Arbeitswelt

Das Ganze der Wirtschaft sehen und verstehen

Univ.- Prof.in Luise Gubitzer legte Care-Ökonomie und das 5-Sektoren-Modell für ein erweitertes Verständnis von Wirtschaft dar – Traude Novy regte „Barfußökonominnnen“ werden an

„Das Ganze der Wirtschaft sehen und verstehen“ war Anliegen des „Wirtschaft geht anders“ Abends, an dem auf Einladung der Katholischen Frauenbewegung Wien zum kfb-Mobil, der Katholischen Aktion der ED Wien und der Initiative Christlich geht anders über 60 Personen am 7.1. 2019 am Stephansplatz im Zentrum des Apostolates teilnahmen.  

 

Care-Ökonomie macht "Das Ganze" der Wirtschaft sichtbar

Am besten mache die Care-Ökonomie Das Ganze der Wirtschaft sichtbar, da sie das sichtbar mache, „was üblicherweise nicht zur Wirtschaft zählt, nicht im BIP, dem Indikator für die Wirtschaftsleistung eines Landes und für Wachstum enthalten ist, die unbezahlte Arbeit im Haushalt und die ehrenamtliche Tätigkeit“, sagte Univ.-Prof.in Luise Gubitzer, bis 2016 Institutsvorständin am Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien und Vorstandsfrau im Joan Robinson Verein. Care-Ökonomie biete aber „noch mehr, denn bei ihr geht es um etwas Grundlegendes, um Existentielles und gleichzeitig auch um ganz Alltägliches/Normales“, da Ökonomische Literatur, ökonomische Bildung und Care-Ökonomie zusammengebracht werde, was bei fast allen Frauen auch ein Care-Ökonomisches Wissen sei, so Gubitzer.

 

 

Für dieses andere Denken über Ökonomie am Beispiel der Care-Ökonomie nannte Gubitzer vier Punkte:

Erstens: „Care-Ökonomie ist die Ökonomie über die gesamte Lebensdauer und stellt den Menschen in den Mittelpunkt der Analyse“. Da der Mensch als Beziehungswesen „auf die Arbeit anderer Menschen existentiell angewiesen“ sei, befasse sich Care-Ökonomie „damit, dass Menschen gut aufwachsen, gut leben, in Würde altern und sterben können. Eine Ökonomie über die gesamte Lebensdauer und was es dazu braucht“, sagte Gubitzer.

 

Zweitens:Arbeit steht im Zentrum“. Bei der Care-Ökonomie stehe die Dienstleistungsarbeit im Zentrum der Analyse. „Während bei der Herstellungsarbeit ein Mensch mit Material arbeitet, hat bei der direkten Dienstleistungsarbeit ein Mensch mit einem anderen Menschen zu tun“, so Gubitzer. Zwar könne mittels Technologie die Produktion von Autos erhöht, Menschen und Zeit eingespart werden, doch „in der Care-Arbeit kann Technologie nur unterstützend eingesetzt werden aber nicht substitutiv ohne die Qualität zu verschlechtern. Care-Arbeit braucht Zeit, braucht Empathie, eine Beziehung muss aufgebaut werden. Sie braucht spezifische Qualifikationen und sie braucht Entlastung, Pausen, Distanz. Ansonsten besteht die Gefahr der Überforderung und auch der Anwendung von Gewalt“, machte Gubitzer klar.

 

Weil auf der ganzen Welt vor allem Frauen bezahlte und unbezahlte Dienstleistungsarbeit tun, in der EU wie in Österreich über 80% der erwerbstätigen Frauen in Dienstleistungsbranchen arbeiten, befassen sich vor allem feministische Ökonominnen mit Care-Arbeit als Dienstleistungsarbeit, führte Gubitzer aus. Dabei werde zwischen direkter und unterstützender Care-Arbeit unterschieden. Während direkte Care-Arbeit jede Arbeit sei, „bei der mindestens zwei Personen miteinander zu tun haben, eine Person, die die Care-Arbeit an und mit einer anderen Person tut, die die Care-Arbeit braucht“, sei unterstützende Care-Arbeit „zum Beispiel jene Arbeit, die gerade vor Weihnachten angefallen ist und ausgeweitet wurde, wenn vermutlich vor allem Frauen den Weihnachtsputz gemacht haben“, wo „Spinnweben entfernt, Vorhänge gewaschen, aber auch gebacken und dekoriert“ wurde, legte Gubitzer dar.

 

Die Care-Ökonomie zeige daher „die Bedeutung, die die direkte und die unterstützende Care-Arbeit für das Leben jedes Menschen und für das Zusammenleben haben“. Doch dass diese Arbeit auch gemäß dieser Wichtigkeit entlohnt wird, davon seien „wir weit entfernt worin auch eine der größten Ungerechtigkeiten besteht, die möglichst rasch behoben werden muss“, ergänzte Gubitzer.

