Mittwoch 22. November 2017
Gesellschaft

Beck: Christen müssen sich „auf Augenhöhe mit der Welt bewegen“

Moraltheologe Beck fordert beim Männertag der KMB Wien mehr Augenmerk auf Sachverstand, Auskunftsfähigkeit und Mündigkeit

„Als Christen müssen wir die Welt gestalten, Sauerteig sein und ich habe den Eindruck wir gallopieren nur noch hinterher. Wir müssen uns auf Augenhöhe mit der Welt bewegen. Wenn wir das nicht tun, dann sollten wir schweigen“, sagte der Moraltheologe, Mediziner und Pharmazeut Matthias Beck, der gleichzeitig Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission, der Europäischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie für das Leben in Rom ist, beim Diözesan-Männertag der KMB der ED Wien am 21. März 2015 in der Wiener Arbeiterkammer vor rund 70 Verantwortlichen aus allen drei Vikariaten, unter denen auch Bischofsvikar Dariusz Schutzki weilte.

 

"Wir müssen heraus aus der Ängstlichkeit, müssen gestalten, uns auf Augenhöhe mit der Welt bewegen. Wir haben den Heiligen Geist vernachlässigt", sagte der Theologe und Mediziner Matthias Beck beim Diözesan-Männertag.

 

„Heraus aus der Ängstlichkeit“ - „Ihr müsst selbst denken“

Beck berichtete, viele Menschen stellten heute die Frage: Christentum - was ist das eigentlich? Auf die an ihn herangetragene Bitte: Sagen sie uns was über das Christentum, weil sich unsere Schüler nicht mehr wehren können, habe er das Buch “Glauben – wie geht das?“ verfasst. Eine Studie besage, 40 Prozent der Menschen sind existentiell indifferent in den deutschsprachigen Ländern. In Wien gebe es gegenwärtig noch 35 Prozent Katholiken und jedes Jahr 15000 Kirchenaustritte. In einigen Jahren seien es noch 20 Prozent. Der Atheismus komme zum Teil aus dem Christentum selbst durch ein schlecht vermitteltes Christentum, diesen Satz habe er in einem Konzilsdokument gelesen. Es stelle sich daher die Frage: “Nehmen wir überhaupt ernst was wir verkünden“. In akademischen Institutionen höre er: „Du bist ein Christ, mit Dir diskutiere ich nicht, Religion ist irrational“ oder „Theologie ist doch gar keine Wissenschaft“, aber auch: „Können wir endlich einmal nach vorne denken und nicht immer nach hinten schauen“.

 

Der Theologe und Mediziner kritisierte, das Christentum sei als „vernünftige Religion“ in vielen Lebensbereichen ins Hintertreffen geraten. In der Kirche werde kaum Fachkompetenz in Gesellschaftsfragen vermutet und diese sei auch viel zu wenig anzutreffen. Vielmehr sei heute gefragt: „Wir müssen in zwei Minuten sagen können warum wir Christen sind“. Er führte aus: “Die Behäbigkeit des Katholischen muss ein Ende haben. Ihr müsst selbst denken, sagt Papst. Der Umbruch in der Kirche könnte nicht größer sein. Da gibt es große Widerstände“, betonte Beck.

 

