Sonntag 19. November 2017
Berichte

Busek: „Man kann immer was machen!“

Ehemaliger Vizekanzler über Europa, die 10 Gebote, Vielfalt und schöpferischen Beitrag

„Wir brauchen in Europa eine neue Aufklärung, die eine Hoffnung war, um mehr Verständnis zu bringen. Man kann immer was machen“, sagte der ehemalige Vizekanzler Erhard Busek vor über 100 BesucherInnen aus dem gesamten Industrieviertel bei seinem Vortrag zum Thema „Mischt euch ein. Migration – Religionsvielfalt – Erwerbslosigkeit. Bietet ein christliches Europa Lösungen?“, zu dem die AMG Akademie (Actio Missionis Gaudio, eine KMB Gründung, siehe www.amg-akademie.at) am 6. März 2015 in das Stift Heiligenkreuz eingeladen hatte.

 

Busek: „Es geht nicht um Herkunft, sondern um schöpferischen Beitrag“

 

„Von den ersten drei Geboten wird nicht mehr gesprochen“

Europas Bevölkerung sei nur noch 7% der Weltbevölkerung. Die Wirtschaftsleistung von 20 Prozent werde weiter sinken. Klöster wie Göttweig oder Heiligenkreuz hatten in den Anfängen eine kulturpolitische Bedeutung durch Urbarmachung und die Bildungsaufgabe. „Wir werden Abschied nehmen müssen oder haben schon Abschied genommen vom christlichen Europa zu reden. Europa ist kein Christenclub mehr“. Heute könne man noch sagen, Europas „kulturhistorischer Hintergrund wurde wesentlich vom Christentum geprägt“, wofür ein Europäisches Dokument drei Punkte nenne: Das jüdisch-christliche Religionsverständnis, das römische Recht und die Aufklärung, legte Busek dar.

 

„Die Säkularisierung geht in die Richtung, dass wir von unseren eigenen Wertvorstellungen nicht mehr viel wissen“, machte Busek aufmerksam. Dem Ruf, die Politik müsse neue Werte vorgeben, entgegne er, schon zufrieden zu ein, wenn an die alten Werte geglaubt und danach gelebt werde. „Die 10 Gebote sind eine Wertvorstellung. Von den ersten drei Geboten, die von Gott handeln, wird nicht mehr gesprochen. Diese enthalten das Woher und Wohin des Lebens. Sie sind im westlichen Europa in einem hohen Ausmaß verloren gegangen. ´Aus dem Abendland ist ein Lebensabendland geworden´, sagt der frühere Minister Tuppy“, so Busek.

 

„Mit Panzern und Hubschraubern werden wir das Problem nicht bewältigen“

Die Welt gehe „heute auf einen wirklichen Wandlungsprozess zu, wo wirtschaftliche und soziale Dinge eine große Rolle spielen. Krise ist immer  eine Periode, wo man beurteilen und verändern muss“, unterstrich Busek und fragte: „Wo nehmen wir unsere Orientierung her“. Wie die Hasssprache im Internet, nehme auch die Mobilität in einem ungeheuren Ausmaß zu. Ökologische Gründe, Missernten, oder der Sehnsucht, in eine bessere Welt hinein zu kommen – man könne „die Völkerwanderung von damals durchaus vergleichen mit der heutigen Situation“. Der Gedanke, Anschläge wie in Paris auf Charlie Hebdo mit Waffen bewältigen zu können, sei aber „glatter Unsinn. Mit Panzern und Hubschraubern werden wir das Problem nicht bewältigen“, so Busek, der zugleich betonte: „Wir müssen uns bewusst sein: Meine Freiheit hat ihre Grenze in der Freiheit des anderen“.

 

Die Frage der Bindung als Auskunft, woher man komme, spiele heute eine „große Rolle. Heimat ist Bindung“, betonte Busek und verwies auf eine Untersuchung von Edith Schlaffer, die zeige, „der einzige Kontakt der hält, ist der Kontakt zur Mutter“. Österreich habe mit 190 Dschihadisten einen höheren Prozentsatz als in Deutschland. Als ihm drei junge Männer sagten, sie seien eben zum Islam übergetreten, bekam er auf Nachfrage zur Antwort: „Die verlangen noch was, die wollen was ändern. Das sind Dinge die uns nachdenklich stimmen müssen, die für die Existenz Europas und der Welt entscheidende Bedeutung haben“, so Busek. Es sei eine Herausforderung und schwierig, diese Solidarität heute durchzubringen. „Mischt euch ein ist eine soziale Aufgabe. Es stellt sich auch die Frage, wie es mit der praktischen Dimension der Nächstenliebe steht. Diese Diskussion gibt es nicht“, gab der ehemalige Vizekanzler zu bedenken.