 

Drittens: „Care-Normen – Geschlechternormen“. Das historische „Spezifikum bezüglich Care-Arbeit, das bis heute nachwirkt und dazu beiträgt, dass Care-Arbeit als Erwerbsarbeit meist niedrig bezahlt wird und damit ökonomisch auch niedrig bewertet wird und, dass sie unbezahlt als Selbstverständlichkeit und selbstverständliche Frauenarbeit gesehen wird“ sei, „dass sie von Sklavinnen und Sklaven, später von Leibeigenen, dann von Mägden und Dienstmädchen sowie Diener und karitativ tätigen Frauen, dann von Hausfrauen und erst mit dem späteren 20. Jahrhundert beginnend von gelernten, studierten, professionellen Care-ArbeiterInnen gemacht wird“, so Gubitzer.

 

Wenn Ökonomen wie Adam Smith (1723-1790) diese Arbeit Frauen Drinnen im Haus und Männern die Erwerbsarbeit Draußen zugeordnet haben, was durch die Künste wie von Friedrich Schillers Glocke verstärkt wurde, seien es diese „Wertungen, Abwertungen ebenso wie Überhöhungen durch Lob … wirkmächtige patriarchale Denkgewohnheiten, die bis in das Heute hereinreichen bei Männern und bei Frauen. Als Care-Arbeit zu Erwerbsarbeit, zu professioneller Arbeit Draußen wurde, wurde diese Abwertung mitgenommen – in alle Sektoren“, sagte Gubitzer.

 

„Dass Care-Arbeit heute diesen niedrigen Status hat, der diametral der Bedeutung für menschliches Leben entgegengesetzt ist“, habe die US-Amerikanische Ökonomin Charlotte Perkins Gilman (1860-1935) ausgezeichnet zusammengefasst, als sie schrieb: Die sozialen Sitten und Gesetze haben diese Frauenrolle, dieses Frauenbild über Generationen durch die Macht der Erziehung Mädchen und Buben „eingebrannt“. Durch die Kunst wurde diese Frauenrolle liebenswert gemacht, durch die Religion geheiligt und durch die Tradition sei sie erstrebenswert worden. Der stete Einfluss von unten, der unbeirrbare Druck der wirtschaftlichen Notwendigkeit, auf der diese ganze Struktur beruhte, festigte sie, legte Gubitzer dar.

 

Wenn auch all diese Kräfte dazu beigetragen haben, dass „für Care-Arbeit Frauen zuständig gemacht wurden und sie diese Zuständigkeit auch angenommen haben“, so gehe die „Care-Ökonomie davon aus, dass Männer wie Frauen zu direkter und unterstützender Care-Arbeit fähig sind und befähigt werden können“, wofür aber noch viel zu tun sei, so Gubitzer.

 

Viertens: Weiterentwicklung der Zivilisation

Im vom Verein Joan Robinson, dem Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie und WIDE herausgegebenen Handbuch: "Wirtschaft anders denken. Feministische Care-Ökonomie: Theorie und Methoden“ werde argumentiert, „dass good care eine Frage der Weiterentwicklung unserer Zivilisation ist“, wobei darunter nicht technischer, sondern „menschlicher Fortschritt, als Fortschritt in unseren Beziehungen, in unserer Sorge um andere Menschen vom Haushalt bis zur globalen Ebene“ verstanden werde.  Nach dem Warenwohlstandsprojekt von Adam Smith brauche es nun ein „Care-Wohlstandsprojekt – theoretisch und politisch“, sagte Gubitzer.

 

„´Wirtschaft geht anders´ heißt in der Care-Ökonomie den Menschen und die gesamte Lebensdauer eines Menschen in den Blick nehmen, von der unbezahlten und bezahlten Arbeit von Frauen, vor allem von Dienstleistungsarbeit auszugehen, Geschlechter- und Care-Normen zu diskutieren und zu verändern um Bezahlung und geschlechtliche Arbeitsteilung zu verändern und die Zivilisation weiterzuentwickeln. Um ´Das Ganze der Wirtschaft zu sehen und zu verstehen´ setzen wir mit der Care-Ökonomie fort, und tun dies an Hand des 5-Sektorenmodell der Gesamtwirtschaft“, sagte Gubitzer vor dessen Vorstellung. „Dieses Modell eignet sich die Gesamtwirtschaft sichtbar zu machen in dem alle Sektoren in den Blick genommen werden in denen gearbeitet und gewirtschaftet wird.