„Es kommt immer mehr auf den Einzelnen an. Wir haben eine Individualisierung, einen Paradigmenwechsel in der Medizin. Tatsache ist, dass 30-40 Prozent der Krankheiten durch Lebensstiländerung geheilt werden könnten; da kommt das Christentum dann ins Spiel als spirituelle und heilende Religion“, legte Beck dar. Lebensstiländerung, auch eine spirituelle Ausrichtung könne durchaus etwas mit Krankheit und Gesundheit zu tun haben. Zum Umgang der Christen mit der Welt fragte Beck: „Wer steht den Politikern bei, auch den christlichen? Wer ist bei den Ärzten, die Abtreibungen vornehmen müssen? Wer ist bei den Wirtschaftlern, den Wissenschaftlern, die womöglich Entscheidungen treffen müssen, die sie ethisch kaum verantworten können? Wir müssen Netzwerke bilden, uns zusammenschließen und nicht andere ausschließen“. In Deutschland sei aufgrund von 500 Jahren Auseinandersetzung mit Luther und dem Protestantismus das dialogische Geschehen, der Dialog der Konfessionen sowie das Kirche-Staat-Verhältnis recht gut ausgebaut. „Die Auseinandersetzungen und auch das Einüben von Streitgesprächen hat hier vorwärts gebracht. Wir müssen heraus aus der Ängstlichkeit, müssen gestalten“, bekräftige der Theologe. Für das Judentum sei klar, Gott spricht. Das Handeln Gottes habe sich im Judentum in der äußeren Befreiungsbewegung gezeigt und im Neuen Testament fortgesetzt als innere Befreiung (Zur Freiheit habe ich Euch befreit, Gal 5,1). „Die Frage der Demokratie und der Freiheit hängt auch zusammen mit unseren Gottesbildern“, unterstrich Beck.

 

„Wir haben den Heiligen Geist vernachlässigt“

Erkenntnis, Einsicht, Unterscheidung der Geister seien drei der sieben Gaben des Heiligen Geistes, sagte der Theologe und fragte: „Wie viel sind die Menschen trainiert worden, sich selbst zu erkennen – in der Ehepastoral? Das hat etwas mit Beziehung zu tun. Kirche soll die Menschen zur inneren Anbindung an Gott führen“, präzisierte Beck. „Wenn Christen glauben, ist das vernünftig, ist das logisch. Wir sind eine Religion der Inkarnation. Als Glaubende gehen wir mit einem größeren Horizont an die Themen heran. Wir brauchen gute Wissenschaftler, die andere Fragen stellen. Religion ist vernünftig, logisch“, so Beck.

 

„Liebe hat etwas zu tun mit Beziehung. Gott ist ein Beziehungsgeschehen in sich selbst. Es gibt Menschen die sagen mir, die Kinder sind Beziehungsgestört. Große Probleme machen heute die Identitätsstörungen bei Jugendlichen. Es gibt junge Menschen die sagen: Wir sind Christen, aber es hat uns niemand gesagt, was das Christentum ist“, machte Beck aufmerksam. Und zur Unterscheidung der Geister sagte er: „Überall dort, wo ich mit dem Willen Gottes in Übereinstimmung bin, kommt Freude auf und innerer Frieden. Der Christ ist immer ein produktiver Christ, weil der Heilige Geist in ihm wirkt. Die Frage ist, ob wir den Geist wirken lassen oder ihn blockieren. Wir sollen hören, was Gott uns zu sagen hat. Primär sollen wir den Willen Gottes tun. Wir sind eine spirituelle Religion, haben den Heiligen Geist. Die dritte Person haben wir vernachlässigt, Weihnachten und Ostern kommerzialisiert; Pfingsten lässt sich schlecht merkantilisieren“, so Beck.

 

Wir brauchen eine Ausbildung der Menschen  zu innerer Stärke“

„Wir haben einen Verlust an innerer Mitte“ konstatierte der Wissenschaftler und fragte: „Wo ist die spirituelle Unterweisung der Christen mit Sachverstand. Wir brauchen eine Ausbildung der Menschen  zu innerer Stärke. Das erfordert eine Einsicht in die Biographie und Unterscheidung der Geister. Wir sind nicht genügend auf das Selbst Denken vorbereitet. Sie machen aus einem Kommunisten keinen eigenständigen Unternehmer. Das dauert mindestens 20 Jahre“, sagte Beck.

