Sonntag 19. November 2017
Berichte

Veränderung in der Kirche angehen

„Fürchtet euch nicht. Wir wissen oft nicht wie es weiter geht! Wir spüren nur die Wehen der Geschichte“, sagte der Domprediger zu St. Stefan, Ewald Huscava, beim Einstieg zu seinem Vortrag über „Veränderung in der Kirche angehen“ im Rahmen des Lehrgangs „Strukturreform – Wir machen mit“ auf Einladung der AMG-Akademie am 4. April 2014 im Stift Heiligenkreuz und skizzierte dies an den verschiedenen Entwicklungsepochen des Christentums vor den Vertretern des Industrieviertels.

Wachstum durch Gemeinschaft – Motor Herrenmahl

Während Jesus Aramäisch und Hebräisch sprach, war Jerusalem in der Zeit der Ankunft des Christentums in der griechischen Kultur eine „zweisprachige Wallfahrerstadt. Es gab eine griechische Leitkultur“, erläuterte Huscava. „Die Steinigung des Stephanus war ein Disaster; dass die Griechischsprachigen fliehen mussten war ein Disaster. Die Zerstörung des Tempels, der Heimatverlust der Christen, bedeutete, dass sie eigenständig werden mussten“, führte Huscava näher aus. Dem entsprechend wurde „das Christentum in seinen Ursprüngen als Philosophenschule wahrgenommen. Die Synagogen waren Weiterbildungsveranstaltungen. Es gab eine Kollision mit dem Monotheismus. Im Tempelbetrieb gab es eine Kultur des Opfers und Prozessionen“, so Huscava.

 

„Das Christentum erlebte ein Wachstum durch die offene Gemeinschaft, in der es eine intensive Kommunikation gab. Ein wesentlicher Motor war dabei das Herrenmahl, wo nach dem Essen und Trinken ausgetauscht wurde“, berichtete Huscava. Es gab „Älteste, eine Presbyteriale Leitung“, aber auch „Episcoboi und Diakonos“. Ebenso bedeutsam für das Wachstum wurden „die öffentlichen Gerichtsverhandlungen. Im Gedenken an die Märtyrer, die ihr Leben hergegeben haben, wurde beim Herrenmahl daran gedacht. Dieses wurden zuerst in den privaten Häusern, später in den Gaststätten gefeiert“, so Huscava. „Manchmal gibt es Umbrüche, die eine eigene Kraft entwickeln“, fügte er hinzu.

 

Leitkultur Christentum - „Produkt Gebet“

Erst als Konstantin das Christentum als Religion erlaubte, „begannen die Kirchenbauten. Die Bischöfe wurden zu Amtsmännern, die Amtsaufgaben und die Rechtsprechung in Zivilprozessen wahrnahmen. Die Kirche wurde Kulturträgerin, machte Taufen, das Christentum wurde zur Leitkultur. Das Geistliche und Weltliche bildete eine Einheit im Kaiserreich, wo von der gesamten Bevölkerung etwa 20 Prozent Christen waren“, skizzierte Huscava.

 

Während der Völkerwanderung brach das griechisch-römische Kultursystem zusammen. „Die Bischöfe wurden zu Verwaltern von größeren Gebieten. Gregor der Große hatte einen Universaljob. Er war letzte Autorität und initiierte die Mission der Angelsachsen. Das Letzte was starb, war die Bürokratie“, so Huscava. In der Zeit Karl des Großen gab es Klostergründungen. „Das Mönchtum war die erste Fabrik des Abendlandes. Das Buch hatte damals den Wert eines größeren Bauernhofs.“ Es gab `Ora et labora´, wo die Mönche für mich beten konnten, „eine arbeitsteilige Gesellschaft. Das Produkt des Klosters ist das Gebet“, unterstrich Huscava. Neben den privaten Klöstern gab es aber auch Bischofssitze, wo „der Kaiser bestimmte, wer Bischof wird“, so Huscava.

