmiermittel der Gesellschaft“

Ursula Baatz bei der Weinviertel Akademie über „Spiritualität für die Menschen von heute“

„Spiritualität ist alles was hilft, heilt und weiter bringt am eigenen Weg. Sie ist Verbundenheit und Selbsttranszendenz aus psychologischer Sicht, ein Schmiermittel der Gesellschaft“, sagte die Autorin und Religionswissenschaftlerin Ursula Baatz bei der 26. Weinviertel-Akademie am 26. März 2015 im Bildungshaus Großrußbach, zu der die Katholische Aktion gemeinsam mit dem KBW, Bildungshaus und „Der Sonntag“ Zeitung zum Thema „Spiritualität für die Menschen von heute“ eingeladen hatte.

 

„Gesucht wird ein sinnvolles Leben zu führen, … auf der Suche nach Wahrheit“

Mit dem Übergang von der Agrarwirtschaft  zur industriellen und post- Wirtschaft und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen vom Feudalsystem zur Demokratie habe sich auch das Weltbild der Menschen „wesentlich geändert“, legte die ehemalige Religionslehrerin und ORF 1 Journalistin Ursula Baatz dar. Sie verwies darauf, die großen Weltanschauungsblöcke seien zerfallen, Kirche und Gewerkschaften verlieren an Mitgliedern, aber auch der Gottesdienstbesuch oder die Mitgliederzahlen gingen seit 1968 stetig zurück, was nicht heiße, dass „Spiritualität verschwindet“.

 

Baatz berichtete, nach einer Studie aus dem Jahr 2005  sagten 52 Prozent der Deutschen, Religion ist nicht wichtig für ihr Leben. Gleichzeitig glauben 67 Prozent an Gott oder an eine spirituelle Macht.

Das Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Wort Spiritualität sei im Deutschen neu, nahm aber einen Aufschwung nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Heute sei es den Menschen wichtig, ein „Leben aus dem Geist Gottes“ (griechisch pneumatikos) zu führen, so Baatz. Dem entsprechend gebe es eine franziskanische, hinduistische, oder auch eine orthodoxe Spiritualität. Letztere orientiere sich mehr an der Auferstehung, während sich „die Westkirche mehr am Kreuzestod orientiert“, sagte Baatz.

 

„Gesucht wird ein sinnvolles Leben zu führen; diese Sehnsucht teilen viele Menschen, die sich nicht mehr auf die Kirche festlegen wollen. Allen gemeinsam ist die Sehnsucht nach Ruhe“, bekräftigte Baatz, die auf psychotherapeutische Konzepte, Spiritual Care oder auch spirituelle Stadtteilarbeit verwies. Den Menschen gehe es  heute “darum, das Leben gut zu bewältigen“. Hatte Religion früher eine Versicherungsfunktion, so sei sie heute weder Schicksal noch an Territorium gebunden. „Die Menschen sind spirituelle Wanderer, die sich nicht an Identitätszuschreibungen halten“. Das Leben solle daher „persönlich stimmig sein, weil das nicht einer äußeren Instanz überlassen ist. Religion ist ein persönlicher Prozess, der einem weiter hilft auf der Suche nach Wahrheit“, so die Autorin.

 

Spiritualität will „Achtsamkeit, den Alltag mit Geist erfüllen“

Baatz wies auf die Bedeutung der „Achtsamkeit“ für die Spiritualität hin, über die der Jesuit Aloysius Pieris schrieb: „ Trotz der nicht verhandelbaren Unterschiede zwischen Buddhismus und Christentum ist die Übung der Achtsamkeit, wie sie in den zwei Religionen empfohlen wird, der gemeinsame Grund, auf dem sie Ähnlichkeit und auch unvereinbare unterschiedliche Identitäten zeigen“. Während „Buddha, der Erwachte“, zu einem „Erwachen aus Gier, Hass und Verblendung“ führe, stehe „Christus, der Messias ist auferstanden“, für „Aufstehen, Aufwachen, heißt seid ohne Furcht, fürchtet euch nicht“, was „für Christen eine klare Umsetzung“ von der „Wirklichkeit der Verwandlung zur Verwandlung der Wirklichkeit“ bedeute. So habe der Jesuit Hugo Enomiya-Lasalle SJ (1898 – 1990) mit dem Bau der Gedächtniskirche für die Hisoshima Atombombe eine Brücke zum Zen-Buddhismus und Christentum errichtet. Und beim Smokey Mountain, der Mülldeponie in Tondo, Manila, habe die „Pfarre zum auferstandenen Christus“ den Leuten geholfen, einen „Arzt zu bekommen, lernen lesen und schreiben damit Menschen aufstehen können“, führte die Religionswissenschaftlerin aus.

 

Abschließend meinte Baatz: „Die Esotherik Themen haben alle mit weichen Themen zu tun. Über eine personale Gottesbeziehung wird erst seit den 50er Jahren geredet“. Da gehe es um Gefühle, Wahrnehmung. „In einer Nomaden-Gesellschaft darf niemand über wehe Füße klagen. In einer Industriegesellschaft darf niemand über Gefühle reden“,  sage  der Philosoph Thomas Macho.