 

„Geht hinaus – Tun wir das oder verschweigen wir uns?“

Er sei noch mit der Volkskirche und dem Mariazeller Manifest aufgewachsen, habe seine Prägung „aus der Katholischen Aktion, aus der Katholischen Jugend. Diese Weltverantwortung des Christen hat mich geprägt, darum bin ich in die Politik gegangen. Das hat mich dazu gebracht, mich politisch zu engagieren. Beim Salzburger Katholikentag 1962 wurde die Kirche als Gewissen der Gesellschaft bezeichnet. Inwieweit sind wir das heute noch? Das müsste uns sehr nervös machen. Wir nehmen unsere Verantwortung überhaupt nicht wahr“, sagte Busek selbstkritisch im Hinblick auf Lampedusa.

 

„Wien war um 1900 die zweitgrößte tschechische Stadt. Heute ist Wien die zweitgrößte serbische Stadt. Diese Wanderschaft erzeugt eine Reihe von Problemen. Wir tun uns schwer mit der Vielfalt“. Internationalisierung, Diaspora oder einer Minderheitensituation erfordere mehr Organisation und ein „Geht hinaus. Fragen wir uns, tun wir das oder verschweigen wir uns“, so Busek. Der Eurovision Song-Contest als einzige europäische Talkshow und politische Sendung signalisiere Sympathie oder Antipathie. Auch die Probleme mit dem Nachbarn Ungarn gehen einem immer was an, weil dies das Umfeld, das gegenseitigen Verstehens beeinflusse. Sonst würden in komplexen Situationen die Vorurteile zunehmen. Auch habe er den Eindruck einer Rückkehr der Geopolitik. Der Konflikt in der Ukraine gehe an den internationalen Organisationen vorüber. Einzig die OSZE sei zugelassen. Bei der ungeheuren Zunahme von Konflikten habe er „Bauchweh, dass wir im 3. Weltkrieg sind“, sagte Busek. 

 

„Es geht nicht um Herkunft, sondern um schöpferischen Beitrag“

Europa bekomme eine Rechnung präsentiert für die Vergangenheit. Die Landkarten im Nahen Osten und Afrika seien künstlich gezogen worden – mit dem Lineal. Da gebe es viele gerade Grenzen. Das falle uns auf den Kopf. „Da lässt sich mit Sicherheit einiges machen. Wir brauchen eine neue Initiative“, gab sich Busek entschlossen und deponierte:  „In einer Zeit, wo sich vieles verabschiedet, müssen wir die Europäische Integration fortschreiben“.

 

Gleichzeitig sei die Kultur ein großer Reichtum. Es geht also °nicht um Herkunft, sondern um schöpferischen Beitrag“. So sei Brücken zu bauen mit der russischen Literatur etwas Bleibendes. „Es ist notwendig, dass wir die Herausforderung annehmen. Der Verlust der Religion bringt einen Verlust der Sozialisation“, schloss Busek, der abschließend dafür plädierte: “Es ist wichtig, dass diese Länder auf die Füße kommen. Das ist mit Sicherheit billiger als die Abwehrmaßnahmen, die wir entwickeln. Wir investieren viel mehr in die Abwehrmaßnahmen statt in Maßnahmen zur Beseitigung der Gründe“.

 

Nach einem lang anhaltenden Applaus dankte Direktor Günter Bergauer Busek für den „großen Bogen“ und die erhaltene Ermutigung. Als Dank der Bruderschaft St. Christoph am Arlberg überreichten Oberstleutnant Alexander Eidler von der Garde Wien und Willibald Audhried von der Staatsdruckerei an Busek die vom Künstler Ernst Fuchs übermalte Faksimile der Kriegserklärung an meine Völker“. Unter den weiteren TeilnehmerInnen waren Familienministerin a. D. Sonja Moser, Staatssekretär a. D. Alfred Finz, oder der Präsident des Oberlandesgerichts Wien a. D. Anton Sumerauer vertreten. Die anschließende Agape nutzen die zahlreichen BesucherInnen zur Begegnung und einem ausführlichen Gedankenaustausch.

 

Franz Vock

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