 

„Die Reformation – ein Erdbeben, … lange Orientierungslosigkeit“

In der „Christentümlichen Gesellschaft“ brach mit dem Investiturstreit „das Geistliche und Weltliche auseinander. Das Christentum war voll von Auseinandersetzungen, rang um eine neue Kirchenform“, führte Huscava weiter aus. „Um 1200 taucht das Bürgertum auf, was unsere sozialen Wurzeln betrifft. Der Handel war voll im Gang. Entlang den Handelsstraßen erfolgte ein Austausch von Waren und Ideen. Dem stand Franziskus gegenüber mit dem Gegenpol Armut. In jeder mittelalterlichen Stadt waren 10 Prozent der Menschen im kirchlichen Dienst. Es entwickelte sich ein überregionales Mönchstum. Die Finanzierung der Priester erfolgte über Pfründe“, legte Huscava dar.

 

„Die Reformation war eine Reaktion des Bürgertums auf die Unreformierbarkeit der Kirche. Dieses Erdbeben hat die Gesellschaft so erschüttert, dass lange Zeit Orientierungslosigkeit geherrscht hat. Das Bürgertum waren die Gebildeten, die Katholiken die Ungebildeten. Es galt: Cuius regio eius religio. (Wie die Herrschaft, so die Religion)“, erläuterte Huscava.

 

„Die Protestanten, die einfachen Männer und Frauen, konnten Lesen und Schreiben. Die Jesuiten sagten, wir brauchen Bildung und zogen nach“, so Huscava. Ignatius von Loyola brachte ein: „Ich stehe vor Gott und reflektiere mein Leben“. Ab etwa 1200 wurde aus „Man ist religiös - Ich bin religiös“. Die Katholische  Kirche schaute nun, dass die Priester eine Ausbildung bekamen (Karl Borromäus). „In der Zeit der Gegenreformation waren die Bischöfe noch immer adelig, die Kirchenleitung im Besitz des Hochadels. Die Klöster waren sehr reich“, fasste Huscava zusammen.

 

Vom „Hype der Kirche“ zum „Glauben anbieten“

Mit Maria Theresia, Josef II. und der Einführung der Schulpflicht wurde der Schwerpunkt entwickelt: „´Ich will Menschen bilden´. Ein Anliegen der Aufklärung war es: ´Die sollen verstehen´. Das Anliegen des Josephinismus war ´brav sein´.  Es erfolgte eine Bürokratisierung der Kirche. Der Pfarrhof wurde eine Organisationsstelle im Kaiserreich. Die Obrigkeitliche Pastoral erreichte 1930 ihren Höhepunkt. Um 1900 war die Herrschaft und Regierung für das Seelenheil der Untertanten zuständig“, betonte Huscava.

 

„Als die Menschen 1945 erlebten, `Wir erstehen neu als Österreich`, gab es einen Hype der Kirche.“ Mit der Gleichsetzung des Individuums etwa 1960 erlebte die Individualisierung weitere Seiten. Heute herrsche in unserer Gesellschaft der Eindruck vor, Religion sei Privatsache. Neben der Gesellschaftspolitik gäbe es auch die professionelle Politik, skizzierte Huscava die gegenwärtige Zeit.

 

Er resümierte: „Wir spüren, die Macht haben wir nicht mehr. Wir kehren wieder zu den Anfängen zurück, brauchen wieder eine Jüngerschulung. Wir spüren, dass wir nackt dastehen: Ich habe meinen Glauben anzubieten. Unsere Generation zahlt den Preis dafür, was wir für Macht hatten. Es liegt an uns, wo wir Zeugnis geben. Wir stehen in einer Phase, wo uns das bewusst wird, wo Trauerarbeit notwendig ist. Jetzt kommt etwas Neues. Parrochia, Gastgeber, sind gefragt. Es ist eine Phase, dass was war, kommt nicht mehr zurück. Wir können nur die Dinge tun, die wir tun können, mit der Gnade Gottes weiter tun. Mit Gottes Hilfe wird es gelingen“, schloss Huscava.

 

Franz Vock

 

 

 

 

 

 

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