Das Spezifische des Modells ist, dass in jedem Sektor ihm eigene Menschenbilder und Logiken, Rationalitäten angenommen werden, nach denen gewirtschaftet wird“, schloss Gubitzer.

 

„Barfußökonominnen“ werden

„An einem Bein ungeprüfte Hypothesen, am anderen ungeprüfte Slogans – so humpelt die Nationalökonomie daher. Unsere Aufgabe liegt darin, diese Mischung von Ideologie und Wissenschaft so gut es geht auseinander zu halten“, zitierte Traude Novy, die langjährige Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung der ED Wien, die britische Ökonomin Joan Robinson. „Das Thema Wirtschaft aus der Engführung durch neoliberale Ökonomen zu befreien, … den Begriff der Wirtschaft zu erweitern und dabei die eigenen Erfahrungen und das eigene Wissen ernst zu nehmen und einzuordnen“, nannte Vorstandsfrau Novy als eines der Ziele des Joan Robinson Vereins.

 

„So wie es in der Entwicklungszusammenarbeit um die Ausbildung von Dorffrauen zu ´Barfußärztinnen´ geht, sollten wir alle zu ´Barfußökonominnen´ werden, die keine Angst vor der Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Themen haben und die die Fragen der Wirtschaft an der Lebenswirklichkeit auch von Frauen andocken“, brachte Novy die Arbeit auf den Punkt.

 

Wenn auch Wirtschaft nicht explizit eine „Männersache“, der „Homo Öconomicus“ jedoch ein Mann sei, so sei “Wirtschaft aus der Sicht und Lebenswirklichkeit von Frauen zu betrachten für viele Menschen Neuland“, sagte Novy. Um den mystischen Schleier, den Wisssenschaftler, Manager und Medien um die Ökonomie weben, zu heben, gehe es „vor allem um das Wissen um Volkswirtschaftliche Zusammenhänge für jede Frau und jeden Mann in einem demokratischen Gemeinwesen, damit wir unsere Rolle als mündige StaatsbürgerInnen erfüllen können“, sagte Novy.

 

Das 5 Sektoren Modell der Wirtschaft

Durch das von Univ.-Prof.in Luise Gubitzer erarbeitete 5-Sektoren-Modell der Wirtschaft, dem

unterschiedliche Menschenbilder und Rationalitäten zugrunde liegen, bekomme „das Wirtschaften von Frauen einen wichtigen Stellenwert“, erläuterte Novy und nannte als 5 Sektoren der Wirtschaft:

„Der Haushaltssektor - als Grundlage dafür, dass alle anderen wirtschaftlichen Aktivitäten erst möglich werden

Der For-Profit-Sektor – was üblicherweise in einer Engführung eben als „Wirtschaft“ gesehen wird.

Der öffentliche Sektor – das ist der Staat mit all seinen wirtschaftlichen Aktivitäten und dem Setzen von Rahmenbedingungen für die anderen Teile der Wirtschaft und dem Erstellen des Budgets.

Der Dritte Sektor – wo alle sozialen und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten zusammengefasst sind, die nicht der Marktlogik unterliegen, das ist ein oft übersehener, aber sehr großer Sektor

Der illegale – kriminelle Sektor – wo illegale Arbeitsverhältnisse bis hin zu Mafia-Aktivitäten, Menschenhandel, Waffenhandel usw. angesiedelt sind“.

 

Da die derzeitig vorherrschende Konzentration „auf den For-Profit-Sektor und das beinahe alleinige Wahrnehmen dieses Sektors als ´Wirtschaft´ einen großen Teil wirtschaftlichen Handelns, das die Voraussetzung für das Funktionieren unseres Gemeinwesens ist, ausblendet und die Ökonomie im luftleeren Raum ansiedelt“, ermögliche das 5 Sektoren Modell wichtige wirtschaftliche AkteurInnen und Rahmenbedingungen aus der Unsichtbarkeit zu holen, fasste Novy zusammen.

 

Das taten die TeilnehmerInnen dann auch, indem sie ihre Erfahrungen in den verschiedenen Sektoren in kleinen Gruppen ausgiebig zur Sprache brachten. Auch für die anderen referierenden Joan Robinson Vorstandsfrauen wie Ursula Dullnig, Janine Wurzer und Milena Müller-Schöffmann legten an dem Abend den zivilisatorischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Wert und Beitrag der Care-Ökonomie dar. Dankbar, froh und angeregt liesen die BesucherInnen den Abend ausklingen.

 

Franz Vock

 

Ökonomin: Care-Arbeit von Frauen zu wenig beachtet (Artikel Kathpress (pdf))

Die Sorge-Arbeit der Frauen wertschätzen (Artikel Der Sonntag (pdf))

 

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