 

„Wir beten Dein Wille geschehe. Das ist immer ein Stück Fremdbestimmung. Wenn ich an Stelle Gottes die Kirche setze, kann das zu Unterdrückung führen. ´Dein Wille geschehe´ heißt die Autorität Gottes in mir erkennen lernen. Wenn ich das durch die äußere Autorität Kirche ersetze, kann das zur Entmündigung führen. Der Mensch soll aber durch die innere Autorität Gottes in ihm zur Eigenständigkeit geführt werden. Christentum muss die Verwirklichung der eigenen Gaben im Dienst an sich selbst und an den anderen sein. Das sollte eine win-win Situation sein“, forderte Beck. Wichtig sei daher, dass Christen über ihren Glauben „Auskunft geben“ könnten; dass heute viele daran scheiterten, sei „schwere Sünde“, so Beck.

 

„Nur mit Sachverstand können wir die Schwachstellen aufzeigen. Um die Mühe kommen wir nicht herum. Wir müssen uns die Mühe machen. Wenn ich aus der Sache heraus argumentiere, bekomme ich plötzlich wieder Gehör“, gab Beck zu bedenken. Abschließend forderte er: “Wir brauchen einen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik, auch einen für politische Ethik. Wo sind die christlichen Politiker? Wo sind die Menschen, die die Welt gestalten. Die Priester sollen die Menschen spirituell ausbilden für die Alltagsfragen. Das wäre ein modernes Christentum. Die Tugend der Tapferkeit muss ich heute eher mit Zivilcourage übersetzen. Zivilcourage kann ich nur haben, wenn ich einen inneren Stand habe, ein Standing, Sachverstand und Personality. Wir müssen in der Gesellschaft sein und an den Brennpunkten der Welt“, wozu es ein „antizipativ vorausschauen und antizipativ voraus denken“ brauche, schloss Beck.

 

Pressesprecher Prüller für „institutionalisierten Gedankenaustausch zwischen Politik und Kirche“

In der Podiumsdiskussion meinte der Pressesprecher der Erzdiözese Wien, Michael Prüller, in Österreich hätten katholische Positionen verstärkt den Charakter von „Minderheitenpositionen. Die Kirche hat es schwer bei der Politik Gehör zu finden“. Das habe „mit der Mobilisierungskraft zu tun“, die in den vergangenen Jahrzehnten kaum genutzt wurde. Doch „es gehört zum Selbstverständnis der KA, dass sie zum Sprachrohr gehören“. Gleichzeitig gäbe es aber auch neue Formen des Engagements, wo Christen von sich aus in gesellschaftlichen Fragen Initiativen ergreifen. Ebenso regte Prüller einen „institutionalisierten Gedankenaustausch zwischen Politik und Kirche“ an.

 

Der Publizist Andreas Unterberger ortete einen fehlenden Mut in der Katholischen Kirche „zu etwas zu stehen“. Die Beweglichkeit vermeintlich katholischer Positionen „kommt schlecht an bei einer Organisation, die die Ewigkeit vertritt“. Der Einsatz für den arbeitsfreien Sonntag oder für kirchliche Feiertage ermögliche heute auch „keine Identifizierung mehr. Die Jugendlichen wollen gerade Latten haben zum Anhalten“, schloss Unterberger in der von Christoph Riedl-Daser moderierten Podiumsdiskussion.

 

Das Mödlinger Synfonische Orchester unter Prof. Conrad Artmüller umrahmte den Diözesan-Männertag musikalisch. Diözesanobmann Helmut Wieser freute sich unter den Gästen KA-Wien Präsident Walter Rijs, KA-Wien Generalsekretär Christoph Watz, den Stv. KAB-Diözesanvorsitzenden Hans Lechner und den Direktor des Bildungshauses Großrußbach, Franz Knittelfelder, begrüßen zu können. Einleitend  ermutigte Wieser die Pfarr-, Dekanats- und Vikariatsverantwortlichen zu einem verstärkten gesellschaftspolitischen Engagement,  worüber in den Vikariatskonferenzen am Nachmittag beraten wurde.                 Franz Vock

 

http://www.kathpress.at/site/nachrichten/database/68716.html

Katholischen Aktion
Erzdiözese Wien

Stephansplatz 6/5
1010 Wien

Tel. +43 1 51552-3312
Fax: 01/ 51552-3143
katholische.aktion@edw.or.at
Darstellung:
http://ka-wien.at/