Sonntag 19. November 2017
Arbeitswelt

Arbeit als Notwendigkeit, oder Tätigkeit „im Reich der Freiheit“

SchülerInnen und Arbeitende suchten: „Was tun, wenn man vom Job nicht mehr gut leben kann…“ –

KAB-Vorsitzender Kuhlmann: „Verändern und das positive christliche Menschenbild wieder diskutieren“

„Arbeit beschreibt menschliches Tun im Reich der Notwendigkeit, Tätigkeit beschreibt Tun im Reich der Freiheit“, mit diesen Ralf Dahrendorf Worten begann Michael Schäfers, von der Katholischen Arbeitnehmer-Innen-Bewegung (KAB) Deutschlands das „Konzept der Tätigkeitsgesellschaft“ bei der Dialogkonferenz zur „Zukunft der Arbeit“ am 11. März 2016 in der Bundeshandelsakademie Wiener Neustadt zu skizzieren, zu der auf Einladung der Katholischen Aktion gemeinsam mit der attac Regionalgruppe Wiener Neustadt, dem Tauschkeis Wiener Neustadt, der AMG-Akademie, der KAB, kfb, KMB, Katholischen Jugend und dem Welthaus rund 100 TeilnehmerInnen aus dem gesamten Industrieviertel kamen.

 

Dringender denn je: Von der Arbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft – Mit einer Befreiung von Entfremdung

Es brauche „dringender denn je eine sozial-ökologische Transformation der Arbeitsgesellschaft hin zu einer Tätigkeitsgesellschaft“ mit einer „Befreiung in und von entfremdenden Formen menschlicher Arbeit“ und „grundlegende Reformen“, betonte Schäfers: Die „Durchökonomisierung aller Lebensbereiche“ (rechnet sich die Ehe, Frauen als „Pufferzonen am Arbeitsmarkt“) mit der Macht- und Herrschaftsverschiebung zugunsten kurzfristiger Profitinteressen führe zu einer Wirtschaft, die tötet, wie Papst Franziskus sagt. Daher brauche es neue Formen der Arbeit (Erwerbsarbeit teilen), „Verteilungsgerechtigkeit muss mitgedacht werden“, eine Entkoppelung der sozialen Sicherheit von Erwerbsarbeit durch bedingungsloses Grundeinkommen, eine Stärkung regionalen Wirtschaftens und regionaler Wertschöpfung mit ökologischer Erneuerung (Infrastruktur, Energiewende), eine Politik von unten (Ausbau der Mitbestimmung) und einen Sinn des Lebens - Die „große Erzählung“ eines solidarischen, gerechten und sinnvollen Ganzen, so Schäfers.

 

Basierte der „Fordismus“ auf einer standardisierten Massenproduktion von Konsumgütern durch Fließbandfertigung mit dem Ziel der Vollbeschäftigung bei „systemischer Ausgrenzung aller Arbeitsformen jenseits der männlich geprägten Erwerbsarbeit“, so wurde der Kern der europäischen Arbeitsgesellschaft (sichere Arbeit, soziale Anerkennung und Aufstieg, soziale Sicherheit) in der Finanzkrise 2007/2008 „aufgesprengt“, erläuterte Schäfers, was zu zwei Zonen führte: Prekäre und durch hohe Arbeitslosigkeit gekennzeichnete „Arbeitsgesellschaften“ z. B. Spanien, Portugal, Griechenland und tendenziell prekäre „Vollbeschäftigungsgesellschaften“ (z.B. Deutschland, Österreich, Niederlande, Vereinigtes Königsreich, Ungarn, Tschechische Republik).

 

Eine Frage des Menschenbilds

„Wir sollten gleich viel Zeit für die vier verschiedenen Arbeitsbereiche aufwenden, die Erwerbsarbeit, die Reproduktionsarbeit wie Sorge und Pflege, die eigene Entwicklung und Entfaltung und für die politische Beschäftigung“, sagte Kerstin Wolter, Mitglied der Dialektikgruppe um Frigga Haug und wissenschaftliche Mitarbeiterin von Katja Kipping, Vorsitzende der Partei DIE LINKE in Deutschland, bei der Vorstellung des Konzepts der „Vier-in-einem-Perspektive“. Wolter betonte: „Außer Haus ist für uns Arbeit, im Haus wird Arbeit gesellschaftlich nicht so geschätzt“. Deshalb brauche es eine Verkürzung der Erwerbsarbeit, damit „Zeit bleibt für die Tätigkeit die uns zum Menschen macht“.

 

Bernhard Saupe von Forba, der Forschungs- und Beratungsstelle für Arbeit, verwies auf die vielen atypischen Beschäftigungen, die in den 80er und 90er Jahren aufgekommen sind, wie geringfügig Beschäftigte (44% kombinieren mit einer Zweitbeschäftigung, Frauen häufiger als Männer), Freier Dienstvertrag (bei Architekten, Ingenieursbüro, Erwachsenenbildung und im Sozialwesen), Leiharbeit, befristete Beschäftigung, neue Selbständigkeit, Praktika, Teilzeitbeschäftigung.

 

In den drei verschiedenen Arbeitsgruppen wurden die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse ausgiebig diskutiert. Mehrere hatten dabei den Eindruck „Es gibt sehr viele Bereiche, wo es brodelt“, „Es wird zu einem Crash kommen“. Alle waren sich im abschließenden Podiumsgespräch einig: „Es lässt sich was verändern“. Und Philipp Kuhlmann, der Vorsitzende der KAB Österreich schloss: „Der Markt ist nicht das Ideal für die Verteilungsfrage. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir unsere Gesellschaft anders aufbauen wollen. Dahinter steht die Frage des Menschenbilds. Es ist Aufgabe der Kirche, das positive christliche Menschenbild wieder zu diskutieren“.                                           

 

Franz Vock

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