 

Spiritualität sei daher „eine Lebensweise, die von ontologischen und metaphysischen Perspektiven getragen ist. Die Frage ist, wie offen sind Menschen, wie rigide. Wie sehr sind Menschen auf lebensförderndes Wachstum aus, ist es lebensfördernd, menschenfreundlich“, fragte Baatz. Spiritualität wolle „den Alltag mit Geist erfüllen, ein Ziel vor Augen haben, Gemeinschaft finden, Erfüllung finden. Spirituelle Menschen kommen oft in eine Radikalität hinein“. Baatz ergänzte, der Buddhismus sei „ein wesentlicher Teil der antikolonialen Bestrebungen. Volkskirche bei uns ist Zwangskirche; Diesen Geruch los zu werden geht nicht so schnell. Kirche zehrt aus der Geschichte, aus Mythen. Was die Leute bewegt, sind Geschichten, das ist Populärkultur“, schloss Baatz.

 

Weihbischof Turnovszky: „Ich konstatiere eine Christusvergessenheit in diesem Land“

In der anschließenden Podiumsdiskussion sagte Gerhard Weißgrab, der Präsident der Buddhistischen Glaubensgemeinschaft in Österreich: „Der Buddhistische Weg ist eine Erkenntnisreligion, keine Glaubensreligion; Es ist ein permanenter Weg“. Er neige immer mehr bei Vorträgen den Menschen zu sagen: „Sit down and shut up. Buddhismus ist harte Arbeit an sich selbst“. Für ihn begann 1979 mit der Reise nach Sri Lanka „der lange Weg in den Buddhismus hinein; von der theistischen zur nicht-theistischen Religion“. Heute gebe es etwa 25.000 – 30 000 Buddhisten in Österreich und etwa 100 -200 kommen pro Jahr dazu.

 

Weihbischof Stephan Turnovszky sagte dazu: „ Ich geht den langen Weg in den Christlichen Glauben hinein. Es ist ein Hineinwachsen in den Glauben, in eine persönliche Lebensbeziehung. Wesentlich ist die Du Bezogenheit. Gott ist Liebe, ist nahe; das ist für mich die Mitte meiner Spiritualität. Je älter ich werde, umso mehr Freude hab ich am stillen beten. Die große Herausforderung ist, dass Spiritualität sich außerhalb von dem bewegt, was wir Volkskirche nennen. Ältere Menschen, die mit dem Rosenkranz gelebt haben, sind tief spirituelle Menschen“. Ebenso gebe es „christliche Meditation und christliche Kontemplation“.

 

Für ihn seien „Beurteilungskriterien von Spiritualität: Gibt es ein Wachsen der Nächstenliebe? Dazu muss gesagt werden, für Christen ist Gottesliebe und Nächstenliebe eins. Ist mein  Gebet und spirituelles Leben unabhängig von meinen Stimmungslagen? Geht es mir um mein eigenes Wohlgefühl, um mich, oder bin ich nach außen hin geordnet? Wenn die Menschen gut sind ist die Religion gut“, bekräftigte Turnovszky. Er schloss: „Ich konstatiere eine Christusvergessenheit in diesem Land. Eine Jesus-, Gottvergessenheit gibt es nicht. Kann ich glauben, dass Jesus mir so nahe wird, dass ich mich anhalten, mitgehen kann, dass es meine Geschichte ist, ich mit gemeint und erlöst bin? Ich muss nichts leisten, ich darf mich beschenken lassen“. Und auf Baatz´s Hinweis, es gebe „bedauerlicherweise keine Theologie der Auferstehung“, antwortete der Weihbischof: „Paulus ist der erste Theologie der Auferstehung“. Auch den „Autor des Johannes Evangeliums“ sehe er so. 

 

 

Die „Sehnsucht ´nach dem Mehr´ ist groß“

Spontan dankte ein Plenumsteilnehmer „herzlich“ für den Abend, an dem er so “viel mitbekommen“ habe wie schon lange nicht. Die Musikerin Veronika Humpel von der Gruppe VErWolf sorgte mit „Wiegenliedern aus aller Welt“ für eine stimmungsvolle musikalische Umrahmung. Direktor Franz Knittelfelder konnte unter den über 100 TeilnehmerInnen KA-Wien Präsidenten Walter Rijs, den Ehrenobmann des Vereins der Freunde des Bildungshauses, Hofrat Karl Litschauer, den ehemaligen Bezirkshauptmann Gerhard Schütt und die Stv. Vikariatsrat-Vorsitzende Helga Zawarel begrüßen. Die KA Nord Vorsitzende Barbara Müller sagte einleitend, die Großmutter ihres Mannes und auch ihre Schwiegermutter könnten mit Spiritualität „nichts anfangen“. Die „Sehnsucht ´nach dem Mehr´ wie es Dorothee Sölle nennt ist groß und nicht nur kirchliche Einrichtungen sind gefragt, sie zu erfüllen“.

 

Mit einer Meditation über Theresa von Avila, die dieses Jahr ihren 500. Geburtstag feiert, schlossen Hermine Scharinger und Rosi Gmeiner von der Kfb den Abend: „Beten ist nichts anderes als Reden mit einem Freund, mit dem ich oft und gern zusammen bin“ sage Theresa von Avila, die in Spanien 16 Klöster gegründet habe, „Beten heißt Schweigen, Dasein mit Gott. Gott sieht nicht auf die Werke, sondern auf die Liebe, mit der sie gegeben werden“ lautete ein anderer Impuls.

Franz Vock

 

 

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